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Auf Umwegen zum Schloss

Marburger Schlossbahn Auf Umwegen zum Schloss

Die Marburger Schlossbahn macht ihrem Namen alle Ehre: Seit zwei Wochen fährt sie nun über den Rotenberg hinauf zum Schloss und ist nicht nur für Touristen, sondern auch für die Marburger eine Attraktion.

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Kurz vor der Einfahrt in den Schlosshof muss die Marburger Schlossbahn einen letzten Engpass passieren.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Um 11 Uhr hat sich am Steinweg bereits eine große Menschentraube um die Einstieghaltestelle der Marburger Schlossbahn gebildet. Kinder warten an den Händen ihrer Eltern, Jugendliche turnen um den Pferdebrunnen herum, alte Damen plaudern miteinander. Es scheint, als sei jede Generation anwesend. „Wann kommt die Bahn denn endlich?“, fragt ein kleiner Junge ungeduldig. „Ich hör sie schon“, antwortet seine Mutter und zeigt Richtung Elisabethkirche: „Da kommt sie.“ Und tatsächlich: In diesem Moment biegt die Schlossbahn laut bimmelnd um die Ecke in den Steinweg ein. Die Menschenmenge jubelt und klatscht. Kaum haben sich die Türen geöffnet, ist auch schon jeder Platz belegt und das erste Wurstbrot ausgepackt.

Herbert und Lydia Brunett sammeln das Fahrgeld ein und schließen die Türen. Er startet den Motor, sie setzt sich ein Headset auf und begrüßt die Passagiere. Ein eingespieltes Team. Dann geht es los: Die Bahn tuckert den Steinweg hoch, vorbei an dem Wolf und den sieben Geißlein, dem alten Töpferhaus, durch die engen Gassen der Altstadt mit ihren Giebeln und Erkern, durch die Marktgasse bis zum Markt, „zum Herz der Stadt“, wie Lydia Brunett, selbst Marburgerin, stolz kommentiert. An der Haltestelle warten schon die nächsten Menschen auf ihren Einstieg, der ihnen von Brunetts jedoch verwehrt werden muss. „Wir sind zu voll. Das passiert leider häufig“, seufzt Lydia Brunett. „Das Angebot wird sehr gut angenommen - so gut, dass wir häufig nicht alle mitnehmen können.“

Um einen Sitzplatz zu ergattern, empfiehlt Lydia Brunett, mindestens eine Viertelstunde vor der Abfahrt an der Einstieghaltestelle Steinweg zu sein. Bei größeren Gruppen seien Reservierungen notwendig.

Blätterdach über der Bahn wird dichter

Nach einer kurzen Pause auf dem Marktplatz geht es schließlich weiter durch die Barfüßerstraße. „Das sind aber viele Treppen“, sagt die kleine Mara beim Anblick der vielen Stufen, die von der Fußgängerzone zum Schloss führen, zu ihrer Oma. An dieser Stelle zitiert Lydia Brunett gern die Worte der Brüder Grimm, die einmal über Marburg sagten: „Es sind mehr Treppen in den Straßen als in den Häusern“. Ob sie nicht müde werde, jeden Tag all die Geschichten von Marburg zu erzählen? „Nein“, sagt sie und lächelt. „Es ist eine Sache, die mir sehr viel Spaß macht und die mich entspannt.“

Leider kann man Lydia Brunetts Anekdoten im hinteren Waggon über die Lautsprecher nur bruchstückhaft hören - ob es an den Batterien des Headsets oder dem dichter werdenden Blätterdach auf der Rotenbergstraße liegt, ist unklar.

Am Herder-Institut und den Rosengärten vorbei führt der Weg nun zum Schloss, wo die Fahrgäste sich die Beine vertreten und das Schlossgelände besichtigen können.

Else Löwer, die gestern ihren 95. Geburtstag gefeiert hat, wurde von ihrer Familie mit der Schlossbahnfahrt überrascht. Auch wenn die Fahrt über das Kopfsteinpflaster und durch die Kurven für sie „ein bisschen holprig war“, hat sie sich dennoch sehr gefreut. „Es war schön, mal wieder alles gesehen zu haben“, sagt die Marburgerin.

„Auf der Fahrt wurden viele schöne alte Erinnerungen in mir wach.“ Auch ihre Enkel sind begeistert: „Das Highlight ist natürlich das Schloss hier oben“, sagen sie. Aber auch die Hanglagen hätten sie sehr beeindruckt. „Ich wusste gar nicht, dass Marburg so hügelig ist“, sagt ein weit her gereister Enkel. „Das ist ja wie in Italien.“

Sven Klein ist mit seiner Familie unterwegs und hellauf begeistert. Auch, wenn für den Marburger nicht viel Neues mit dabei war, findet er: „Die Schlossbahnfahrt eignet sich sehr gut für einen Familienausflug“. Lediglich den Preis für die Familienkarte könnte man seiner Meinung nach überdenken. Schade findet er auch, dass es keine Rabatte für Schüler und Studenten gibt.

Ehepaar Brunett verteilt Gummibärchen an Kinder

Neffe Philipp und Nichte Isabel freuen sich, „mal was von Marburg zu sehen“, und Isabel ist „froh, dass eine Möglichkeit gefunden wurde, die Bahn bis zum Schloss hochfahren zu lassen“ - auch wenn der Weg dorthin aufgrund des Umwegs über den Friedhof Rotenberg und die Calvinstraße ein wenig „mühsam“ war, wie Maras Oma kritisiert. Dennoch findet sie es schön, all die Wege zu sehen, die sie jahrelang nicht gelaufen ist. „Die schmalen Wege und alten Häuser - wunderschön.“

Während der Pause haben Herbert und Lydia Brunett Gummibärchen an die kleinen Fahrgäste verteilt, die sie nun schmatzend auf dem Rückweg genießen. Der führt sie über die Marbach und Ketzerbach zum Steinweg zurück. Allmählich werden die Häuser wieder älter und alsbald kann man die Turmspitze der Elisabethkirche erkennen, die das Ende der knapp zweistündigen Schlossbahnfahrt ankündigt. Eine Fahrt, die sich sehr gelohnt hat - für die großen und kleinen Gäste.

von Ruth Korte

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Auf der Tour durch die Stadt muss der Fahrer der Schlossbahn, Herbert Brunett, darauf vertrauen, dass ihn keine falsch geparkten Autos an der Weiterfahrt hindern.

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