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Auch Atheisten feiern Weihnachten

Gedanken zum Fest Auch Atheisten feiern Weihnachten

Weihnachten steht vor der Tür - ein Fest, das sich im Spannungsfeld zwischen christlicher Tradition und zunehmend weltlicher Praxis befindet.

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„Geschenke, Familie, Feuer im Kamin“ wünscht sich Hendrik Seger, während Wollverkäuferin Beatrix Ruf sagt: „Weihnachten gehört einfach dazu.“ Die Standmitarbeiterinnen des Mütterzentrums (unten rechts) gerieten bei der „Weihnachtsfrage“ in eine hitzige Di

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Ist Weihnachten in Anbetracht der Tatsache, dass sich immer weniger Menschen der Botschaft von der Geburt eines christlichen Erlösers verbunden fühlen, überhaupt noch zeitgemäß?

„Ja“, sagen Menschen auf dem Weihnachtsmarkt vor der Elisabethkirche, ein Theologe, eine Verkäuferin und auch ein bekennender Beinahe-Atheist einstimmig. „Für mich ist Weihnachten vor allem ein Fest der Liebe und der Familie“, sagt Beatrix Ruf (56 Jahre), die in einer der Weihnachtsmarkbuden Wollsachen verkauft. „Man ist beisammen und macht sich ein paar gemütliche Stunden. In manchen Jahren gehen wir auch in die Kirche. Es aber als christliches Fest zu sehen, in dem Sinne, dass Jesus für uns als Menschen geboren wurde, finde ich schwierig. Aber Weihnachten gehört einfach dazu.“

Claudia Spengemann (45 Jahre), die sich mit Freundinnen bei einem Glühwein aufwärmt, sagt: „Für mich bedeutet Weihnachten Christi Geburt, die Familie, das Zusammensein und der Gedanke der Freude und Hoffnung. Wenn man an Weihnachten in der Kirche ist, wird immer für den Frieden in der Welt gebetet. Allein deshalb ist Weihnachten auf keinen Fall unzeitgemäß.“

Zwei Frauen, die am Stand des Marburger Mütterzentrums arbeiten, geraten in eine hitzige Diskussion - eine ist Christin, die andere Atheistin. „Für mich ist das Wesen von Weihnachten, dass Gott Jesus als Geschenk für die Menschen auf die Erde gesandt hat. Diese Freude möchte ich weiterschenken. Ich für mich feiere Weihnachten, weil da eben das Licht in die Welt gekommen ist“, sagt die Christin. „Aber das hat doch mit dem Geschenketerror nichts zu tun“, sagt die Atheistin: „Für mich geht es darum, dass die dunklen Tage zu Ende gehen und es dann wieder heller wird. Beschenken kann man sich immer. Und mit dem ganzen anderen Trubel, zum Beispiel Kirche, habe ich auch nichts am Hut. Von mir aus könnte man Weihnachten abschaffen.“

Doch die meisten mögen Weihnachten. Hendrik Seger (23 Jahre) kann sich ein Jahr ohne Weihnachten nicht vorstellen: „Auch ich feiere Weihnachten, obwohl ich mich mit dem christlichen Glauben nicht besonders verbunden fühle. Für mich gehören zum Fest ein Weihnachtsbaum, Geschenke, der enge Familienkreis und ein Feuer im Kamin.“

Tina Dürr, 37 Jahre, sieht das „Spannungsfeld Weihnachten“ sehr reflektiert: „Ich finde es schön, wenn die Leute Weihnachten feiern, aber man sollte sich nicht vormachen, dass Weihnachten viel mit Glaube zu tun hat. “

Der evangelische Dekan Burkhard zur Nieden sieht es entspannt, dass immer mehr Menschen dem Christentum entsagen und trotzdem Weihnachten feiern. Über eine volle Kirche am Heiligen Abend freut er sich: „Die Menschen, die nur am Heiligen Abend in die Kirche kommen, kommen ja auch regelmäßig, es ist eine besondere Form seinen Glauben zu leben, der sie auch das restliche Jahr über nicht unberührt lässt. Und auch den anderen, die nicht kommen, gönne ich ihre Festfreude. Das Anliegen, dass Gott uns Menschen nicht allein lässt, sondern uns begleitet.“

Auch Dr. Joachim Kahl, freiberuflicher Philosoph und erklärter Atheist, feiert Weihnachten. Dabei hat er für sich eine Lösung gefunden, die wenig mit Religiosität oder Esoterik zu tun hat: „Auch ohne den Glauben an die Geburt eines göttlichen Welterlösers lässt sich Weihnachten, genauer die Weihnachtszeit, gut feiern“, sagt er.

„Weihnachten ist ein unverwüstliches Fest, das dem Bedürfnis entspringt, sich in der dunkelsten und kältesten Jahreszeit mit einer Fülle von Symbolen und Utensilien das Licht und die Wärme zu vergegenwärtigen, die wir Menschen brauchen, um unsrem Leben eine spirituelle Orientierung über den Tag hinaus zu geben. Ich feiere Weihnachten als ein weltliches Friedensfest, als geselliges und heiteres Fest in der Mittwinterzeit.“

von Kristina Gerstenmaier

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