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„Auf einmal ist alles voller Blut“

Sarah (16) ritzt „Auf einmal ist alles voller Blut“

Wenn der Druck zu groß wird, ritzt sich Sarah mit Rasierklingen die Unterarme auf. Hier erzählt sie, warum - auch wenn sie das sonst lieber mit sich selbst ausmacht.

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Quelle: Grafik: Sven Geske

Marburg. "Mein Kopf sagt, ‚mach es nicht‘, aber mein Körper will es unbedingt. Und auf einmal ist alles voller Blut. Das nächste, was ich wahrnehme, ist, dass ich mit einem Taschentuch die Wunden abtupfe“, sagt Sarah. Ihre Haare sind so blau wie ihre Augen. Die Stimme ist fest, aber traurig.

Sarah ritzt sich regelmäßig mit Rasierklingen die Unterarme auf. Links und rechts reihen sich die braunen Narben in Sarahs heller Haut vom Handgelenk bis hoch über den Ellenbogen und verschwinden im T-Shirt.

Angefangen hat sie in der siebten oder achten Klasse. Ungefähr zu der Zeit, zu der sich ihr Vater zum zweiten Mal scheiden ließ. Erst kratzte sie sich an den Armen, bis das Blut lief. Dann baute sie die Klinge aus ihrem Anspitzer, um sich damit zu schneiden. Ihre Mutter nahm ihr den Anspitzer weg, dann das Taschenmesser, und schließlich kaufte Sarah Rasierklingen. „Ich brauche halt etwas möglichst Scharfes.“

Mit den Klingen ritzt Sarah immer wieder ihre Haut auf. Manchmal täglich. Sie hat sich schon mehrmals so tief geschnitten, dass sie ins Krankenhaus gebracht wurde, um einem Arzt die Wunden zu zeigen.

„Warum?“, fragt Sarahs Mutter. „Warum?“, fragen ihre Klassenkameraden. Und Andere stellen sich selbst die Frage, wenn sie Sarahs Narben sehen. Sie trauen sich aber nicht, laut zu fragen. „Ich weiß nicht warum“, antwortet Sarah. Aber sie hat ein Gefühl: „Wenn der Druck zu groß wird, muss ich es machen.“

Sarah: „Ich war eigentlich froh, als ich sitzengeblieben bin. So kam ich endlich  aus der Klasse raus.“

Der Druck. Er kommt, wenn sie sich mit jemandem streitet. Wenn sie sich im Stillen ärgert, wenn jemand wieder fragt „warum“, obwohl er die Antwort sowieso nicht verstehen würde.

In der Schule wurde Sarah zur Außenseiterin. „Die haben mich Freak genannt. Oder Mundgulli“, erinnert sich die 16-Jährige. Ob sie ausgegrenzt wurde, weil sie depressiv war und immer wieder frische Narben an den Armen hatte, oder ob sie sich umgekehrt immer schlechter fühlte, weil sie in der Klasse an den Rand gedrängt wurde – das lässt sich kaum trennen. „Ich wäre am liebsten gar nicht mehr hin gegangen. Aber ich wusste, dass ich musste – mich zu weigern hätte auch nichts daran geändert.“

Als Sarah schließlich sitzenblieb, war sie froh, endlich in eine andere Klasse zu kommen. Dass ihre alten Klassenkameraden sie gleich nach der letzten gemeinsamen Stunde aus dem Whatsapp-Chat schmissen, tat ihr trotzdem weh. In der neuen Klasse ging es erst einmal besser. Doch dann wurde der Druck wieder größer und Sarah dachte daran, sich das Leben zu nehmen. Sie kam nach Marburg in die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Früher gab es eine Sache, die Sarah von ihren dunklen Gedanken abbrachte. Sie spielte lange Fußball und war auch erfolgreich. Sport ist bis heute die beste Möglichkeit für sie, Druck abzubauen. Sich auszupowern, ohne sich selbst zu verletzen. Aber seitdem Sarah Knieprobleme hat, darf sie kein Fußball mehr spielen. In der Marburger Klinik lernt sie jetzt Techniken, ihre Emotionen zu verarbeiten und dem Willen zu widerstehen, sich zu ritzen. Die „Skills“ reichen von Meditation und Chilisessen bis zum Haargummischnipsen. Anstatt sich zu schneiden, soll sie ein Haargummi auf ihre Arme schnalzen lassen. „Aber das bringt mir eigentlich nichts. Ich habe den Arm voll blauer Flecken und spüre es trotzdem kaum“, sagt Sarah. Vor Kurzem hat sie in der Klinik so fest mit der Faust gegen die Wand geschlagen, dass ein Stück vom Knochen abgesplittert ist.

Sarah: „Ich will meine Mutter schützen – ich will ihr nicht alles erzählen, was in meinem Kopf passiert.“

Beim Ritzen verfällt sie in eine Art Trance. „Mein Körper macht das ohne meinen Kopf. Ich weiß nicht, warum ich mir nicht dabei die Adern aufschneide.“ Obwohl die Schnitte gefährlich nahe am Puls aufhören, hat Sarah beim Ritzen nicht die Absicht, sich das Leben zu nehmen.

Sarah will später Rettungssanitäterin werden oder Ärztin. „Ich will anderen Menschen helfen“, sagt sie und schiebt dann ironisch hinterher: „Und Blut kann ich auch sehen.“ Der 16-Jährigen ist bewusst, dass ihre Art, mit innerer Anspannung umzugehen, krass ist. Sie weiß, wie ihre Narben auf Andere wirken. Dass vielen Menschen bei dem Gedanken schlecht wird, sich mit einer Rasierklinge die Haut aufzuschlitzen.

„Ich frage mich manchmal, warum jemand mit mir befreundet sein wollen sollte“, sagt Sarah. Die Angst, andere Menschen abzuschrecken, ihnen Kummer zu bereiten, scheint in ihr viel größeren Druck aufzubauen, als die Sorge um ihre Arme. „Eine Narbe mehr oder weniger“, sagt sie – darauf komme es jetzt auch nicht mehr an.

Was Sarah wirklich bewegt, wenn sie in ihr Zimmer geht und zur Klinge greift, will sie anderen nicht zumuten.

von Thomas Strothjohann

Was es mit Sarahs Druck aus medizinischer Sicht auf sich hat, erklärt der Marburger Psychiater Michael Haberhausen im Interview.

Hilfe

Wenn Jugendliche depressiv sind, brauchen sie Hilfe. Denn  rechtzeitig erkannt und behandelt bestehen laut Jörg Tischler, dem Koordinator des Marburger Bündnisses gegen Depression, sehr gute Heilungsaussichten. Werde eine Depression dagegen nicht erkannt, führe das zu unnötigem Leiden, zur Gefährdung der Betroffenen und im schlimmsten Falle zur Selbsttötung.
Das Bündnis gegen Depression berät Betroffene und Angehörige und vermittelt bei Bedarf Experten.
Ein weiteres Angebot  für Jugendliche gibt es im Netz: Fighting Depres­sion Online (fideo). Auf der Website gibt es neben einem therapeutisch moderierten Forum auch einen Selbsttest, in dem Jugendliche herausfinden können, ob sie an einer Depression leiden:

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Michael Haberhausen, der stellvertretende Direktor der Marburger Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, erklärt, was es mit dem Druck auf sich hat, wegen dem sich Sarah regelmäßig die Arme aufritzt.

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