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Auf den Spuren der heiligen Vorfahrin

Botschafterbesuch Auf den Spuren der heiligen Vorfahrin

Barack Obamas Berater, familiäre Ahnenforschung, ein bisschen Luther, ein wenig mehr „Cinderella“ und dann noch das „Holiday English“ des Stadtoberhauptes – ein eher ungewöhnlicher Tag im Marburger Rathaus.

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Marburgs Oberbürgermeister Egon Vaupel (von links) in seinem Büro zusammen mit US-Außenbotschafter John Bonnell Emerson und seiner Frau Kimberly Marteau.

Quelle: Dennis Siepmannn

Marburg. Überdimensionierte Limousinen mit verdunkelten Scheiben parken mitten auf dem Marktplatz. Breit gebaute Männer in schicken Anzügen mit „Knopf im Ohr“ steigen aus den Autos und sondieren die Umgebung. Weitere Personen klettern aus den Ungetümen aus Blech und Kunststoff. Erst eine Frau mit Fotoapparat, dann ein Mann mit Videokamera. Die Gruppe vergrößert sich zunehmend. Viele reden durcheinander, einige halten Zettel in den Händen und zeigen auf das Rathaus.

Egon Vaupel sieht die erhobenen Finger und verfolgt die Bewegung des Menschenlindwurms aus einem der Fenster seines Amtssitzes. Wie bei solchen Anlässen üblich, trägt er die goldene Stadtkette – Aushängeschild des Oberbürgermeisters – um den Hals. Dass der Rathauschef heute keinen gewöhnlichen Gast empfangen würde, war spätestens in dem Moment klar, als sich das US-amerikanische Konsulat mit einer eher ungewöhnlichen Anfrage meldete. Der Botschafter der Vereinigten Staaten in Deutschland, John Bonnell Emerson, wolle mit seiner Familie die Stadt Marburg besuchen.

Emersons Frau hat Marburger Vorfahren

Vaupel musste nicht lange überlegen und signalisierte sofort sein Einverständnis mit dem hochrangigen Besuch, der im Jahr 2010 von Präsident Barack Obama zum Mitglied seines Beratergremiums für Handelspolitik ernannt wurde. ­Emerson war vor Obamas Wiederwahl zum Präsidenten Finanzchef der US-Demokraten und wurde im August 2013 als Botschafter der USA vereidigt.

Bleibt die Frage, was diesen hochdekorierten Mann ausgerechnet nach Marburg verschlägt? Der Grund steht beim Empfang im Rathaus direkt neben ihm. Es ist seine Ehefrau Kimberly Marteau, die die Universitätsstadt unbedingt sehen wollte. Durch die Ahnenforschung eines Cousins, der heute in Kanada lebt, erfuhr die dreifache Mutter von ihren berühmten Vorfahren. Darunter Johannes Blankenheim, der um das Jahr 1485 das Licht der Welt erblickt haben soll. Nach Angaben des Landesgeschichtlichen Informationssystems Hessen (Lagis) war Blankenheim in den Jahren 1522, 1535, 1549 und 1559 Bürgermeister von Marburg. Und auch das älteste Bild im historischen Rathaussaal erinnert an den Ur-Marburger in seiner Funktion als Schöffe. Doch bevor Kimberly Marteau Emerson einen Blick darauf werfen kann, begrüßt sie Egon Vaupel mit seinem, wie er es nennt, „Holiday English“ im Sitzungssaal, der derzeit eher den Anschein einer Umkleidekabine erweckt. Perücken, Gewänder und Masken zieren den Raum.

Emersons Töchter finden vieles "so cool"

Der Oberbürgermeister erklärt den Emersons, die ihre Zwillingstöchter Hayley und Taylor mitgebracht haben, dass das Rathaus im Moment ein Ort der Bürger sei. Zur Verfügung gestellt für das Sommertheater des Hessischen Landestheaters rund um die Aufführung von „Cinderella“ – einer Abwandlung des Märchens Aschenputtel der Gebrüder Grimm. „So cool“, ruft eine der Töchter und zückt ihr Smartphone für ein Erinnerungsbild. Der Tross aus Übersetzerin, Familie, Personenschützern, Sekretären und anderem Dienstpersonal drückt sich durch das Gebäude in den nächsten Saal.

Die Familie Emerson erfährt weiteres über die Stadt Marburg. Über das leuchtende Herz am Spiegelslust-Turm, über die Synagogen, den Zweiten Weltkrieg und das „Marburg-Chicken“. Letzteres ist ein Stoff-Hahn in den Farben der Stadt, den Egon Vaupel sich extra anfertigen lässt für jedes Kind, das in Marburg geboren wird. Und wieder erklingt eine hohe Mädchenstimme: „So cool“.

Feierlicher Höhepunkt ist dann der Eintrag in das Goldene Buch der Stadt. Anschließend hat die Familie noch einen weiteren wichtigen Termin in Sachen Ahnenforschung. Mit der gesamten Entourage geht es zur Elisabethkirche. Der altehrwürdige Bau ist letzte Ruhestätte eines weiteren Vorfahren von Kimberly Marteau Emerson. Dabei handelt es sich um Landgraf Heinrich I., der wiederum ein Enkel von Elisabeth von Ungarn, der späteren heiligen Elisabeth, war. Es sind besonders ausgeprägte Spuren, denen die Emersons auf der Fährte sind und es gibt viel zu entdecken.

von Dennis Siepmann

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