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Aufräumen mit den Irrtümern

Welt-Aids-Tag Aufräumen mit den Irrtümern

Die Diagnose „HIV-positiv“ ist dank wirksamer Medikamente kein Todesurteil. Doch falsche Vorstellungen über Aids halten sich hartnäckig.

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Am Sonntag ist Welt-Aids-Tag.

Quelle: Nikola Ohlen

Marburg. „Immer mehr Menschen in Deutschland leben mit HIV“, schreibt das Robert-Koch-Institut in einer aktuellen Mitteilung. Das klingt wie eine Schreckensnachricht – ist es aber nicht. Denn wenn man das Wort „leben“ betont, gewinnt der Satz eine ganz andere Bedeutung: Immer mehr Menschen leben, obwohl sie seit Jahren HIV-infiziert sind. „Eine HIV-Infektion ist heutzutage kein Grund mehr, seine Lebensplanung zu ändern“, betont Mario Ferranti von der Aids-Hilfe Marburg. Dank wirksamer Medikamente ist die Immunschwächekrankheit inzwischen gut behandelbar. Immer wichtiger wird deshalb die Früherkennung, vor allem für homosexuelle Männer und für Drogenkonsumenten. „Wer zu einer der hauptsächlich betroffenen Gruppen gehört, sollte sich regelmäßig testen lassen“, rät Ferranti.

Der ehemalige Marburger Rechtsanwalt Bernd Aretz, der am Sonntag anlässlich des Welt-Aids-Tages zu einer Filmvorführung nach Marburg kommt, ist ein Beweis dafür, dass die Diagnose „HIV-positiv“ kein Todesurteil sein muss. 1984, als bei dem heute 65-Jährigen Aids diagnostiziert wurde, war das noch anders. Denn erst im Jahr 1995 kamen wirksame Medikamente gegen Aids auf den Markt. In den Jahren zuvor starben viele Erkrankte unter großen Qualen. Aretz selbst musste miterleben, wie sein Lebenspartner erblindete, abmagerte, auf den Rollstuhl angewiesen war, nicht mehr sprechen konnte und schließlich starb. Das hat Aretz mitgenommen, zudem hat er „gelebt bis zum Anschlag“ und sich „die Lunge kaputt geraucht“. 2002 wurde er erwerbsunfähig – nicht wegen Aids, sondern wegen seiner Lunge und der „angeschlagenen Seele“.

Ein Drittel der Mandanten ging verloren

Seinen Lebensmut und seinen Humor hat Aretz trotz allem nicht verloren. „Das Entscheidende in einer schwierigen Situation ist, handelndes Subjekt zu bleiben und nicht zum Opfer zu werden“, lautet sein Credo. Deshalb nahm er an medizinischen Studien teil, arbeitete weiter als Anwalt, solange es ging. Er engagierte sich für HIV-Infizierte – und er scheute sich nicht, seine Infektion öffentlich zu machen. „Mir blieb nichts anderes übrig, als selbst rauszugehen und mich dazu zu bekennen.“  Dass er schwul ist, daraus hatte Aretz vorher schon keinen Hehl gemacht. 1990  wagte er sein zweites „Coming out“: Er bekannte sich in einem Fernsehbeitrag öffentlich zu seiner HIV-Infektion. „Das hat mich ein Drittel meiner Mandanten gekostet“, bilanziert er heute. „Es waren schon erhebliche wirtschaftliche Einbrüche.“

Aretz bekam mit, dass Kollegen hinter seinem Rücken über ihn sprachen. „Da gab es schon Unflätigkeiten, wo man sich zur Wehr setzen musste“, sagt der 65-Jährige. Doch er bereute seinen offenen Umgang mit der Infektion nicht. „Die guten Erfahrungen haben bei Weitem überwogen. Es gab in Marburg eine wunderbar solidarische linke Szene, die versuchte, mich zu unterstützen, wo es nur ging“, berichtet er. Andere Kanzleien hätten ihm sogar gezielt Mandanten für sein Fachgebiet Sozialrecht geschickt.

Als HIV in den 1980er Jahren entdeckt wurde, reagierte die Öffentlichkeit hysterisch. Experten befürchteten eine epidemische Ausbreitung der Krankheit in Deutschland. Und die damals weit verbreiteten Vorurteile gegenüber Homosexuellen wurden auf die Krankheit übertragen.  Medien und Politiker forderten, die vermeintliche „Schwulenseuche“ massiv zu bekämpfen – mit Zwangstests und der Isolation von Infizierten. In dieser Zeit  entstanden die Aids-Hilfen, die einen anderen Ansatz verfolgten: Sie wollten die Bevölkerung über die Krankheit, über Infektionsrisiken und Tests aufklären. Aretz hat diese Debatten miterlebt – und berichtet darüber im Dokumentarfilm „Der Aids-Krieg“ von Jobst Knigge.

Irrtümer halten sich hartnäckig

Obwohl HIV heute in der Regel nicht tödlich ist und man viel mehr über die Krankheit weiß, halten sich Irrtümer über Aids in der Öffentlichkeit, beklagt Mario Ferranti:
- Der HIV-Test: Für die Behandlung von Infizierten ist es unheimlich wichtig, dass eine Infektion früh erkannt wird. Für die Prävention hilft ein Test dagegen wenig, denn er greift erst sechs Wochen nach der Infektion. Das Risiko, die Krankheit zu übertragen, ist jedoch gerade in der frühen Phase direkt nach der Ansteckung hoch.

- Das Infektionsrisiko: Ein negativer HIV-Test verleitet zudem viele zu der falschen Annahme, dass keiner ihrer Sexualpartner infiziert sei. Das ist jedoch ein Irrtum, weil selbst beim Sex mit einem unbehandelten Infizierten das Ansteckungsrisiko relativ gering ist.

- Die  verzerrte Wahrnehmung: Obwohl Aids längst nicht mehr als „Strafe für Unmoral“ gilt, nehmen viele Menschen bei sexuellen Kontakten, die nicht ihrem moralischen Selbstbild entsprechen, ein höheres Risiko wahr. Viele meinen beispielsweise, dass sie sich beim Sex mit einer Prostituierten oder bei einer Affäre mit HIV infizieren könnten – aber nicht in einer Beziehung. Das hintertreibt die Prävention, weil sich Menschen im falschen Moment sicher fühlen. Dabei gilt immer: Kondome schützen.

- Die Chancen für Infizierte: Wer medikamentös gut behandelt wird, kann heute als HIV-Infizierter normal seinen Beruf ausüben. Zudem liegt die Viruslast unter der sog Nachweisgrenze, das Übertragungsrisiko sinkt gegen null – eine wichtige Information für Paare, wenn ein Partner infiziert ist. Selbst viele Ärzte glaubten noch, dass sie sich anstecken könnten, wenn sie einen HIV-Infizierten behandeln, kritisiert Bernd Aretz. Er würde auch heute noch jedem davon abraten, beispielsweise im Bewerbungsgespräch über eine HIV-Infektion zu reden. Aber eines hat er festgestellt: „Wenn man sich seinen Ängsten stellt, verlieren sie ihren Schrecken.“

von Stefan Dietrich

Traumatisierte Überlebende

Der Kölner Autor Jan Stressenreuter beschreibt in seinem Roman  „Wie Jakob die Zeit verlor“, wie Aids auch die Überlebenden traumatisiert. Protagonist des Buches ist Jakob, ein schwuler Mann, dessen Freund an HIV gestorben ist. Jakob kann dies nicht verkraften, und so zerbricht auch eine neue Beziehung an seiner Unfähigkeit, zu trauern. „Ich denke, dass in den 80ern fast jeder schwule Mann jemanden verloren hat“, sagte Stressenreuter im Gespräch mit der OP. „Das Thema brannte mir seit Jahren unter den Nägeln.“  Inzwischen gebe es sogar einen Fachbegriff für die Traumatisierung der Überlebenden – das „Aids-Survival-Syndrom“, so Stressenreuter, der in dem Buch auch eigene Erfahrungen verarbeitet hat.

Selbst viele schwule Männer hätten heute keine Vorstellung mehr davon, unter welchen Qualen ein Aidskranker in den 1980er Jahren gestorben sei, hat der Autor festgestellt. Diesen Bogen zur Gegenwart spannt er in der „Liebesgeschichte in den Zeiten von Aids“, die er morgen im Café am Grün vorstellt.

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