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Auf den Spuren von Freiheit und Toleranz

Hugenotten- und Waldenserpfad Auf den Spuren von Freiheit und Toleranz

Eine frisch ernannte Kulturroute führt durch den Landkreis und greift ein Stück europäischer und regionaler Geschichte auf. Ab 2014 ist der Frauenberg als ehemalige Siedlung von Hugenotten und Waldensern an den Fernwanderweg angebunden.

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Sie werben für den Hugenotten- und Waldenserpfad: (links) Hannelore te Kamp mit dem Kennzeichnungsschild für den Wanderweg und Dr. Renate Buchenauer mit der Urkunde zur europäischen Kulturroute.

Quelle: Tobias Hirsch

Frauenberg. Im Jahr 1685 verbot König Ludwig XIV. in Frankreich die Ausübung des protestantischen Glaubens. Daraufhin verließen etwa 200000 Hugenotten ihre Heimat und suchten Zuflucht in den protestantischen Ländern in Europa und Übersee. Manche Familien waren über zwei bis drei Generationen hinweg unterwegs.

In der Dauphiné in Südfrankreich waren viele Protestanten zu Hause – von dort führte die Flucht zuerst nach Genf und dann weiter nach Deutschland. Die Waldenser, die am Ende des 17. Jahrhunderts aus dem Piemont vertrieben wurden, nutzten die gleichen Wege in Richtung Deutschland.

„Die Geschichte der Glaubensflüchtlinge hat an Aktualität nichts eingebüßt: Mit Vertreibung, Verfolgung, Migration und Integration verbinden sich auch heute wesentliche soziale und politische Fragen in Europa“, sagt Dr. Renate Buchenauer, die seit Jahren von Marburg aus für die Koordination rund um den Hugenotten- und Waldenserpfad betraut ist. Sie erinnert an die Anfänge: Entstanden sind die ersten Ideen für das Vierländer-Projekt mit Beteiligung aus Deutschland, Frankreich, Italien und der Schweiz aus einer Partnerschaft der Region Burgwald-Ederbergland mit dem Departement Rhône-Alpes im Südosten Frankreichs, die bis 2004 bestand.

In den Folgejahren brachten die Ideengeber aus Deutschland und Frankreich ihr Projekt auf den Weg, suchten und fanden Partner in Italien und der Schweiz, entwickelten ein Konzept. All dies mündete 2009 in die Gründung eine Trägervereins für den Kulturwanderweg, den 32 Gründungsmitglieder in der Hugenotten- und Waldenserstadt Neu-Isenburg aus der Taufe hoben.

Aus der heimischen Region mit dabei waren die Stadt Rauschenberg, die Gemeinde Wohratal, das Todenhäuser Hugenottenarchiv sowie der Arbeitskreis für Hugenotten- und Waldensergeschichte Schwabendorf. Seither ist viel geschehen. Ein gewaltiger Weg hat Form angenommen. Der Hugenotten- und Waldenserpfad mit seiner rund 2000 Kilometer umfassenden Strecke ist, was seinen rund 1000 Kilometer langen Teil angeht, inzwischen „durchmarkiert“, wie Koordinatorin Buchenauer erklärt. „2011 haben wir eine große Etappe geschafft und ganz Hessen angeschlossen.“ Die Strecke verläuft, wo immer es geht, auf zertifizierten Qualitätswanderwegen – „aber sie führt natürlich immer dorthin, wo die Geschichte der Hugenotten und Waldenser spielt“.

Französische Kultur war Landesfürsten willkommen

In den heimischen Landkreis führt der Weg über Herborn auf dem Lahn-Dill-Bergland-Pfad, von Frankenberg kommend über den Burgwaldpfad und weiter bis nach Marburg. Von Gladenbach-Mornshausen bekommt er eine Schleife in Richtung Weimar, wodurch das Freilichtmuseum „Zeiteninsel“ Argenstein angeschlossen wird. Von dort geht‘s weiter über Ebsdorfergrund auf den Frauenberg, der einst eine kleine Waldenser-Kolonie war. Angeschlossen an den Weg sind im Landkreis bereits Schwabendorf, Hertingshausen und Todenhausen. Als jüngste Schleife in der Region kamen Schwalmstadt und Frankenhain dazu.

Mit den acht bis zehn Kilometer langen Rundwanderwege, die nach und nach als so genannte Erlebnisräume abseits von der eigentlichen Route entstehen, verfolgt der Trägerverein des Hugenotten- und Waldenserpfads zwei Ziele. Zum einen gehe es darum, die Orte, in denen die Glaubensflüchtlinge neue Heimat gefunden haben, an den Weg anzubinden, verdeutlicht Buchenauer. Zum anderen gebe es einen wandertouristischen Hintergrund, eine Vermarktungsstrategie. „Wir wollen auch an die Kurzwanderer denken.“

Nur rund 18 Prozent der Wanderer gingen auf mehrtägige Touren, „die meisten wollen Tagesstrecken und Rundwege“. Für den Hugenotten- und Waldenserpfad sei dies von Vorteil, „denn rechts und links vom Weg gibt es so viel Interessantes zu sehen“.

Ab dem nördlichen Schwarzwald, so verdeutlicht Dr. Renate Buchenauer, „wurde aus dem Fluchtweg der Hugenotten und Waldenser ein Ankommensweg“: „Von dort an waren die Menschen auf protestantischem Boden unterwegs. Sie waren damit frei – und den hiesigen Landesfürsten waren sie als Glaubensbrüder und aufgrund ihrer französischen Kultur sehr willkommen.“ Handwerkliche und kunsthandwerkliche Fertigkeiten, Techniken zur Herstellung von Socken und Handschuhen, Tuchmacherei, feine Pâtisserie – die Hugenotten und Waldenser brachten viel Wissen mit in ihre neue Heimat.

Neben der Via Regia und dem Jakobsweg ist der Hugenotten- und Waldenserpfad die dritte anerkannte europäische Kulturroute, die durch Hessen führt. Die Anerkennungsurkunde nahm der Trägerverein des Kulturwanderwegs im September in Neu-Isenburg entgegen.

Hintergrund: Über die Entstehung der Waldenserkolonie auf dem Frauenberg berichtet Hannelore te Kamp, eine Nachfahrin der ersten Waldenser-Familie, die sich dort ansiedelte. Der Theologe Thomas Gautier erhielt nach seiner Ausweisung aus Frankreich einen Ruf an die Philipps-Universität Marburg. Er erreichte beim Landgrafen Karl von Hessen-Kassel, dass sich im Jahre 1687 zwei Familien aus den Waldensertälern auf dem Frauenberg ansiedeln konnten. Es waren die Familie Thomas Brunet, Doktor der Medizin aus Usseaux, verheiratet mit Anne Gautier, der Schwester von Thomas Gautier. Mit dabei war auch der ledige Bruder Jean Brunet. Hinzu kam Familie Jaques Guigues aus dem Waldensertal Saint Martin. Die Burg Frauenberg war damals bereits verfallen, die Kolonisten erhielten die Erlaubnis, Steine aus der Ruine für ihren Hausbau zu brechen. Als Bauern und Leinweber verdienten sie sich ihren Lebensunterhalt. Der Landesherr sicherten den französischen Protestanten seine wirtschaftliche Unterstützung zu, außerdem Glaubensfreiheit und die Erlaubnis, die eigene Sprache in der reformierten Kirche zu gebrauchen. Als Waldensertäler werden laut der freien Online-Enzyklopädie Wikipedia die drei Alpentäler Val Chisone (Val Cluson), Valle Germanasca und Val Pellice in den Cottischen Alpen bezeichnet. Sie dienten der vorreformatorischen evangelischen Kirche der Waldenser vom 16. bis zum 19. Jahrhundert als Rückzugsgebiet und im Westen der Provinz Turin an der französischen Grenze.

von Carina Becker

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