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Aufbruchstimmung versus Skepsis

Eon-Rekommunalisierung Aufbruchstimmung versus Skepsis

Am Freitag entscheidet der Kreistag über den Rückkauf des Energieversorgers Eon Mitte AG durch die kommunalen Minderheitsgesellschafter. Wichtige Fragen wurden bisher nur hinter verschlossenen Türen beraten. Ein Überblick.

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Strommasten zwischen Schröck und Roßdorf.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Zwölf Landkreise, darunter Marburg-Biedenkopf, und die Stadt Göttingen entscheiden über die sogenannte Rekommunalisierung der Eon Mitte AG. Dem Plan liegt ein komplexer Prozess zugrunde, der, vorbereitet durch auf solche Unternehmensübergänge spezialisierte Berater und Juristen, über mehrere Schritte zu einer umstrukturierten Eon Mitte führt, die unter dem neuen Namen EAM („Energie aus der Mitte“) zu 100 Prozent den beteiligten Kommunen gehören würde.

Viele Details, zum Beispiel der Kaufpreis, wurden im Vorfeld der Entscheidungen nicht veröffentlicht, auch aus „börsenrechtlichen Gründen“, denen der Eon-Mutterkonzern unterliegt. Aus diesem Grund wurde zwischen den Verhandlungspartnern eine Geheimhaltungsklausel vereinbart.

Damit die Kommunalpolitiker der beteiligten Landkreise und der Stadt Göttingen aber wissen, worüber sie abstimmen, wurde ihnen ein als streng vertraulich eingestuftes Papier übergeben.

Wie läuft der Rückkauf ab?

Vor dem eigentlichen Verkauf wurde bereits der Unternehmensteil Vertrieb (die Stromkunden) abgetrennt und in den Eon-Mutterkonzern überführt. Als Gegenleistung überträgt Eon eigene Aktien im Wert des Vertriebs an die Eon Mitte AG. Diese zieht diesen Teil der Aktien ein, das heißt, dass sich das Aktienverhältnis zwischen Eon und den kommunalen Anteilseignern verschiebt. Statt 26,7 Prozent halten Göttingen und die Landkreise durch die Verringerung der Aktienzahl dann 32,1 Prozent an der Eon Mitte AG.

Im nächsten Schritt kaufen die kommunalen Altaktionäre den 67,9-Prozent-Anteil von Eon. Finanziert wird dieser über Banken, abgesichert wird die Summe über Bürgschaften, die jeder Aktionär in Höhe von 80 Prozent seines Anteils stellt.

Bedient werden sollen die Kredite aus den erwirtschafteten Gewinnanteilen, die den Aktionären zustehen. Darüber hinaus soll für die Anteilseigner noch eine jährliche Dividende von zusammen 12 Millionen Euro bleiben, die nicht in Zins und Tilgung fließen. Der Landkreis Marburg-Biedenkopf erhöht seinen Anteil an Eon Mitte in diesem Schritt von 2 auf knapp 7,6 Prozent - zumindest vorübergehend. Denn: In einem weiteren Schritt können sich die Städte und Gemeinden im Eon-Mitte-Gebiet ebenfalls in das Unternehmen einkaufen, sofern sie 10 Prozent ihres Anteils als Eigenkapital einbringen.

Wer kann sich beteiligen?

Maximal würden die Altaktionäre 49,9 Prozent ihrer Anteile weitergeben, zunächst aber nur an die, die auch die Konzessionen an Eon Mitte vergeben haben. Finden sich darunter nicht genügend Interessenten, könnten die anderen Städte und Gemeinden oder andere Partner wie Stadtwerke zum Zuge kommen. Das sieht ausdrücklich die Beschlussvorlage für die heutige Kreistagssitzung vor. Allerdings ist dies innerhalb der Gruppe der Eon-Kommunen durchaus umstritten, wie ablehnende Äußerungen von Dautphetals Bürgermeister Bernd Schmidt im Ausschuss nahelegen.

Was kostet der Rückkauf?

Der Gesamtwert von Eon Mitte inklusive Vertrieb wurde zum 1. Januar 2013 in der Bilanzsumme auf 1,117 Milliarden Euro taxiert. Der Kaufpreis, den die Unternehmensberatung Ernst & Young ermittelt hat, lag ohne den Vertrieb bei 926 Millionen, der Eon-Anteil hätte demnach 629 Millionen Euo betragen.

Der verhandelte Kaufpreis liegt darunter - für die von den Kommunen zu erwerbenden 67,9 Prozent werden demnach bei 582 Millionen Euro fällig. Dazu kommen bei einer Bezahlung zum Jahresende etwa 30 Millionen Euro an Zinsen, da der Verkauf rückwirkend ab dem 1. Januar 2013 abgewickelt wird. Im Gegenzug haben die kommunalen Aktionäre Anspruch auf die volle Gewinnausschüttung des Jahres 2013, nicht nur auf ihren 27-Prozent-Anteil.

Mit Zinsen und geschätzten Nebenkosten für die Abwicklung des Geschäfts in Höhe von 5 Millionen Euro beläuft sich der Endpreis auf 617 Millionen Euro. Auf unseren Landkreis entfallen davon 47,4 Millionen Euro, die zu leistende Bürgschaft beträgt 37,9 Millionen Euro. Finanzieren sollen den Kaufpreis letztlich die Gewinnausschüttungen der Eon Mitte AG. Darüber hinaus sollen die jährlichen Dividendenzahlungen an die Aktionäre (2012: insgesamt 12 Millionen Euro) in gleicher Höhe erhalten bleiben. Insgesamt schüttete Eon Mitte im Jahr 2012 an die Teilhaber 45 Millionen Euro aus.

Was ändert sich für Kunden?

Wenn sie es nicht wollen, nichts. Nach wie vor kann jeder Haushalt seinen Stromanbieter frei wählen. Wer der Netzbetreiber ist, ist dabei zweitrangig. Für Eon-Strom- oder -Gaskunden bleibt alles beim Alten. Sie sind Vertragspartner des Eon-Konzerns.

Die Eon Mitte verfügt mit dem Übergang an die Kommunen zunächst nicht mehr über Endkunden, sie stellt, vereinfacht ausgedrückt, nur die Dienstleistung des Strom- und Gastransports über ihre Netze an die Kunden anderer Energieversorger zur Verfügung.

Da die zur EAM umfirmierte Eon Mitte allerdings vorhat, wieder einen eigenen Vertrieb und einen Kundenstamm aufzubauen, werden sie sicherlich auch auf die Eon-Kunden zukommen und ihnen einen Wechsel anbieten. Neben den Stadtwerken Marburg gibt es dann einen zweiten Energieversorger im Kreis, der mit der „regionalen Herkunft“ punkten und dem Eon-Konzern entsprechend Kunden abwerben will.

von Michael Agricola

Grafiken von Nikola Ohlen

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