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Auge in Auge mit einer Wildkatze

Studentin beobachtet Luchse Auge in Auge mit einer Wildkatze

Mit ungewöhnlichem Gepäck, kam die Marburger Studentin Maleen Liese gestern aus den Weihnachtsferien zurück: Raubkatzen-Fotos. Die hat sie nicht im Zoo geknipst, sondern nur ein paar hundert Meter von ihrem Elternhaus entfernt.

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Quelle: Walter Liese

Marburg. Den Weg durch die Söhre, so heißt das Waldstück bei St. Ottilien östlich von Kassel, kennt Maleen Liese schon seit ihrer Kindheit. Das Haus der Lieses liegt direkt am Waldrand. Das ein Spaziergang da nochmal so aufregend werden kann, hätte sie nicht gedacht.
Am 29. Dezember hatte sie sich früh Morgens mit ihrer französischen Bulldogge Hugo auf den Weg gemacht: Gassi gehen vor dem Frühstück. „Ich war schon fast wieder zuhause. Irgendwann hab‘ ich mich zur Seite umgedreht und ein paar Meter neben dem Weg lag ein Luchs zwischen den Bäumen“, sagt Maleen Liese.

Das Tier hätte richtig auf der Lauer gelegen und die beiden ungebetenen Gäste beobachtet. „Der hatte wohl schon länger bemerkt dass ich da war“, sagt die Studentin. Gefühlt hat sie im ersten Moment irgendetwas zwischen  Aufregung und Faszination: „Das war beeindruckend, ich konnte ganz genau die Pinselohren sehen und die Zeichnungen im Gesicht. Ich hab dann erst mal den Hund richtig fest an die Leine genommen“, sagt die 27-Jährige. Weiter hinten im Wald tauchten in dem Moment zwei weitere Raubkatzen auf. Etwas kleiner, anscheinend Jungtiere.
Auf die Frage, ob sie in der Aufregung denn sofort erkannt hätte, um welche Tiere es sich handelt, reagiert die gebürtige Nordhessin etwas spöttisch: „Wenn ich ein Pferd sehe, weiß ich ja auch, dass das ein Pferd ist“. Luchse sind im nordhessischen St. Ottilien nicht so außergewöhnlich. Immer mal wieder hatten Menschen aus dem Ort in den vergangenen Monaten die sonst scheuen Tiere zu Gesicht bekommen. Ihr Vater und ihre Schwester haben erst im November einen Einzelgänger beobachtet, der auf der Straße kurz vor dem Haus in den Wald rannte, als sie sich mit dem Auto näherten.

Rückkehr in den Wald mit Fotoapperat

Aber so nah dran war lange keiner mehr. Das ältere Tier fing an mit seinem Stummelschwanz zu schlagen, eine Bewegung die Maleen Liese von Hauskatzen kennt, wenn sie verärgert sind oder angreifen wollen: „Die Luchse haben sich dann aber Gott sei Dank ein bisschen von mir entfernt und ich bin zügig nach Hause gegangen, weil ich dachte ich muss den Hund wegschaffen“.Gerannt sei sie absichtlich nicht, weil sie befürchtete ansonsten den Jagdinstinkt der Tiere zu wecken.

Cool reagiert, aber ein bisschen Angst war wohl doch im Spiel. „Zuhause bei den Eltern haben die Hände ganz schön gezittert“, sagt Liese. Trotzdem entschied sich die Familie nochmal in den Wald zu gehen, um ein paar Bilder von den ungewöhnlichen Nachbarn zu machen. Die Neugier siegte: Vater Walter Liese vermutete irgendwo ein geschlagenes Tier in der Nähe, weil Luchse sonst eher scheu sind, bei Kontakt mit Menschen das Weite suchen. Und tatsächlich, die Familie entdeckte einen Rehkadaver ungefähr 300 Meter entfernt von ihrem Haus im Wald, den hatten die Luchse wohl bewacht. Dann entstanden die fantastischen Aufnahmen, die die Luchse ganz nah zeigen. Sie wirken fast zutraulich, wie in einem Gehege, nur dass das nicht umzäunt war. Die Lieses schickten ihre Bilder der heimischen Zeitung, dann kam der Luchs-Beauftrage... und sogar der Fernsehsender RTL fragte nach einem Interview.

Nach ein paar Tagen war der Rummel dann aber wieder vorbei. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir so viel damit auslösen“, sagt Maleen Liese. Die Familie befürchtete, dass nun jede Menge Luchs-Touristen in dem Waldstück vor ihrem Haus auftauchten aber die Luchse zogen weiter und zum großen Hype kam es dann doch nicht. Was für Maleen Liese bleibt, sind die einzigartigen Bilder im Kopf und die einzigartigen Naturaufnahmen auf der Foto-Chipkarte ihres Vaters. „Davon kommen bestimmt ein paar an die Wand in meine Marburger Wohnung“, sagt Maleen Liese.

Drei Fragen an:

Christian-Peter Foet ist Forstamtsleiter in Melsungen und Luchsbeauftragter der nordhessischen Forstämter. Er weiß: Wer den Luchs respektiert, braucht nichts zu befürchten.
OP : Herr Foet, was macht man, wenn man im Wald auf Luchse trifft. Sich langsam zurückziehen, so wie Maleen?
Christian-Peter Foet: Man sollte ganz normal mit einer Luchs-Beobachtung umgehen. Man kann ihn beobachten, dabei ganz normal weitergehen. Es ist auch ganz ungefährlich und wünschenswert, wenn man ihn fotografiert – auch mit Blitzlicht. Wünschenswert, weil wir davon profitieren, wenn die Leute uns die Bilder schicken. Dann haben wir eine bestätigte Meldung. ( christianpeter.foet@forst.hessen.de.)
OP: Sind Menschen denn keine potentielle Beute? Schließlich reißen die Raubkatzen auch große Rehe.
Foet : Es gibt in der Literatur keinen einzigen Fall, in dem ein Luchs einen Menschen angegriffen hat. Sie respektieren uns, solange wir sie respektieren. Wenn sie gerade ein Tier gerissen haben, verteidigen sie natürlich ihren Riss. Deswegen gilt: nicht auf den Luchs zugehen, sondern in eine andere Richtung weggehen. Man sollte sich nicht in großen Gruppen um den Luchs scharen.
OP: Kommt es oft vor, dass Luchse sich – wie in diesem Fall – in der Nähe menschlicher Siedlungen aufhalten?
Foet: Ja, denn das Haupt-Beutetier der Luchse sind Rehe. Luchse leben zwar im Wald, zurückgezogen, aber sie haben keine Scheu. Die Rehe leben oft an Waldrändern und Feldgemarkungen und dort halten sich dann auch die Luchse auf.

von Tim Gabel

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