Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 0 ° wolkig

Navigation:
Arbeiter zerstören Idyll

Tatort Garten Arbeiter zerstören Idyll

Sein Mini-Garten ist preisgekrönt. Dicht an dicht reihen sich die Pflanzen. Wenn sie blühen, tauchen sie den Vorplatz der Wohnung in ein Farbenmeer. Doch dann zerstören Motorsägen das Idyll von Stefan Drechsel.

Voriger Artikel
Die Moschee platzt aus allen Nähten
Nächster Artikel
„Mensch Robert, werd‘ doch endlich wach“

Ein Absperrband wie bei einem Tatort, dahinter die kargen Überreste dessen was einst der Stolz von Stefan Drechsel (55) gewesen ist: Der Garten wurde von Arbeitern zerstört – „ein Missverständnis, ein Irrtum“ wie der Gießener Verwalter sagt. 

Quelle: Björn Wisker

Marburg. Weiße Fassaden, rote Dächer, offene Treppen-aufgänge: Die Häuser in der Hedwig-Jahnow-Straße im Stadtwald sind Funktionsbauten. Nicht hässlich, nicht schön - das Antlitz der Siedlung lebt von Mietern, die ihre Wohnungen, ihre Balkons, ihre Terrassen aufhübschen. So, wie Stefan Drechsel, Ex-Lehrer an einer Schule in Oberursel, das getan hat. Der 55-Jährige lebt seit vier Jahren im Stadtwald, pflegt seinen mühsam angelegten Garten. Die Pflanzenpracht hat er vom Vormieter übernommen, hat Neues hinzugefügt und jahrelang kultiviert. Sogar eine Auszeichnung heimste er für sein Terrassen-Idyll ein.

Dann kamen die Arbeiter mit ihren Motorsägen und richteten Drechsels Stolz zugrunde. Fast alles Grün häckselten sie. Fassungslos muss der Rollstuhlfahrer mit ansehen, wie sein Hobby, wie ein Teil seiner Wohnung, wie ein Teil seines Lebens vernichtet wird.

Er, der an Multipler Sklerose leidet, eilt hinaus, so schnell es der Rollstuhl zulässt. Er brüllt, fleht, dass die Arbeiter des Hausmeister-Services aufhören sollen. Doch die Motorsägen übertönen Drechsels Worte. Immer mehr Äste fallen zu Boden, immer mehr Pflanzen knicken um. „Ich schrie laut, die Polizei zu rufen wenn sie nicht sofort aufhören“, sagt der promovierte Kunsthistoriker. Erst dann hätten die Männer gestoppt, sprachen davon, dass sie einen offiziellen Auftrag hätten den Garten platt zu machen. Nach dem Wortgefecht seien die Arbeiter verschwunden. Und Drechsel blickte, gemeinsam mit einigen Nachbarn, auf den Schaden. Kopfschütteln. Wo einst der Mini-Dschungel des Stadtwalds wucherte, ist eine karge Fläche, dürre Äste, ein paar neue Setzlinge übrig geblieben. „Traurig, ratlos und wütend bin ich“, sagt Drechsel. Nicht nur, das die dichte Hecke als Sichtschutz zerstört worden sei und jeder Einbrecher sein Handicap sehe. Problemlos könne nun jeder Gegenstände von der Terrasse klauen. Zudem seien Hunderte Euro, die Drechsel in das Anlegen und die Pflege des Gartens gesteckt hatte, verloren.

Und auch gesundheitlich setzt der Kahlschlag dem Marburger zu. „Ich ringe oft nach frischer Luft, brauche sie wenn ich mich ausruhe und schlafe. Jetzt kann ich aber die Türe nicht mehr aufmachen, weil dann kann jeder Fremde reinkommen kann.“

Der Verwalter, eine Gießener Wohnungsgesellschaft reagiert: „Wir werden natürlich alle Mängel wieder beheben“, sagt Marcus Nolte, von der Claus Menges GmbH. Es habe „Kommunikationsprobleme zwischen der Hausverwaltung und dem zuständigen Hausmeisterservice“ gegeben. OP-Informationen zufolge hätte die Hecke nach Absprachen nur leicht gestutzt werden sollen. Die Fassade - wie Drechsel nach eigenen Angaben vorgeworfen wurde - sei von seinen Pflanzen nicht angegriffen worden. Für die kommende Woche hat sich ein Vertreter des Wohnungsverwalters im Haus angekündigt um die Schäden zu begutachten.

Solange hängt ein gelbes Absperrband vor dem Garten. Bis die neu gepflanzte Hecke zugewachsen, dicht ist, „vergehen Jahre“, sagt Drechsel. Er hofft, dass der Wohnungsverwalter nicht nur Mängel behebt, sondern in eine Renovierung des Gartens investiert, etwa gewachsene Sträucher aufstellt. „Ich habe die Wohnung auch wegen des vorhandenen Gartens bezogen. Meine Lebensqualität ist dahin, unter den neuen Bedingungen kann ich hier nicht bleiben.“

von Björn Wisker

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr