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Armut trotz Arbeit breitet sich aus

Sozialbericht Armut trotz Arbeit breitet sich aus

Obwohl die Zahl der Erwerbstätigen in Marburg gestiegen ist, gibt es in der Stadt mehr als 3000 Menschen, die auf staatliche Hilfen angewiesen sind.

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Der Marburger Sozialbericht zeigt unter anderem, dass 1119 der 2760 Familien, die in Marburg Transferleistungen beziehen, die staatliche Leistung zusätzlich zu den eigenen Verdiensten brauchen. 

Marburg. Das geht aus dem „Sozialbericht der Universitätsstadt Marburg“ hervor, der nach mehr als einjähriger Arbeit von Sozialplanerin Monique Meier verfasst und im Magistrat zur Kenntnis genommen worden ist. Ab der kommenden Woche wird das umfangreiche Zahlenwerk an die Mitglieder des Stadtparlaments versandt.

Der Sozialbericht, der zum ersten Mal in dieser Form erstellt worden ist, soll, so schreibt es Sozialplanerin Meier, „die Lebensbedingungen der Bürgerinnen und Bürger“ ermitteln, „indem Zahlen und Statistiken zusammengestellt und kommentiert werden.“

Um ein Bild des vielfältigen Lebens in der Stadt zu erhalten, sollen einzelne „Lebenslagen“ betrachtet werden, also „Handlungsspielräume, die Einzelne oder Haushalte zur Verfügung haben.“ Herausgekommen ist ein umfangreiches Werk, das sich unter anderem mit den Themen „Behinderte“, „Menschen mit Migrationshintergrund“, „Schule und Betreuung“, Arbeit“, „Soziale Transferleistungen“, „Wohnen in Marburg“ oder „Sicherheit und Kriminalität“ beschäftigt. Nicht alle zusammengetragenen Zahlen sind neu, aber sie ermöglichen in ihrer Summe einen umfassenden Blick auf einzelne Problemstellungen.

So ist die Zahl der in Marburg sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zwischen 2009 und 2011 um fast 800 Personen auf 39765 gestiegen. Interessant ist besonders, dass der Anstieg fast ausschließlich die Altersgruppe der 50- bis 64-Jährigen betrifft. Dementsprechend ist die Zahl der Arbeitslosen gesunken. Sie betrug im Dezember 2011 1925 Personen (gegenüber 2240 im Dezember 2009), die größte Gruppe bilden die Menschen zwischen 25 und 49 Jahren. Nicht überraschend ist, dass entsprechend die Zahl der Familien, die Hartz IV beziehen, zurückgegangen ist.

Einige Zahlen aber alarmieren den Sozialdezernenten, Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD): Insgesamt haben 6,5 Prozent aller Marburger Hartz IV erhalten. 15 Prozent aller Kinder und Jugendlichen unter 15 Jahren leben von Sozialgeld. 1000 Marburgerinnen und Marburger erhielten 2012 Leistungen der Grundsicherung bei voller Erwerbsminderung und Leistungen für die Grundsicherung im Alter. Hinter den bürokratischen Formulierungen verbirgt sich vor allem eines: Armut. Armut wegen zu niedriger Renten im Alter oder wegen Erwerbsunfähigkeit.

Eine dritte Problemstellung lässt sich in Marburg statistisch nachweisen: Armut trotz Arbeit. Von 2009 bis 2012 ist trotz ingesamt sinkender Fallzahlen die Zahl der Familien, die ihr Einkommen durch Leistungen nach Hartz IV aufstocken müssen (die berühmten „Aufstocker“) gestiegen. Von 2760 Bedarfsgemeinschaften bezogen 1119 noch Einkommen aus Erwerbstätigkeit - unter dem Hartz IV-Satz.

Die Grenzen der Sozialpolitik

Entscheidender Hinweis für die Sozialpolitik: Während in den klassischen „sozialen Brennpunkten“ Waldtal, Richtsberg und Stadtwald der Anteil der Menschen, die Hartz IV-Leistungen oder Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch XII (Erwerbsunfähige, Rentner, Asylbewerber) beziehen, besonders hoch ist, liegt er in den Außenstadtteilen Bauerbach, Schröck oder Moischt bei einem Prozent oder darunter. Vaupel spricht von den Grenzen der Sozialpolitik: Städte und Gemeinden könnten nicht reparieren, was Bund und Länder nicht leisten, sagt er. „Was wir vor allem tun können, ist, Kindern gleiche Bildungschancen zu geben“, sagt der Sozialdezernent. Aber das ist nur die halbe Wahrheit: Im zweiten Jahr nach seiner Einführung hat sich beispielsweise die Inanspruchnahme von Leistungen des Bildungs- und Teilhabepakets deutlich gesteigert; Zuschüsse zum persönlichen Schulbedarf wurden doppelt so oft in Anspruch genommen wie 2011 - „auch eine Frage, wie die Mitarbeiter den Berechtigten die Leistungen des Pakets bekannt machen“, sagt Vaupel.

Und der Marburger Stadtpass - ein Angebot der Stadt für Menschen mit geringem Einkommen - wurde von 2010 bis 2012 jeweils 6000 Mal pro Jahr ausgestellt. Berechtigte erhalten zum Beispiele vergünstigte Eintritte. Vaupel will hier weitere Verbesserungen: Er soll im Scheckkartenformat ausgegeben werden, damit ihn Kunden diskriminierungsfrei etwa an der Aquamar-Kasse vorzeigen können.

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