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Auf der Suche nach der Schönheit

Forschung Auf der Suche nach der Schönheit

Mit einer Pulsuhr am Handgelenk und zwei Elektroden am Finger will Mathias Scharinger herausfinden, wer, was, wann genau schön findet. Der Marburger ist Neurolinguist.

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Im Art-Lab des Instituts wird jede emotionale Reaktion der Testpersonen auf Gedichte und ihre Vertonung aufgezeichnet. Fotos: Jörg Baumann

Quelle: Jörg Baumann

Frankfurt. Das Schöne kommt auf Umwegen. Mathias Scharinger steht auf der Bühne und erklärt den Testpersonen, wie sie sich verkabeln. Gleich geben Künstler ein Konzert und der Marburger Neurolinguist Scharinger will herausfinden, wer, was, wann genau schön findet. Dazu müssen die Probanden eine Pulsuhr ums Handgelenk legen und zwei Elektroden an die Finger. Die zeichnen die Herzfrequenz und den Hautwiderstand als Maß für die Erregung auf.

Wir befinden uns im Art-Lab des Max-Planck-Instituts für empirische Aesthetik in Frankfurt. Die Forscherinnen und Forscher wollen herausfinden, was das Schöne ausmacht. Mit naturwissenschaftlichen und technischen Methoden. Damit sitzen sie ziemlich krass zwischen den Stühlen: Schönheit messen - das bringt die traditionellen Geisteswissenschaften auf. Die Naturwissenschaften interessieren sich indes gar nicht dafür: Alles zu subjektiv und schlecht objektivierbar.

Doch genau das soll im Art-Lab geschehen. Gleich treten der Tenor Rafael Bruck und die Pianistin Lea Fink auf die Bühne. Bruck rezitiert zunächst ein Gedicht, dann singt er die Vertonung desselben. Die rund 40 verkabelten Probanden müssen während des Stücks auf einem Display ihren Stimmungswert per Fingerzeit dokumentieren. Anschließend gibt‘s Bewertungen nach Schulnoten: war der Text oder der Gesang harmonisch, schön, beruhigend, aufregend, abschreckend? Rund 20 Kategorien, teils mit überlappender Bedeutung, haben sich Mathias Scharinger, seit diesem April Professor für Phonetik an der Uni Marburg, und seine Kollegen ausgedacht.

Elf Gedichte und Vertonungen aus der Literaturepoche der Romantik trägt Bruck vor. Dann sind die zwei Stunden auch schon rum. Kameras und Mikrophone im Akustikraum haben zusätzlich jede Regung der Menschen während dieses Forschungskonzerts im Raum aufgezeichnet. Jetzt können die Forscher um den Literaturwissenschaftler und Direktor Winfried Menninghaus an die Auswertung der Daten gehen.

Menninghaus ist einer von drei Direktoren des 2012 in Frankfurt eingerichteten MPI für empirische Aesthetik. Der Forscher hat in den 1990er-Jahren in Marburg Philosophie, Geschichte und Politikwissenschaft studiert und über Walter Benjamins Theorie­ der Sprachmagie promoviert. Dem Forscher geht es um die Wirkung von Texten. Die Kollegin Melanie Wald-Fuhrmann untersucht, wie Musik wirkt und MPI-Direktor David Poeppel interessiert sich etwa für die Hirnaktivitäten beim ästhetischen Genuss von Sprache und Musik und wie sich Sprachstrukturen im Gehirn ausbilden.

Vergangenen November stand Kurt Schwitters „Ursonate“ auf dem Programm. Eine brachiale­ Mischung aus Urlauten. Der Laut-Sprecher, Musiker und Performer Michael Schmid rezitierte gekonnt die Ursonate mit ihren „Fümms bö wö tää zää Uu“.

Was macht ein Gedicht oder einen Text schön?

Er machte das vielleicht zum 90. Mal. Verhaspelt hatte er sich nicht, baute als verstecktes Osterei aber das Wort „Trump“ ein, als es martialischer zuging.

„Schwitters ist hier näher an der Musik“, erklärt Menninghaus. Und Kollege Scharinger: „Wir wollten ganz bewusst die semantische Ebene ausschalten; uns also rein auf die Tonebene fokussieren.“

Die Forscher vermuten nämlich, dass es in Gedichten nicht nur ästhetische Kriterien wie Versmaß und Reim gibt, sondern auch die Sprachmelodie wie sie in der Musik eine Rolle spielt. Diesen Gesetzmäßigkeiten - „was macht ein Gedicht oder einen Text schön“ - sind die Forscher auf der Spur. Erste Ergebnisse liegen schon vor: Es gibt eine spezifische Sprachmelodie für Gedichte. Menninghaus: „Und das Coolste: Genau die Gedichte mit ganz spezifischen ­Eigenschaften der Melodie wurden dann von Komponisten vertont.“ Dichter haben ganz offensichtlich ein Gespür dafür, wie die Organisation der Worte einen Melodie-Effekt ergeben.

In weiteren Teststudios bekommen Probanden beispielsweise­ eine Elektrodenhaube für ein EEG (Elektroenzephalogramm), um Gehirnströme zu messen. Oder der Blickverlauf (Eye-Tracking) bei Filmen oder beim ­Gedicht lesen wird verfolgt. ­Mini-Kameras zeichnen gar das Bilden von Gänsehaut auf, wenn sich die kleinen Härchen aufrichten.

Natürlich ist „Ästhetik“ und die Wissenschaft vom „Geschmack“ ein dickes Brett, das die Forscher bohren. Sie nähern sich von zwei Seiten: Bei den Studien in den Testräumen sammeln sie objektive Daten über die Körperreaktionen. Diese werden dann mit subjektiven Erhebungen - meist in Form von Fragenkatalogen direkt im Konzert und nach dem Erleben - abgeglichen.

Eine Fragestellung war, ob sich Freude und Trauer beim Kunstgenuss gegenseitig aufheben. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Je mehr Tränen fließen, desto größer der Genuss, fasst Menninghaus zusammen. Wesentlich ist das Kriterium des „Bewegtseins“.

Interessant war auch das Ergebnis einer Studie zu Trash-Filmen. Beispiel „Sharknado“: Haie fliegen durch die Luft und reißen alles mit sich. Wer schaut sich das an? Die überdurchschnittlich Gebildeten. Sie waren im Schnitt 35 Jahre alt, sahen oft Arte, gingen ins Theater und in Museen. Die Befragten hatten Spaß und Lust, diese Trash-Filme mit ironischer Distanz anzuschauen. Dieses Vorwissen und Bekannte, auch Familiaritätsprinzip genannt, zählen laut den Forschern zu den wichtigen Einflussfaktoren für den ästhetischen Genuss generell.

von Martin Schäfer

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