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Aufschub für Breitband-Finanzierung

Schnelles Internet Aufschub für Breitband-Finanzierung

Im Landkreis warten die Menschen dringend aufs schnelle Internet. Doch zunächst stoppt das Verfahren. Ein Vorhaben der Telekom sorgt für Aufschub.

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Landrat Robert Fischbach greift in den Verteilerkasten. Glasfaserkabel für schnelles Internet ist im Landkreis gefragt – doch im Moment ist offen, wie es weitergeht mit dem Ausbauplänen.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Landrat Robert Fischbach (CDU) gibt seine Zuversicht nicht auf. „Im Sommer werden hoffentlich die ersten Bagger rollen“, sagt er über den angestrebten Breitband-Ausbau für Marburg-Biedenkopf, der fast schon in trockenen Tüchern zu sein schien. Der Landrat glaubt noch immer daran, dass Marburg-Biedenkopf in drei Jahren flächendeckend mit schnellem Internet versorgt ist, dass die zahlreichen „weißen Flecken“ auf der Landkarte endlich verschwinden werden. Doch zumindest vorerst lautet der Status: Aufschub.

Die von Kreis und Kommunen gegründete Breitband-Gesellschaft hätte demnächst mit dem Bau des 550 Kilometer umfassenden Glasfasernetzes beginnen wollen, als potenzieller späterer Betreiber hatten in der Ausschreibung bereits sechs Anbieter ihr Interesse bekundet. „Normalerweise wären wir jetzt mit den geeigneten Bewerbern in ein Verhandlungsverfahren eingetreten, aber der Darlehensantrag über die 43 Millionen Euro Investitionskosten, der jetzt mit allen Unterlagen zur Entscheidung vorliegt, ist von der WI-Bank zurückgestellt worden“, erklärt Fischbach gestern gegenüber der OP. Der Grund dafür sei ein Antrag der Telekom bezüglich „Vectoring“ bei der Bundesnetzagentur.

Vectoring ist die Erweiterung einer DSL-Übertragungstechnik - dadurch kann die Übertragungsrate pro Teilnehmeranschluss gesteigert werden (siehe HINTERGRUND). „Es gefährdet den offenen Zugang anderer Betreiber auf die letzte Meile, das Kupferkabel vom Verteilerkasten zum Haus“, sagt Fischbach.

„Die Entscheidung der Bundesnetzagentur ist deshalb für viele kommunale Projekte von großer Bedeutung und wird mit Spannung erwartet. Wenn sie den Vectoring-Antrag der Telekom genehmigen würde, dann könnte nach jetziger Lesart niemand anderes über die Kabelverteiler an die Hausanschlüsse heran“, verdeutlicht der Landrat. Das wäre dann das Ende des Vorhabens der Breitband-GmbH - „doch es gilt als unwahrscheinlich, dass dieser Antrag durchkommt, denn dann wäre kein diskriminierungsfreier Zugang für andere Anbieter mehr möglich.“

Die Zeichen stehen nun auf Warten. Und in der Wartezeit gibt‘s für die heimische Breitband-Gesellschaft wieder Arbeit. Die WI-Bank Hessen, die die 43 Millionen Euro für den Netzbau finanzieren soll, stellt neue Hürden in den Weg. „Unser Finanzierungsantrag liegt seit August vergangenen Jahres bei der WI-Bank“, berichtet Fischbach, „und wir haben jetzt bestimmt schon fünfmal nachgebessert“. Dass jetzt noch mal im größeren Stil nachgearbeitet werden soll, kann Fischbach nicht richtig nachvollziehen - „zumal das Land ja für die 43 Millionen Euro bürgt“. Trotzdem hat die WI-Bank der Breitband-Gesellschaft weitere Auflagen gemacht. „Sie verlangt ein neues Markterkundungsverfahren und eine Erklärung des Landkreises und der Kommunen, dass sie das Darlehen der WI-Bank absichern sollen.“ Daher hat die Gesellschafterversammlung der Breitband Marburg-Biedenkopf am Montag einstimmig beschlossen, dass noch ein neuer Weg geprüft werden soll.

Anbieter für Bau und Betrieb des Netzes gesucht

Gesucht ist jetzt ein General-anbieter für den Bau und den Betrieb des Glasfasernetzes. „Da wir im letzten Jahr schon eine solche Abfrage gemacht haben, ist uns allerdings klar, dass ohne Zusatzleistung von uns kein Anbieter zu finden sein dürfte“, sagt Fischbach. Daher will die Gesellschaft die Anbieter auffordern, zu benennen, welche Vorleistung aus kommunaler Hand, finanziert aus Steuermitteln, die Breitband-Gesellschaft erbringen müsste, um sie für den Ausbau zu gewinnen.

„Das könnte etwa das Verlegen von Leerrohren oder Erdarbeiten sein“, erklärt Fischbach. „Wir haben die Hoffnung, dass sich auf diesem Weg ein Unternehmen finden lässt, das in zwei bis drei Jahren den Landkreis komplett mit Glasfaser ausbaut und das Netz betreibt.“ Das Risiko für die öffentliche Hand wäre damit auf eine einmalige Sachleistung begrenzt, hebt der Landrat hervor.

Hintergrund: Erläuterungen zum Thema Vectoring aus einer Antwort des Kreisausschusses gegenüber dem Kreistagsabgeordneten Adnan Yildirim (Die Linke) aus der jüngsten Kreistagssitzung: Der Einsatz der Vectoring-Technik setzt voraus, dass die in jedem Ortsteil vorhandenen Kabelverzweiger (KVZ), von denen im Landkreis 650 existieren, mit Glasfaser erschlossen sind. Die Vectoring-Technik wird dann eingesetzt, um die „letzte Meile“ vom KVZ in die Häuser, die aus Kupferleitungen besteht, zu „tunen“. Das heißt, das Lichtwellensignal, das sich durch die Kupferleitung erheblich verlangsamt und je nach Entfernung höchstens noch 50 MBit pro Sekunde im jeweiligen Telefonanschluss im Haus erreicht, kann mithilfe der Vectoring-Technik seine Geschwindigkeit verdoppeln und bis zu 100 MBit pro Sekunde erreichen. Da im Landkreis die meisten KVZs noch nicht mit Glasfaseranschluss erschlossen sind, ist der Einsatz dieser Technik erst möglich, wenn die Breitband-Gesellschaft oder ein anderer Anbieter ihr Breitbandprojekt, bei dem alle KVZ mit Glasfaseranschluss versorgt werden sollen, im Landkreis umgesetzt hat.

von Carina Becker

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