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Assad ist Hauptgrund für Flucht – nicht IS

Syrer Mohammad Altweel im OP-Interview Assad ist Hauptgrund für Flucht – nicht IS

Nach den Anschlägen in Paris plant Frankreichs Präsident Hollande, im Kampf gegen den IS mit dem syrischen Präsidenten zu kooperieren. Flüchtlinge schrecken auf, war doch Assad der Hauptgrund für ihre Flucht.

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Mohammad Altweel (24) im OP-Gespräch: „Wenn man krank ist, muss man den Grund der Krankheit behandeln. Der Grund für den Krieg in Syrien ist nicht der IS, sondern Assad.“

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Der Hauptgrund für 
die Flucht nach Deutschland ist die Gewalt der Regierung von Baschar Al-Assad – dies geht aus einer aktuellen Umfrage der deutsch-syrischen Organisation „Adopt a Revolution“ hervor. Von Ende September bis Anfang Oktober 2015 interviewten die Demokratieaktivisten knapp 900 syrische Flüchtlinge vor Erstaufnahmeeinrichtungen, Regierungsstellen und Flüchtlingsunterkünften in verschiedenen Städten der Bundesrepublik.

Die Ergebnisse dieser Befragung zeigen, dass 92 Prozent der Befragten vor bewaffneten 
 Auseinandersetzungen geflohen seien, für die nach Ansicht von zwei Dritteln (70 Prozent) die syrische Regierung verantwortlich ist. Halb so viele (32 Prozent) machten den Islamischen Staat (IS) für die Kämpfe verantwortlich.

73 Prozent gaben an, dass ihr Leben durch ausschließlich von der Assad-Armee eingesetzte Fassbomben – das sind mit Sprengstoff und Metall gefüllte Behälter, die wie übergroße Splitterbomben funktionieren – 
bedroht war. Eine Mehrheit von 52 Prozent sieht den Abtritt von Baschar Al-Assad als Bedingung für eine Rückkehr nach Syrien an.

„Die Medien berichten 
oft nur über den IS“

„Die Ergebnisse zeigen deutlich, wie viele der syrischen Geflüchteten zurückkehren möchten, allerdings in ein Land ohne den Diktator Baschar Al-Assad“, so Elias Perabo, ehemaliger Marburger und Mitgründer von „Adopt a Revolution“. „Während in der deutschen Öffentlichkeit die zweifelsohne schrecklichen Verbrechen des Islamischen Staates im Vordergrund stehen, sind es de facto die Fassbomben und Gewalt des Assad-Regimes, welche den Großteil der Menschen zur Flucht zwingen.“

Dem stimmt auch Mohammad Altweel zu. Vor zweieinhalb Jahren ist er aus Syrien nach Deutschland geflohen. „Die europäischen Medien berichten oft nur über den IS, kaum einer spricht mehr über Assads Rolle im syrischen Bürgerkrieg.“ Für ihn, der den Krieg hautnah miterlebt hat, sei dies unerträglich.

Mohammad Altweel kommt aus Homs, die Stadt, in der im März 2011 der Aufstand gegen das diktatorische Regime der Assad-Familie mit friedlichen Demonstrationen vorwiegend jugendlicher Aktivisten begann. Als Altweel Anfang 2011 sein Maschinenbaustudium in der syrischen Hafenstadt Tartus (siehe Karte) aufnimmt, hat der Arabische Frühling also gerade erst begonnen.

Doch schon damals wird er Zeuge von Unterdrückung und Gewalt durch das Assad-­Regime: „In einer Veranstaltung an der Universität äußerten sich drei Kommilitonen kritisch über Assad“, erinnert sich der 24-Jährige. Kurz danach seien sie ohne Begründung verhaftet und ins Gefängnis gesteckt worden.

„Es fielen viele Fassbomben“

An einem anderen Tag gab es eine Strandparty, die von Assad-Anhängern organisiert wurde. Wer nicht erschien, wurde von Geheimdiensten verhört. „Ich habe es nicht mehr ertragen“, sagt Altweel. Nach eineinhalb Jahren bricht er sein Studium in Tartus ab und kehrt nach Homs zurück.

Dort ist die Lage Ende 2012 sehr angespannt. Die syrische Führung hat ihre Angriffe auf die Stadt verstärkt. „Es fielen viele Fassbomben. Immer mehr Häuser wurden zerstört. Eines Abends wurde ich von einem Freund zum Essen eingeladen. Weil es so spät wurde, schlief ich bei ihm. Am nächsten Morgen bekam ich einen Anruf von meinem Cousin, der mich ganz aufgeregt fragte, wo ich sei. Das Haus, in dem ich lebte, war in der Nacht von einer Bombe zerstört worden.“ Altweels Familie, seine Eltern und einer seiner Brüder, ziehen aufgrund der immer größer werdenden Gefahr nach Idlib nahe der türkischen Grenze.

Altweel flieht Anfang 2013 mit seinem Bruder, der als Offizier in der freien syrischen Armee bei einem Militäreinsatz am Auge schwer verletzt wurde, nach Deutschland. Hier wird er in einer Spezialklinik operiert. In Marburg besucht er nun die Blindenstudienanstalt (Blista), wo er lesen und schreiben lernt. Wenige Monate nach der Flucht der beiden Brüder breitet sich der IS in Syrien aus.

„Vor allem Assad muss bekämpft werden“

Mehr als 85 Prozent des Territoriums sind Präsident Assad nach der jüngsten Übersicht des Conflict Monitor von Information Handling Services (IHS) entglitten. Im Osten Syriens dominiert der IS, der sich nun in Richtung Homs und Damaskus vorkämpft.

Wegen des Vorsprungs der islamistischen Terrormiliz stehe Assad nun nicht mehr im Fokus der Öffentlichkeit, bedauert Altaweel. Dabei sei er der Hauptgrund für den Krieg in Syrien: „Der Krieg in Syrien ist wie eine 
 Krankheit, die sich immer weiter ausbreitet. Wenn man krank ist, muss man den Grund 
der Krankheit behandeln. Der Grund für den Krieg in Syrien ist nicht der IS, sondern Assad. Der IS hat eine gefährliche Ideologie und muss bekämpft werden. Aber vor allem Assad muss bekämpft werden.“

Dass sich angesichts der Flüchtlingskrise die Forderungen, den syrischen Machthaber als Partner im Kampf gegen die Extremistenmiliz zu akzeptieren, mehre, ist für Altweel unerträglich. Die Sorge um ihre Familie treibt die beiden Brüder um. Doch für sie steht fest: „Wir wollen nicht zurück nach Syrien, solange Assad dort regiert.“

von Ruth Korte

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