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„Auf Polizei warten ist nicht hilfreich“

Plakat „Vergewaltiger Angreifen“ des Asta marburg „Auf Polizei warten ist nicht hilfreich“

Das „Autonome FrauenLesbenReferat“ sieht ein umstrittenes Plakat als „Kunst“, die zu derErkenntnis diene, „dass die gängigen Prozedere nicht dazu geeignet sind,Gewalt gegen Frauen zu beenden“.

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Das Plakat „Vergewaltiger angreifen“ hing in der Uni-Mensa. Mit dem Entfernen habe das Studentenwerk „willfährig mitgespielt“ heißt es in der Mitteilung des Referates.

Quelle: Peter Gassner

Marburg. Selbstjustiz oder Kunst? Marburger Feministinnen wehren sich gegen den Vorwurf des Aufrufs zur Gewalt: Das Plakat mit der Aufschrift „Vergewaltiger angreifen. Überall - mit allen Mitteln“, das zudem einen Stöckelschuh mit einem Revolver im Absatz zeigt, hatte für einigen Wirbel gesorgt, weil sich daraus der Aufruf zur Selbstjustiz ableiten ließ (die Überprüfung durch die Staatsanwaltschaft dauert an). Das Studentenwerk hatte es daher aus einem Info-Kasten des Asta im Mensagebäude entfernt (die OP berichtete). Das „Autonome FrauenLesbenReferat“ des Asta­ Marburg widerspricht dieser Interpretation nun aber in einer Pressemitteilung.

„Vergewaltigungen und sexualisierte Gewalt bleiben, wie alle Formen von Gewalt gegen Frauen, meist folgenlos für den Täter“, schreibt die Gruppe. Juristische und polizeiliche Methoden seien „häufig unzureichend“. Die Parole „Vergewaltiger angreifen“ sei in diesem Zusammenhang zu sehen. „Gesellschaft, Politik und Justiz müssen erkennen, dass die gängigen Prozedere nicht dazu geeignet sind, Gewalt gegen Frauen zu beenden“.

„Politische Forderung“ und „künstlerische Darstellung“

Sie finde überall statt: „Zuhause, draußen, auf der Party, in der Uni, am Arbeitsplatz und bei der Familienfeier“. Der Aufdruck „Überall - mit allen Mitteln“ ist demnach so zu verstehen, „dass in der Situation eines Angriffs unterschiedliche Maßnahmen nötig sind“ und zielt auf Zivilcourage ab. „Bei einer Vergewaltigung darauf zu warten, dass die Polizei kommt, ist denkbar wenig hilfreich und hat mit der Realität nichts zu tun“, so das Referat.

Dazu, dass der Aufruf auch als nachträgliche Racheaktion ausgelegt werden kann, äußert sich die Gruppe nicht. „Wenn eine Frau sich wehrt, dann ist es Selbstjustiz, wenn Sie sich nicht wehrt, ist es keine Vergewaltigung“, klagen sie.

„Auch wenn die Situation keinen Straftatbestand erfüllt: Helft einander, unterstützt euch und nehmt die Wahrnehmung anderer Frauen ernst“, ruft das Referat auf. Der gedruckte Satz „Hinsehen, einschreiten, Hilfe holen, zuschlagen“ sei eine „politische Forderung, die eigenen Rechte wahrzunehmen und solidarisch mit anderen Frauen zu sein“. Der Stöckelschuh mit dem Absatz, der als Revolver dargestellt ist, ist eine „künstlerische Darstellung“. Der Schuh stelle „alles Gewohnte“ auf den Kopf, „da Pistolen in unserer Gesellschaft völlig normalisiert Männern zugeschrieben werden“, während Highheels als Bild für Weiblichkeit gälten. „Genau das ist es, was Kunst tut: Mit Gesetzmäßigkeiten brechen“.

„Feminismus bleibt Handarbeit“

Auch die „feministische und antifaschistische Gruppe Lisa 2“ hat eine Reaktion auf den OP-Artikel veröffentlicht. Im Zusammenhang mit Selbstjustiz erinnert „Lisa 2“ an rechtsextrem motivierte Anschläge, etwa auf Asylunterkünfte. Tatsächlich gibt es von rechter Seite auch zahlreiche Aufrufe zur Selbstjustiz an Vergewaltigern - meist mit der rassistischen Konnotation, diese seien alle Migranten.

„Der Unterschied zu einem linken offensiven Umgang mit sexualisierter Gewalt ist offensichtlich. Während es Nazis, besorgten Bürgern und Konsorten darum geht zu strafen, ist das Ziel einer linken antisexistischen Praxis die Selbstbestimmung von Betroffenen“, schreibt die Gruppe. Die Forderung nach dem Zuschlagen sei „die Konsequenz aus der Politik des Wegsehens, Victim Blamings und Abwehrens“.

„Lisa 2“ kommt zu dem Schluss: „Feminismus bleibt Handarbeit“. „Einen Vergewaltiger zu verprügeln hilft vielleicht nicht gegen eine sexistische, patriarchale Gesellschaft, nicht gegen die besoffen jovial gepflegte Misogynie von Männerhorden, aber es hilft vielleicht, fortgesetzte Gewalt gegen einzelne Frauen zu beenden und zukünftige zu verhindern“.

Polizei: „Kontakt mit Täter unbedingt vermeiden“

„Natürlich gibt es auch Situationen, wo niemand anderes greifbar ist, bei denen man auf sich gestellt und der einzige ist, der helfen kann“, sagt Polizeisprecher Martin Ahlich. „Zivilcourage ist tatsächlich sehr wichtig und notwendig“, lautet auch die Position der Polizei. Ahlich rät jedoch: „Stellen Sie Öffentlichkeit her, in dem Sie andere Unbeteiligte unmittelbar ansprechen und um Unterstützung bitten. Widmen Sie sich ausschließlich dem Opfer und versuchen Sie gemeinsam mit anderen, das Opfer aus der Gefahrenzone zu bringen, dem Opfer zu helfen. Vermeiden Sie dabei unbedingt jeden Kontakt mit dem Täter, also lassen Sie sich nicht auf einen Dialog mit ihm ein und erst recht nicht auf eine körperliche Auseinandersetzung. Rufen Sie so schnell wie nur möglich über den Notruf die Polizei!“ Besonders wichtig sei: „Zivilcourage zeigen, ohne sich dabei selbst in Gefahr zu bringen. Eine körperliche Auseinandersetzung mit einem Täter wäre das allerletzte Mittel und sollte vermieden werden“, erläutert Ahlich.

von Peter Gassner

Ist das Kunstfreiheit oder muss das weg?

Die Kunstfreiheit ist eine der wichtigsten Grundrechte in der Bundesrepublik. Kunst darf verzerren, übertreiben, verfremden. Doch auch für sie gelten Grenzen.

Darf man zum „Vergewaltiger angreifen“ aufrufen und dabei einen Revolver abbilden? „Genau das ist es, was Kunst tut: mit Gesetzmäßigkeiten brechen“, meint das „Autonome FrauenLesbenReferat“ des Asta Marburg (siehe Artikel oben).

Freie Meinungsäußerung ist eine der wesentlichen Säulen der demokratischen Grundordnung. Besonders gilt das für künstlerische Ausdrucksformen wie unter anderem Bildern. Schwierig ist das für die Justiz allerdings, weil es keine genaue Definition davon gibt, was in den Bereich der Kunst hineinfällt und was darüber hinausgeht. „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung“, steht in Artikel 5, Absatz 3 des Grundgesetzes.

In den vergangenen Jahren gab es einige Beispiele von vermeintlich künstlerischen Meinungsäußerungen, die in der Öffentlichkeit unterschiedlich bewertet und somit hitzig diskutiert wurden.

So kam es im Jahr 2008 beim Fußballspiel zwischen der TSG 1899 Hoffenheim und Borussia Dortmund zu Anfeindungen der Dortmunder Fans gegen den TSG-Mäzen Dietmar Hopp. Der Gründer des Software-Unternehmens hatte den Dorfverein aus Sinsheim mit seinen finanziellen Zuschüssen bis in die Bundesliga und dort sogar an die Tabellenspitze geführt. Anhänger vieler Traditionsvereine sahen darin eine Wettbewerbsverzerrung – so auch die BVB-Fans. Während des Spiels in Mannheim hielten sie ein Plakat hoch, auf dem das Konterfei Hopps in einem Fadenkreuz zu sehen war. Darunter stand „Hasta la vista, Hopp“. Hopp zeigte den verantwortlichen Fan an – nahm die Anzeige nach einer persönlichen Entschuldigung aber zurück.

Auf einer Demonstration der rechtspopulistischen Vereinigung „Pegida“ in Dresden wurde im Oktober 2015 ein Galgen in die Höhe gehalten, an dem zwei Schilder angebracht waren. „Reserviert für Sigmar ,Das Pack‘ Gabriel“ und „Reserviert für Angela ,Mutti‘ Merkel“ war dort zu lesen. Der Fall hatte große Empörung ausgelöst. Der Urheber des Plakates rechtfertigte sich anschließend damit, dass seine Aktion als „Satire“ gemeint gewesen sei. Der Galgen sei ein Symbol für den angeblichen „Volksverrat“ der Politiker, sagte er. „Ich will doch nicht, dass Merkel und Gabriel was Schlimmes passiert“.

Fadenkreuz, Galgen, Revolver: Die Fälle weisen darin eine gewisse Gemeinsamkeit auf. Das Marburger Plakat unterscheidet sich allerdings darin, dass nicht eine Einzelperson konkret in den Fokus genommen wird. Berühmt wurde etwa das Zitat „Soldaten sind Mörder“ von Kurt Tucholsky: Der Satz gilt als pauschales Werturteil und ist erlaubt. Die Aussage „Soldat Max Mustermann ist ein Mörder“ hingegen würde wahrscheinlich anders bewertet.

von Peter Gassner

 

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