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Auf den Spuren von Bruce Lee

Wing Chun Kung Fu Auf den Spuren von Bruce Lee

Kung Fu ist eine Kunst. Eine Kunst, die selbst den Meistern alles abverlangt. Um sie zu erlernen braucht es Wille, Durchhaltevermögen und manchmal auch die Hilfe von guten Freunden.

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Andreas Zerndt übt mit seinem „Sifu“ Lo Man Kam eine Kung-Fu-Technik.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Alles hört auf den kleinen Mann, der dort in der Ecke der kleinen Turnhalle am Schwanhof steht und Kommandos in gebrochenem Englisch erteilt. Er erinnert in seiner Gestalt und Gestik an Mister Miyagi aus dem Hollywood-Streifen Karate Kid. Und tatsächlich hat Lo Man Kam eine entscheidende Gemeinsamkeit mit der Filmfigur: er ist ebenfalls ein Großmeister asiatischer Kampfkunst. Eine echte Legende für alle, die sich für Kung Fu interessieren. Andreas Zerndt, Leiter des Asia-Zentrums in Marburg, nennt ihn ehrfurchtsvoll „Sifu“, was soviel bedeutet wie Vater. Um diesen „Vater“ zu finden, hat Zerndt viele Anstrengungen unternommen. „Ich habe in den 80er-Jahren mit dem Kung Fu angefangen. Nachdem ich alle Ausbildungsphasen durchlaufen habe, gab es weit und breit niemanden mehr, der mir noch etwas beibringen konnte“.

Mindestens einmal im Jahr nach Taiwan

Also begab sich der Familienvater auf die Suche nach einem wahrhaftigen Großmeister des Kung Fu. In Taiwan hatte Zerndt schließlich Erfolg. 1996 traf er dort auf Lo Man Kam. Der mittlerweile 79-Jährige war einst Schüler seines Onkels Ip Man, der auch Bruce Lee das Kämpfen lehrte. Seit dieser ersten Begegnung nimmt Zerndt die lange Reise in die Heimat des Großmeisters mindestens einmal im Jahr auf sich, um sich weiter im Wing Chun Kung Fu unterrichten zu lassen. „Es gibt immer noch Dinge, die ich lernen kann“, sagt Zerndt für den die Begegnung mit Lo Man Kam einen Motivationsschub bedeutete. „Das was er lehrt und vermittelt ist nicht mit dem Stand zu vergleichen, auf dem sich die europäischen Kampfkunstschulen befinden“. Mit Urlaub hatten die Aufenthalte in Taiwan recht wenig zu tun: Training, Training und nochmal Training stand täglich auf dem Programm.

Zerndt war wild entschlossen, sich von Lo Man Kam zu einem echten Meister ausbilden zu lassen. Ihm zur Seite gesellten sich drei weitere erfahrene Kung Fu-Kämpfer: Marc Debus aus Neu-Anspach, Frank Kuhnecke aus Bad Homburg und Olaf Buschke aus Gießen. Die vier Deutschen wohnten zusammen im spartanisch eingerichteten Haus des heute 80-Jährigen. Sie aßen mit seiner Familie und mussten sich an jedem Tag erneut beweisen. Die „Lehrlinge gelangten dabei an ihre körperlichen Grenzen. Ganz ehrlich: ich hab gedacht, ich stehe das nicht durch“, sagt Marc Debus über die Zeit in Taiwan: „So ein Tief hatte aber jeder von uns mindestens einmal. Zum Glück waren wir zu viert, sodass wir uns immer wieder gegenseitig aufbauen konnten.“

Die Belohnung für das intensive Training folgte dann im Jahr 2007: Während einer feierlichen Tee-Zeremonie nahm Lo Man Kam die vier Deutschen als „Söhne“ auf. Eine Ehre. Nun dürfen die „Söhne“ die Kunst ihres Meisters weiter lehren. Ob diese Lehre auch im Sinne des Großmeisters geschieht - davon überzeugte sich der rüstige Senior nun selbst.

Womit wir wieder am Anfang sind: In der Turnhalle am Schwanhof in Marburg. Lo Man Kam ruft die anwesenden Kampfkunstschüler in der Mitte der Halle zusammen und pickt sich den Größten von ihnen heraus. Der Auserwählte überragt Lo Man Kam um Längen. Im direkten Vergleich sieht es aus, als wolle ein Lemur mit einem Gorilla kämpfen. Doch Größe und Stärke ist nicht alles - beim Wing Chun Kung Fu geht es darum, die Bewegungen des Gegners zu „fühlen“. Dabei macht sich der Kung Fu-Kämpfer die Energie zunutze, die der Kontrahent für seinen Angriff aufwendet. Lo Man Kam lenkt die Kraft seines Gegners um und schafft es mit blitzschnellen Bewegungen auch einen solchen Riesen zu bezwingen.

Mehr als ein Sport

Kung Fu ist für Andreas Zerndt, mehr als ein Sport, es ist eine Lebenseinstellung: „In fast allen Sportarten befindet man sich mit Ende zwanzig, Anfang dreißig auf dem Zenit seiner Fähigkeiten, danach geht es meistes bergab. Beim Kung Fu ist das anders. Es ist ein stetiger Lernprozess. Ein Leben lang.“

Lo Man Kam lebt dieses Kung Fu. Sein Vermächtnis ist seine Kampf-Kunst, die nun auch in Marburg weiter geführt wird. Denn zum Abschluss seines Besuchs verlieh er erstmalig in Europa den fünften Meistergrad im Wing Chun Kung Fu: Diesen Titel tragen nun seine vier deutschen Söhne.

von Dennis Siepmann

Hintergrund

Wing Chun Kung Fu ist einer unter vielen Kung-Fu-Stilen die Ihre Wurzeln im südlichen China haben. Verglichen mit anderen Kung-Fu-Arten oder Kampfkünsten ist er sogar ein relativ junger Stil (etwa 300 Jahr alt). Wing Chun ist eine sehr effektive Kampfkunst bei der die Kämpfer auf vom Gegner initiierte Aktionen reagieren. Durch diese „softe“ Komponente wird Wing Chun dem Anspruch der Selbstverteidigung leicht gerecht. Der Legende nach wurde das Wing Chun von einer Frau entwickelt. Viele der Techniken richten sich daran aus, sich gegen körperlich stärkere Gegner durchzusetzen.

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