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Auf der Spur einer Zeitenwende

Rückblick auf 1968 Auf der Spur einer Zeitenwende

Das Jahr 1968 steht seit Langem als Symbol für eine politische Zeitenwende - nicht nur in Deutschland. 50 Jahre später bietet es den Anlass für ein "Studium generale" an der Uni Marburg.

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Thorsten Bonacker (links) und Eckart Conze organisieren das Studium generale zu 1968.

Quelle: Manfred Hitzeroth

Marburg. Studentenrevolte gegen den Muff der Professoren unter den Talaren, Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, aber auch Rockfestivals à la Woodstock: Die 68er-Bewegung hat Politik, Kultur und Gesellschaft nachhaltig verändert.

Doch gab es 1968 überhaupt oder ist es nur ein Mythos? Gleich der erste Vortrag im Studium generale im Wintersemester 2017/2018 geht explizit dieser Frage nach.

Referent ist der Soziologie-Professor Armin Nassehi (München). „Wirkungsgeschichtlich gab es 1968 auf jeden Fall“, versucht sich Professor Eckart Conze, einer der beiden Organisatoren der öffentlichen Vortragsreihe, im Gespräch mit der OP an einer ersten Einordnung. Aber andererseits stehe die Jahreszahl auch als eine Art „Chiffre für kulturelle Dynamiken“, ergänzt der Soziologie-Professor Thorsten Bonacker, Mitorganisator beim Studium ­generale.

1968 Kulminationspunkt in Deutschland

Beide Wissenschaftler sind sich auch einig, dass es in Deutschland sehr viele verschiedene „68er-Wege“ gegeben habe. So hätten schon alleine die Protagonisten der Studentenbewegung unterschiedliche Lebenswege eingeschlagen: vom „Marsch durch die Institutionen“ bis hin zum Weg in den „bewaffneten Kampf“.

Das Jahr 1968 habe in Deutschland auch den Kulminationspunkt einer Entwicklung dargestellt, der ausgehend von den Protesten in den USA gegen den Vietnamkrieg das Aufbegehren gegen die mit der NS-Vergangenheit identifizierte Vätergeneration beinhaltet habe, erklärt der Historiker Conze.

Beide Veranstalter sind keine Zeitgenossen der 68er-Bewegung. Während Conze 1968 fünf Jahre alt war, wurde ­Bonacker 1970 und somit zwei Jahre später geboren. Die Veranstalter sehen es aber eher als Vorteil an, dass sie mit der gebotenen wissenschaftlichen Distanz die Aufgabe übernommen haben. Das Ziel der Vortragsreihe unter dem Titel „1968: Aufbrüche, Ausbrüche, Umbrüche in Marburg, Deutschland und der Welt“ ist eine intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Thema. „68 war ein globales Ereignis“, macht Conze deutlich. Dennoch verkennen beide Organisatoren nicht die nicht unbedeutende Rolle, die die Universität Marburg im Reigen der Uni-Städte in der 68er-Bewegung spielte.

Podiumsdiskussion mit Zeitzeugen

In einer kleinen, überschaubaren Uni-Stadt hätten vor 50 Jahren alle Stellung bezogen, und keiner habe das unbemerkt getan, meint Conze. Allerdings schränkt ­Bonacker ein: „68 war für Marburg wichtiger als Marburg für 68.“ Bei einer Podiumsdiskussion am 22. November soll die Marburger Situation auch unter Beteiligung von Zeitzeugen von vor 50 Jahren im Mittelpunkt stehen. Ansonsten wurde eine große Anzahl hochrangiger Experten verpflichtet. Dazu zählen beispielsweise die Kulturwissenschaftlerin Barbara Sichtermann, eine der wenigen weiblichen Ikonen der 68er-Bewegung, oder die bekannten Sozialwissenschaftler Dr. Gerd Koenen, Dr. Götz Aly und Professor Claus Leggewie. Besonders gespannt sein darf man auf zwei Auftritte: Da ist einerseits der Vortrag von Hans-Ulrich Gumbrecht, in dem er das Jahr 1968 genau unter die Lupe nimmt. Wie spannend die Zeitanalyse eines Jahrs ausfallen kann, hat Gumbrecht in Marburg schon am Beispiel des Jahrs 1927 gezeigt. Und zum Abschluss der Reihe nimmt die Schriftstellerin Ulla Hahn die Zuhörer auch anhand ihres aktuellen Buchs „Wir werden erwartet“ auf eine autobiographisch inspirierte literarische Reise in die sechziger und siebziger Jahre mit, in denen sie am Beispiel der jungen Studentin Hilla Palm in Köln den Selbstfindungsprozess der Linken plastisch macht.

Das Studium generale findet immer mittwochs ab 20.15 Uhr im Audimax (Uni-Hörsaalgebäude, Biegenstraße) statt.

Es gibt folgende Termine:

25. Oktober: Gab es 1968? Mythos und Logos eines Fluchtpunkts. (Professor Armin Nassehi, München)

1. November: 1968 - Eine Wahrnehmungsrevolution? Ein deutsch-französischer Vergleich. (Professorin Ingrid Gilcher-Holtey, Bielefeld)

8. November: Ein deutscher Sonderweg? Die bundesrepublikanischen Achtundsechziger im internationalen Kontext. (Professor Norbert Frei, Jena)

15. November: 1968 und die Gewaltfrage. (Dr. Wolfgang Kraushaar, Hamburg)

22. November: Podiumsdiskussion zum Thema „1968 in Marburg“.

29. November: 1968 und die Impulse deutsch-lateinamerikanischer Kontakte. (Dr. Dorothee Weibrecht, Stuttgart)

6. Dezember: 1968: Eine Politik des Strebens nach Glück. (Barbara Sichtermann, Berlin)

13. Dezember: Was war und wofür steht „1968“? Eine post-historische Reflexion (Professor Hans Ulrich Gumbrecht, Stanford)

20. Dezember: Von der Subversion des Lesens: Was war Theorie? (Professor Philipp Felsch, Berlin)

17. Januar 2018: The Global Sixties. (Professor Martin Klimke, New York)

24. Januar 2018: Das „rote Jahrzehnt“ 1967-1977 - Neokommunistisches Revival, Generationenkonflikt, Kulturkampf. (Dr. Gerd Koenen, Frankfurt)

31. Januar 2018: Kampf, Revolution und Größenwahn. Die 68er als Kinder ihrer Nazieltern. (Professor Götz Aly, Berlin)

7. Februar 2018: Kein Sozialismus ist auch keine Lösung. (Professor Claus Leggewie, Gießen)

14. Februar 2018: 1968 literarisch - „Spiel der Zeit“ und „Wir werden erwartet“. (Ulla Hahn, Hamburg)

von Manfred Hitzeroth

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