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Arzt gesteht Missbrauch einer Patientin

Aus dem Gericht Arzt gesteht Missbrauch einer Patientin

Überraschende Wende im Prozess gegen einen 65-jährigen Marburger Allgemeinarzt: Sein gestriges Geständnis führte nach 13 Verhandlungstagen zum Ende. Wegen „schweren sexuellen Missbrauch eines Kindes“ wurde er vor dem Marburger Landgericht zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und acht Monaten verurteilt. 

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Symbolbild für eine gestandene Tat. Ein Marburger Arzt hat eingeräumt, eine minderjährige Patientin missbraucht zu haben.

Quelle: Henrik G. Vogel/pixelio.de

Marburg. Zudem muss er an das Opfer – eine zum Tatzeitpunkt im April 2009 13 Jahre alte Marburgerin – ein Schmerzensgeld in Höhe von 7 000 Euro zahlen. Zudem wird ihm ab sofort untersagt, Patientinnen unter 18 Jahren zu behandeln. Auch ein Entzug der ärztlichen Approbation ist aufgrund des Urteils und der nun folgenden Überprüfungen durch die Landesärztekammer und das Landesprüfungsamt noch möglich.
Ausschlaggebend für das späte Geständnis war das Gutachten einer Computerfirma aus München, in dem nachgewiesen wurde, dass in der Patientendatei für den Tattag nachträglich Veränderungen vorgenommen wurden.

Anwältin liest das Geständnis vor

Es war ein Geständnis ohne viele Worte, das der Angeklagte auch  nicht selbst aussprach. Er ließ es seine Verteidigerin formulieren. Sie sagte, dass der Marburger Arzt den Tatvorwurf in vollem Umfang einräume. Zudem wolle er zum Ausdruck bringen, dass es ihm außerordentlich leid tue. Während die Anwältin das vorformulierte Geständnis ablas, wirkte der Angeklagte nahezu unbeteiligt und schaute auf den Bildschirm seines Computers.
„Es ist bedauerlich, dass der Angeklagte das Geständnis nicht über die Lippen gebracht hat“, sagte Ulrike Ristau, die als Anwältin die Nebenklägerin vertrat. „Am allerwichtigsten aber war meiner Mandantin, dass ihr geglaubt wurde“, sagte Ristau im Namen der Nebenklägerin. Die mittlerweile 18 Jahre alte Frau habe den langwierigen Prozess „in bewundernswerter Weise durchgestanden“, sagte die Anwältin im Plädoyer.

Mit dem jetzt erfolgten Geständnis hatte der niedergelassene Marburger Allgemeinarzt eingeräumt, dass er die junge Frau am 3. April 2009 in seinen Praxisräumen sexuell missbraucht hatte. Dem von ihm jetzt eingeräumten Anklageworwurf zufolge empfing er die Patientin gegen 13.30 Uhr alleine in seinen Praxisräumen.  Dass er unter dem Vorwand einer gynäkologischen Untersuchung mehrmals mit dem Finger und einem vibrierenden Gegenstand in ihre Scheide eingedrungen war, wertete die 8. Strafkammer des Marburger Landgerichts als „schweren sexuellen Missbrauch“.

Manipulation am Computer

Dass der Prozess überhaupt schon vor der Verlesung eines im Vorfeld vom Gericht angeforderten Glaubwürdigkeitsgutachten beendet werden konnte, lag vor allem daran, dass seit einigen Tagen  das schriftlich Ergebnis eines Computer-Gutachtens vorliegt, aufgrund dessen sich der Tatverdacht gegen den Arzt verdichtet habe, wie Staatsanwältin Annemarie Wied betonte. Aus dem Gutachten einer Computerfirma aus München geht hervor, dass nachträglich in der Computerdatei der Arztpraxis Patientendaten verändert worden waren. Durch diese Manipulation wurde der Eindruck erweckt, dass die damals 13-Jährige nicht die letzte Patientin am Tattag war.

„Das Urteil beruht auf einer Verständigung aller Verfahrensbeteiligten“, betonte Richter Dr. Thomas Wolf nach einem unter Ausschluss der Öffentlichkeit geführten Rechtsgespräch der Kammer mit der Verteidigung, der Staatsanwaltschaft und der Anwältin der Nebenklägerin.  Zuvor hatte er im öffentlichen Teil darauf hingewiesen, dass es im Fall einer Verurteilung eine Bewährungsstrafe zwischen anderthalb Jahren sowie einem Jahr und neun Monaten geben werde. Jetzt lautet das Urteil: ein Jahr und acht Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung.

Revision noch möglich

In der Urteilsbegründung sagte Wolf, dass die Bewährungsstrafe sich am unteren Rand des zwischen einem 15 Jahren liegenden Strafrahmens für das Delikt bewege. Das liege vor allem daran, dass die Tatausübung im Vergleich mit anderen Missbrauchstaten an Kindern aus dem Rahmen falle, bei denen die Täter mit Gewalt vorgehen würden. In diesem Fall habe der Täter sein Vorgehen mit Absicht „vertuscht“, in dem er es so wie eine medizinische Untersuchung habe aussehen lassen wollen. Bei aller verständlichen moralischen Empörung über dieses Vorgehen eines Arztes sei es  ein minderschwerer Fall des schweren Missbrauchs.
Das Gerichtsverfahren ist jetzt zu einem Ende gekommen, wenn binnen Wochenfrist keiner der Verfahrensbeteiligten Revision einlegt. Wenn das Urteil rechtskräftig ist, dann droht dem Arzt sogar der Entzug der Approbation durch die Landesärztekammer. Darauf wies die Verteidigerin des Arztes hin.

Ein Bestandteil der Bewährungsauflagen ist die Zahlung eines Schmerzensgeldes von 7 000 Euro durch den Arzt an seine ehemalige Patientin. Es solle auch dazu dienen, das durch die Verhandlung wieder aufgerührte seelische Leid der jungen Frau zu mindern.

von Manfred Hitzeroth

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