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Arm der Regierung, Lobbyist der Region

Dr. Lars Witteck Arm der Regierung, Lobbyist der Region

Wenn Dr. Lars Witteck über seine bisher fünf Jahre an der Spitze des Regierungspräsidiums (RP) in Gießen spricht, dann redet er lieber über das, was seine Behörde heute ausmacht - weniger über sich selbst.

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Regierungspräsident Dr. Lars Witteck.

Quelle: Thorsten Richter

Gießen. Dass sich mit ihm als Regierungspräsident einiges verändert hat, wird jeder bestätigen, der mit dem RP Gießen zu tun hat. „Ich habe schnell gespürt, dass im Haus viel Kompetenz da ist, die Mitarbeiter aber hier und da in starren Strukturen etwas gefangen waren“, sagt der 40-Jährige. Es habe damals eine „eher defensive Stimmung“ geherrscht.

Unter Witteck hat sich das verändert, die ausführende Behörde, der „Arm“ der Landesregierung hat sich geöffnet und ist dabei deutlich transparenter geworden. So gibt es heute einheitliche Ansprechpartner, damit sich zum Beispiel Gewerbetreibende nicht auf eine Odyssee durch mehrere Abteilungen des RP begeben müssen.

Energiewende als Herzensthema

Viele Informationen zu Kernthemen, für die das RP zuständig ist, wurden inhaltlich auf Internetportalen gesammelt und veröffentlicht. Paradebeispiel ist das Energieportal (www.energieportal-mittelhessen.de), wo man Hintergrundinformationen von der Erzeugung bis zu Einsparmöglichkeiten findet, bis hin zum (fast) tagesaktuellen Stand bei den Windkraftvorrangflächen, die im neuen Teilregionalplan Energie verankert werden sollen.

Als weitere Beispiele, die auch bei den Bürgern oft noch gar so nicht bekannt sind, nennt Witteck Internetportale wie das zum „Landservice“ (Hofläden, Urlaub, Ausflugsangebote oder Reiterhöfe in Mittelhessen, www.landservice-hessen.de). Oder das umfangreiche Pflanzenschutzportal, in dessen Infothek Landwirte, aber auch Hobbygärtner, zum Beipiel ermitteln können, welcher Schädling sich gerade an ihren Pflanzen gütlich tut (www.pflanzenschutzdienst.rp-giessen.de) und was dagegen hilft.

Herzensthema des Gießeners ist die Energiewende. Und mit dem Regierungspräsidium hat Witteck dort eine durchaus federführende Rolle übernommen. Nicht nur in der Genehmigung und Überwachung von Windparks und anderen Energieanlagen, für die das RP zuständig ist, sondern auch als ein Motor der Diskussion.

Mehr als 120 Vorträge habe Witteck zu dem Thema in den vergangenen Jahren gehalten, berichtet er nicht ohne Stolz. Regelmäßig lädt die Behörde - bürgeroffen - zu Diskussions- und Fachvortragsveranstaltungen zu dieser Thematik ein. Mit einem Energierechner stellte es den Bürgern auch ein spielerisches Instrument zur Verfügung, an dem man ablesen kann, wie viel Biomasse, Wind-, Sonnen- und Wasserkraft (und welchem Mix) es bedürfte, um den Energiebedarf der eigenen Kommune aus erneuerbaren Quellen zu decken.

Dennoch: Witteck weiß, dass nicht alles so läuft, wie man es sich erhoffen könnte. Die Energeiwende sei insgesamt bis jetzt „nicht sonderlich toll“ geplant worden, sondern „eher hektisch“. Und gerade die heftigen Konflikte um Windparks wie in Bad Endbach haben ihn auch nachdenklich werden lassen. „Ja, manchmal ist das auch zermürbend“, gibt der 40-Jährige zu. Und es geht bisweilen auch ins Persönliche, wenn eine Entscheidung des RP nicht so ausgeht, wie sich der eine oder andere das wünscht. Ein Tiefpunkt sei gewesen, als ihm Windkraft-Demonstranten im Vogelsberg einen Sarg vor die Füße gestellt hatten. Die „Sargträger“ trugen Masken mit Wittecks Konterfei. Das seien aber Dinge, die er aushalten müsse und aushalte, und die auch seine Behörde aushalte. Schließlich sei sie an geltende Gesetze gebunden und müsse danach entscheiden, und so, dass dies auch vor Gericht bestehen kann.

Dennoch will er am Kurs der Offenheit und Transparenz festhalten. „Ich will die Menschen beim Thema Energiewende mitnehmen“, sagt Witteck. Auch wenn das anstrengend ist. Denn: „Es gibt auch Leute, die wollen das einfach nicht.“

Neben der Gestaltung der Energiewende mit all ihren Widersprüchen und Unwägbarkeiten, die zumeist von anderen politischen Ebenen vorgegeben werden, sieht Witteck als größte Herausforderungen für Mittelhessen und seine Behörde in den nächsten Jahren die Flüchtlingsfrage und die Arbeit an gemeinsamen Zielen der mittelhessischen Akteure im Regionalmanagement.

Ein Lobbyist der Region

Zwar hätten die Flüchtlingszahlen noch nicht den Stand der frühen 90er Jahre erreicht.

Aber: „Wir haben auch viele der Voraussetzungen nicht mehr, wie wir sie damals hatten“, betont Witteck. Gerade leerstehende Kasernengebäude wie etwa die River Barracks in Gießen stünden heute für solche Zwecke nicht mehr zur Verfügung. Die Erstaufnahmestelle für Hessen, die sich in Gießen befindet, sei eigentlich für 470 Personen ausgelegt. Zu Hoch-Zeiten, im Dezember 2012, waren 780 Menschen dort untergebracht. Die Entwicklung werde sich auf absehbare Zeit nicht entschärfen, glaubt Witteck, deshalb müssen das RP und die Kommunen sich auch weiterhin dafür rüsten und alle Anstrengungen unternehmen, dies auch würdig zu gestalten: „Diese Menschen, die in Not zu uns kommen, haben ein Anrecht darauf, dass wir sie gut behandeln.“

Witteck ist aber nicht nur Chef der ausführenden Behörde der Regierung, sondern auch Vertreter der Kommunen gegenüber Wiesbaden, eine Art „Lobbyist der Region“, der die Interessen von hier bündeln kann.

Bei der Landesregierung will er sich für die bessere finanzielle Ausstattung der ländlichen Räume einsetzen, weil dies eine entscheidende Herausforderung der fünf mittelhessischen Landkreise ist. Wenn es nicht gelingt, die Infrastruktur dort zu erhalten, sinken auch die Chancen, Mittelhessen insgesamt erfolgreich zu gestalten.

Um gegenüber einer Boom-Region wie Rhein-Main erfolgreich zu sein, dafür seien die Oberzentren Marburg, Gießen oder Wetzlar und die Landkreise für sich genommen zu klein. „Solche Prozesse anzustoßen, schafft nur eine Region gemeinsam“, ist Witteck überzeugt. Und er verweist auf die nordhessischen Nachbarn: Das frühere „Armenhaus Hessens“ sei in diesem Punkt schon einen Schritt weiter. Dort punkte man nicht zuletzt durch Einigkeit und mit einer gemeinsamen nordhessischen Identität.

Pharma-Schwerpunkt in Marburg

Witteck will demgegenüber Mittelhessen als „die“ hessische Wissenschafts- und Forschungsregion positionieren und ausbauen. Im Zusammenwirken der Städte und Gemeinden, der Hochschulen und der Wirtschaft erkennt Witteck bereits Fortschritte in diese Richtung. Die Umstrukturierung des Regionalmanagements habe die wichtigen Akteure zusammengebracht. Seine Aufgabe sieht Witteck darin, zu moderieren und Neues anzustoßen. Das könne eine zentral gelegene internationale Schule sein, die die Region für Mitarbeiter von global ausgerichteten Unternehmen wie CSL Behring, Novartis oder von Hochschulen attraktiver machen würde.

Ein geplanter Gründerwettbewerb soll dazu beitragen, dass mehr Ausgründungen von heimischen Hochschulen oder Start-ups sich in Mittelhessen ansiedeln als bisher. Auch die Definition von Schwerpunkten hält er für sinnvoll.So wie Marburg auf einen Pharma-Schwerpunkt setzen könnte, könnten dies Wetzlar mit der Optik-Sparte und Gießen mit Handel und Dienstleistung tun - letztlich zum Wohl der gesamten Region.

von Michael Agricola

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