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Arzt entgeht Berufsverbot - vorerst

Amtsgericht Arzt entgeht Berufsverbot - vorerst

Ein Marburger Arzt (49) ist am Mittwoch zu einem Jahr und zehn Monaten Haft auf Bewährung sowie 10000 Euro Geldstrafe verurteilt worden. Ein Berufsverbot verhängte das Gericht trotz des Schuldspruchs nicht. Nach OP-Informationen muss der Mediziner jedoch trotzdem um seine Zulassung bangen.

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Der wegen sexuellen Missbrauchs während eines Behandlungsverhältnisses verurteilte Marburger Arzt (rechts) wurde von Rechtsanwalt Hans-Joachim Wölk verteidigt. Dessen vom Gericht abgeschmetterte Forderung: Freispruch.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. „Ein armer Junge ohne Hoffnung sieht in seinem Arzt den Rettungsanker - und dieser nutzt das gezielt aus, um Sex zu haben“, heißt es in der Urteilsbegründung des Gerichts. Die Sucht eines Drogenabhängigen als Chance wahrzunehmen, die eigene Lust zu befriedigen, sei „verwerflich“, sagte Richter Tobias Friedhoff gestern. Der Prozess habe ein „Bilderbuchbeispiel für die Abhängigkeit von Suchtpatient und Arzt“ geliefert. Es gebe entgegen den Aussagen der Verteidigung keine Zweifel daran, dass zwischen dem Mediziner - der des Opfers Hausarzt und ein Freund der Familie war - und dem bereits verstorbenen 21-Jährigen ein seit Jahren laufendes Behandlungsverhältnis bestand. „Eines, das wohl mal ein dreiviertel Jahr unterbrochen war, bei einer Behandlung exakt im Tatzeitraum aber wieder aufgenommen wurde“.

 

Für das Gericht war es während der Beweisaufnahme wichtig, zu klären, wer eine in der Patientenakte des Opfers auf den 5. Mai 2010 datierte Blutabnahme und Untersuchung durchgeführt hatte. Der Arzt bestritt das, ein Entlastungszeuge - der nun wohl wegen Meineids angeklagt wird - behauptete, dass er als Nicht-Mediziner dem Drogenabhängigen Blut abgenommen und ein Speziallabor mit der Analyse beauftragt habe. Das wurde gestern endgültig widerlegt - durch ein vom Arzt unterschriebenes Rezept, das auf den 5. Mai 2010 datiert ist. „Der unbestechlichste Beweis, den es in diesem Verfahren gibt“, sagt Friedhoff.

Somit war für das Gericht klar: Der Drogenabhängige kam als Patient zu seinem Hausarzt, ließ sich auf Krankheiten wie HIV und Hepatitis untersuchen. Am selben Abend - das belegen Videos und Pornobilder auf dem Handy des Arztes - hatten sie Geschlechtsverkehr in einer Sex-Wohnung, die der Mediziner im Südviertel besaß und wohl Geliebten als Unterkunft zur Verfügung stellte. „Ich hatte nie den Eindruck, etwas falsch gemacht zu haben“, sagte der 49-jährige Arzt in seinem Schlusswort. Rechtsanwalt Hans-Joachim Wölk forderte einen Freispruch für seinen Mandanten. „Er hat ihm geholfen, sich selbst um dessen Langzeit-Drogentherapie gekümmert“, sagte er. Mehr Freund als Arzt sei der Beschuldigte gewesen. Ohnehin sei die Anzeige nicht rechtens, der 21-Jährige habe bei der Polizei widersprüchliche Aussagen gemacht, Vorwürfe zurückgezogen.

„Ja, immer dann, wenn er entzügig war, es ihm schlecht ging und er Medikamente brauchte. Sobald es ihm gut ging, sagte er klar aus“, entgegnete Staatsanwältin Annemarie Petri. „Der Arzt war nämlich sein Drogen-versorger, der Sex erkauft, das war keine Liebe.“ Sie forderte zwei Jahre Haft auf Bewährung sowie 10000 Euro Geldstrafe. Das Urteil - ein Jahr und elf Monate auf Bewährung - kommt zustande, da der Arzt nicht vorbestraft ist, keine weiteren Fälle bekannt geworden sind, erläuterte Friedhoff. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Verwirrung herrscht indes um die Entscheidung, kein Berufsverbot über den Verurteilten zu verhängen. Um das durchzu-setzen fehle „die negative Prognose, etwa die Kenntnis von weiteren Taten“, erklärt Staatsanwältin Annemarie Petri. Richter Friedhoff schloss sich dieser Ansicht an.

Das Amtsgericht hat zwar kein Berufsverbot über den verurteilten Arzt verhängt. Jedoch können Behörden dieses noch aussprechen.Zuständig ist das hessische Landes-prüfungs- und Untersuchungsamt in Gesundheitsfragen.Maßgeblich entscheidend ist deren Bewertung der Berufsärzte-Ordnung (BÄO). Laut dieser sind zwei Dinge wichtig: Unwürdigkeit und Unzuverlässigkeit des Arztes. Unwürdig im Sinne der BÄO ist derjenige, „der durch sein Verhalten das zur Ausübung des ärztlichen Berufes erforderliche Ansehen und Vertrauen bei der Bevölkerung nicht besitzt.“ Unzuverlässig laut BÄO „ist der Arzt, der nach seiner Gesamtpersönlichkeit keine ausreichende Gewähr für eine ordnungsgemäße Berufsausübung bietet.“

von Björn Wisker

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