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Auf der Suche nach Gerechtigkeit

Völkermord in Kambodscha Auf der Suche nach Gerechtigkeit

Bilder und Berichte grausamer Kriegsverbrechen gehören zu seinem Arbeitsalltag. Der Rechtsreferendar Florian Hansen hilft bei der Aufarbeitung der Greueltaten, die im Zeitraum von 1975 bis 1979 in Kambodscha verübt wurden.

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Florian Hansen hilft in Kambodscha beim Völkermordprozess.

Quelle: Grafik: Nikola Ohlen

Marburg. Manchmal ertappt er sich dabei, deutscher zu sein, als er eigentlich sein möchte. Dann, wenn er an der Bushaltestelle steht und immer wieder auf die Uhr blickt. Pünktlichkeit ist in Kambodscha ein flexibler Begriff. Die Busse fahren - meistens jedenfalls. Nur wann sie ankommen, das ist und bleibt Glückssache. „Das hängt immer davon ab, wie viel es geregnet hat.“ Mal dauert die Strecke eine Stunde, mal fünf. Mal reißt ihm auch einfach der Geduldsfaden. Dann steigt er auf halber Strecke aus und nimmt sich ein Motorrad-Taxi. Er, der Deutsche, fährt ohne Helm, dafür aber mit Angst. Helme gibt es hier nicht. Unfälle dafür umso mehr. Sein weißes Hemd durchgeschwitzt. Die Aktentasche fest umklammert. Es ist schwül um diese Jahreszeit in Kambodscha. Und nass. Regenzeit.

Der Marburger Florian Hansen kann sich an das Klima nicht ganz gewöhnen. An das Land, seine Kultur und seine Sitten schon. Zum zweiten Mal ist er im Rahmen seines Jura-Studiums in Kambodscha. Er unterstützt die nationalen Richter, die die im Zeitraum von 1975 bis 1979 von den Roten Khmer begangenen Verbrechen untersuchen und aburteilen sollen, in ihrer Arbeit. Das Rote-Khmer-Tribunal setzt sich aus 27 Richtern, darunter zehn ausländische Juristen, zusammen. Unterstützt werden sie von knapp 2000 Beratern aus aller Welt. Finanziert werden die Prozesse durch die Vereinten Nationen. „Nur dadurch, dass es das Tribunal gibt, spielt es in der Wahrnehmung der Bevölkerung auch eine Rolle. Sonst würden die Taten und Geschehnisse der 70er Jahre totgeschwiegen“, erklärt Hansen. „Ginge es nach der Regierung, würde ein Loch gegraben, die Vergangenheit hinein geschüttet und das Loch wieder zugemacht“, ist sich der 28-Jährige sicher.

Angeklagte des Prozesses zeigen keine Reue

Wieso Gräueltaten aus der Vergangenheit anprangern, wenn die Gegenwart ein Kampf ums Überleben ist? Wenn Armut und Hunger den Blick in die Zukunft zu Luxus werden lassen? „Wir sprechen hier von riesigen Gewalttaten. Damals sind Millionen von Menschen gestorben. Das große Ziel ist, für Gerechtigkeit zu sorgen. Auch wenn das nur aus einem Signal besteht, dass solche Taten nicht ungesühnt bleiben.“

Die „riesigen Gewalttaten“, von denen Florian Hansen spricht, haben ihre Spuren in dem Staat in Südasien hinterlassen. Nicht auf den ersten, aber auf den zweiten Blick. Die Bevölkerung ist ungewöhnlich jung. In den 70ern wurden ganze Generationen einfach ausgelöscht.

Zwischen 1975 und 1979, als die Roten Khmer, eine maoistisch-nationalistische Guerillabewegung, Kambodscha in den Agrar-Kommunismus überführen wollten, wurden die Menschen aus den Städten wieder aufs Land vertrieben. Es wurde gemordet und gefoltert.

Florian Hansen war schon im ersten Prozess als Beobachter in Phnom Penh dabei. Damals, im Jahr 2009, saß Kaing Guek Eav, der Vorsteher des „Sicherheitsgefängnisses 21“ auf der Anklagebank. Bis zu 30000 Gefangene sollen in dem Gefängnis zu Tode gequält worden sein. „Das Verfahren war sehr emotional. Der Angeklagte hat gestanden und Reue gezeigt.“

Gerechtigkeit - ein Wort mit zu vielen Erwartungen

Beim zweiten Verfahren sitzt Hansen nicht mehr im Zuschauerraum, sondern direkt im Verhandlungssaal. Er arbeitet im Hintergrund mit. In den laufenden Verhandlungen sitzen zwei hochrangige Politikfunktionäre auf der Anklagebank. Der Vorwurf: Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Ihre Haltung ist gebückt. Nicht die Reue, sondern das Alter plagt sie.

„Das sind sehr alte Menschen, die da sitzen. Und sie stehen auf dem Standpunkt, dass das kommunistische Regime nicht unrecht war. Die Verbrechen seien Taten einzelner gewesen“, fasst Hansen zusammen. Schwer zu glauben bei der Anzahl der Opfer, gibt der 28-Jährige zu bedenken. „Es ist eine Herausforderung, objektiv zu bleiben.“

Die Arbeit in Kambodscha hat ihn verändert. Das Land, in dem der Überlebenskampf zum Alltag gehört, hat ihn geprägt. Die Arbeit der Juristen aus aller Herren Länder wird von vielen Einheimischen kritisch gesehen. Das Geld, sagen sie, immerhin knapp 56 Millionen Euro, sei besser in der Entwicklungshilfe aufgehoben, als in einem Strafprozess. Florian Hansen kennt die Kritik und hält trotzdem an seinem Bestreben nach Gerechtigkeit fest. Auch wenn er weiß, dass „Gerechtigkeit“ ein großes Wort ist.

„Man ist hier mit den schlimmsten Verbrechen konfrontiert und kann ein Signal senden, dass so etwas nicht mehr passieren darf. Von Gerechtigkeit zu sprechen wäre in diesem Fall sehr pauschal und unbefriedigend. Es geht darum, die Schuldigen schuldig zu sprechen“, sagt er nachdenklich und stapelt die Ziele gleich wieder ein bisschen tiefer: „Man darf so einen Strafprozess nicht mit zu hohen Erwartungen überfrachten. Aber vielleicht hat er einen Effekt auf die Justiz. Das ganze Land ist hoch korrupt. Vielleicht wird hierdurch auch das Vertrauen in eine unabhängig arbeitende und unbestechliche Justiz wieder hergestellt.“ Außerdem, so hofft Hansen, könne durch den Einfluss der beteiligten Länder der Übergang in eine demokratische Gesellschaft erleichtert werden.

Hohe Ziele für ein kleines Land. Große Wünsche für einen jungen Mann. Zum Träumen ist Florian Hansen nicht in das ferne Kambodscha gereist. Nur zum Handeln.

von Marie Lisa Schulz

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