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Auf der Spur der tonreichen Sprachen

Afrikanistik Auf der Spur der tonreichen Sprachen

Der Marburger Afrikanist Professor Herrmann Jungraithmayr (84) erforscht die Dreidimensionalität afrikanischer Sprachen.

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Der Marburger Afrikanist Professor Herrmann Jungraithmayr im Gespräch mit Luka Jiwul aus Nigeria bei der Erarbeitung eines Wörterbuchs für das Volk der Ngas.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Es gibt mehr als 2 000 nur mündlich praktizierte afrikanische Sprachen, die neben Vokalen und Konsonanten noch eine dritte Dimension in ihrer Sprache haben. Die Rede ist in diesem Fall von der Tonhöhe, die sowohl in der Grammatik als auch im Wortschatz Bedeutungsunterschiede schaffen kann.

Nachzulesen ist dieses in dem Buch „Die Dreidimensionalität afrikanischer Sprachen“  von Herrmann Jungraithmayr in der Reihe „Uni im Café“ im Verlag „Blaues Schloss“.

Darin werden unter anderem exemplarisch die speziellen Tonunterschiede in ausgewählten Sprachen sowie Besonderheiten wie die Trommelsprache analysiert.

Die Unkenntnis der unterschiedlichen Bedeutung der Tonhöhen  bei den ersten Missionaren und Forschungsreisenden in Afrika habe im Laufe der Geschichte zu erheblichen Missverständnissen und zu tragischen Fehleinschätzungen geführt, bilanziert der emeritierte Marburger Wissenschaftler, der seit Jahrzehnten afrikanische Sprachen erforscht.

Noch immer gebe es in Afrika einen großen Sprachenreichtum, erläutert Jungraithmayr. Dennoch reduziere sich die Vielfalt dieser rein mündlichen Muttersprachen zusehends, allein aufgrund des Siegeszugs der schriftlichen Sprachen auf dem schwarzen Kontinent.

„Afrikanische Sprachen werden als mündliche historische Quelle in einer Welt der Gedächtniskulturen sowie auch als ästhetische Zeugnisse afrikanischen Menschentums verstanden“, meint Jungraithmayr. „Der Laut- und Tonreichtum afrikanischer Sprachen sowie ihr hoher Präzisionsgrad sind Ausdruck einer ursprünglich engen Bindung und Verflochtenheit ihrer Sprecher mit Natur und Umwelt.“

So unterstützt der Marburger Forscher auch eine Sprachgemeinschaft in Nord-Nigeria, die für ihre Sprache mit fünf unterschiedlichen Tonhöhen die Aufnahme in das immaterielle UNESCO-Weltkulturerbe beantragt hat. Die Entscheidung über diesen Antrag soll noch in diesem Jahr erfolgen.

1972 bis 1985 Professor für afrikanische Sprachen

„Die Afrikanistik – die Wissenschaft von den afrikanischen Sprachen – versucht, von dem Reichtum des sprachlichen Kulturerbes und -besitzes in Afrika noch so viel wie möglich zu retten“, beschreibt der Marburger Wissenschaftler, was ihn antreibt. Dieses Ansinnen sei aber eine Art „Wettlauf mit der Zeit“.

Jungraithmayr war von 1972 bis 1985 Professor für afrikanische Sprachen an der Marburger Universität und anschließend noch bis zum Jahr 1985 Professor für Afrikanistik an der Goethe-Universität in Frankfurt. Insgesamt publizierte er rund 200 Aufsätze und Bücher zu seinem Forschungsgebiet. Bei seinen Forschungsaufenthalten in der Republik Tschad und in Nigeria erforschte er die dortigen Sprachen und Dialekte und erstellte unter anderem mehrere Sprachenkarten. Im Jahr 2012 stellte er mit Unterstützung aus Nigeria das Wörterbuch einer afrikanischen Stammessprache fertig.

Als Höhepunkt seiner wissenschaftlichen Laufbahn sah der aus Österreich stammende Wissenschaftler die Verleihung des Würdentitels „Mai Yadak“ durch die Tangale, ein kleines Volk in Nord-Nigeria. Der Titel bedeutet wörtlich übersetzt „Chef, König, tapfer, furchtlos“. Seinen Ehrentitel erhielt er aufgrund seiner Verdienste um die Sprache und Kultur  der Tangale.

  • Hermann Jungraithmayr: Die Dreidimensionalität afrikanischer Sprachen. Uni im Café 13. Verlag Blaues Schloss Marburg 2015. 53  Seiten. 8,70 Euro.

von Manfred Hitzeroth

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