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„Auch den schrumpeligen Apfel essen“

MIndesthaltbarkeit „Auch den schrumpeligen Apfel essen“

Der Kirschjoghurt ist vor einer Woche abgelaufen. Kann man ihn jetzt noch essen? Öffnen, riechen und probieren, rät 
Verbraucherberaterin Christel Schnaudt.

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Lebensmittel liegen in einer Mülltonne. Vieles noch Genießbare wird in Deutschland weggeworfen.

Quelle: Patrick Pleul / dpa

Marburg. Bundesernährungsminister Christian Schmidt (CSU) möchte das seit 30 Jahren auf den meisten abgepackten Lebensmitteln vorgeschriebene Mindesthaltbarkeitsdatum lieber morgen als übermorgen abschaffen.

Weil die Industrie zu große Sicherheitspuffer einbaue, würden zu viele noch genießbare Lebensmittel weggeworfen, lautet die Kritik des Ministers, der anstelle des Haltbarkeitsdatums lieber eine intelligente Verpackung sähe, bei der ein mit Sensoren ausgestatteter Chip kontrolliert, ob mit dem Lebensmittel noch alles in Ordnung ist.

Dass zu viele Lebensmittel weggeworfen werden, bemängelt auch Christel Schnaudt von der Marburger Verbraucherberatung, die aber auch auf Fehler im System hinweist. Dass frische Backwaren bis Ladenschluss vorgehalten werden müssten, bedeute zwangsläufig, dass Abfall mit Ansage produziert werde. Das gleiche gelte für Obst und Gemüse, das rund um den Globus und zu jeder Zeit verfügbar sein soll.

Der Einkauf ist der Schlüssel

Verbraucherberaterin Christel Schnaudt testet einen „abgelaufenen“ Fruchtjoghurt – Ergebnis: gut essbar. Foto: Frank Rademacher

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Das von Schmidt angedachte Chipsystem sei derzeit noch nicht ausgereift, stellt Hauswirtschaftsleiterin Christel Schnaudt klar und hat noch einen zweiten Einwand: „Wenn damit noch zusätzlicher Elektroschrott entsteht, ist am Ende auch nichts erreicht.“ Schnaudt hat den Einkauf als einen Schlüssel für das Problem ausgemacht.

Es werde zum einen zu viel „nach Lust und Laune“ und nicht zielgerichtet und bedarfsgerecht eingekauft. Zugleich würden die Haushalte im Durchschnitt immer kleiner, die Packungen aber blieben groß.
Dazu komme, dass es häufig an den Kenntnissen über die richtige Lagerung der Lebensmittel mangele.

Fleisch beispielsweise solle unten im Kühlschrank aufbewahrt werden, weil es dort am kältesten ist. Frisches Fleisch und frischer Fisch würden mit einem Verfallsdatum ausgezeichnet, das es zu beachten gelte, rät Schnaudt. Voraussetzung sei auch hier die richtige Lagerung, im Zweifel könne man aber riechen, ob das Fleisch noch genießbar ist.

Wichtige Verbraucher-Hilfe

Sich auf die eigenen Sinne zu verlassen, lautet Schnaudts Ratschlag auch für den Umgang mit dem Haltbarkeitsdatum. Das sei lediglich ein Hinweis – die Produkte dürften auch weiter verkauft werden und seien in der Regel auch nach dem Überschreiten des Datums noch problemlos genießbar.

An einem Beispiel macht die Beraterin dies deutlich: „Ein Apfel, der schon etwas schrumpelig geworden ist, lässt sich auch noch essen.“ Er entspreche aber optisch und geschmacklich nicht mehr den Vorgaben der Handelsklasse A.

„Die Angabe, verbunden mit der Information zu den richtigen Aufbewahrungsbedingungen, ist eine wichtige Hilfe für Verbraucher, um einschätzen zu können, ob ein Lebensmittel noch genießbar ist oder nicht. Das ist vor allem bei kühlpflichtigen Produkten wichtig, die bei falscher Lagerung einem höheren Verderbsrisiko ausgesetzt sind.

Wird diese Orientierungsgröße gestrichen, erschwert man Konsumenten die Entscheidung, ob das Produkt noch gegessen werden kann oder entsorgt werden soll“, sagt Christian Böttcher, Pressesprecher des Bundesverbands des Deutschen Lebensmittelhandels.

Saft aus Möhren

Stella Kircher, Pressesprecherin von Tegut, verweist auf Initiativen ihres Hauses, Kunden über den richtigen Umgang mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum aufzuklären und Tipps zur „Kreativen Resteküche“ mit wöchentlichen Rezeptideen zu geben.

Eine andere Form der Resteverwertung praktiziert der Markt selbst mit Möhren und Bananen, die nicht mehr verkauft werden können. Die Möhren werden zu Saft verarbeitet, die Bananen werden in einer Einrichtung des St. Antoniusheims für Menschen mit Behinderung in Fulda getrocknet und dann wieder bei Tegut verkauft.

von Frank Rademacher

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