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„App-gelenkt“: Wenn Smartphone und Co. das Leben steuern

Informationsveranstaltung „App-gelenkt“: Wenn Smartphone und Co. das Leben steuern

Wer steuert wen: Die Menschen ihr Smartphone - oder doch eher das Smartphone die Menschen? Die Sucht- und Drogenberatung beschäftigt sich mit dem Suchtpotenzial von Handy und Co.

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Foto: Michael Agricola

Marburg. „App-gelenkt: Wenn das Smartphone zur Sucht wird“ lautet der Titel einer Aktion, die die Sucht- und Drogenberatung des Diakionischen Werks Oberhessen im Oktober in Marburg plant. Am Mittwoch, 22. Oktober, wollen die Mitarbeiter der Sucht- und Drogenberatung innerhalb ihres Projekts „Go onlife“ mit Hilfe einer Öffentlichkeitsaktion auf dem Marktplatz das Augenmerk auf diese Thematik lenken. „Der Alltag von Kindern und Jugendlichen wird zunehmend von Smartphones mit ihren vielfältigen Applikationen durchdrungen. Anders noch als mit dem PC, ist man mit dem Smartphone immer und überall online“, sagt Thomas Graf von der Suchtberatung und weist darauf hin, dass sich die Nutzungszeiten des Internets enorm verschoben haben. „Nach einer unveröffentlichten Studie der Uni Bonn schauen junge Menschen im Durchschnitt alle 12 Minuten auf ihr Handy“, berichtet er.

Jugendliche manövrieren sich mit Hilfe verschiedener Apps durch den Tag. Am Morgen werden sie von ihrer Wecker-App aus dem Schlaf geholt, in sozialen Netzwerken wie Facebook oder beim Nachrichtendiensten wie WhatsApp wird der aktuelle Status gecheckt und gepostet, bevor es mit Hilfe der Nahverkehrs-App zur Schule geht - selbst wenn der Busfahrplan direkt daneben hängt. In Schulpausen wird das neueste Handy-Game ausprobiert. Und nach der Schule wird die Fitness-App genutzt, denn das digitale Selbstvermessen soll die Motivation, Sport zu treiben, erhöhen. „Es gibt praktisch keinen Alltagsbereich mehr, für den nicht irgendeine App angeboten wird“, fasst Jana Becker zusammen, die sich wie ihr Kollege Thomas Graf in der Suchtberatungsstelle des Diakonischen Werks mit diesem Themenschwerpunkt befasst.

Forschung: Glückshormone durch Selbstdarstellung

Über soziale Netzwerke sowie Nachrichtendienste stehen Kinder und Jugendliche im ununterbrochenen Austausch mit ihrer Clique, nicht selten bis spät in die Nacht hinein - und viele junge Menschen sorgen sich schnell um Freunde, wenn diese nach einer Stunde immer noch nicht auf eine Nachricht geantwortet haben.

„Der Aufforderungscharakter der neuesten Technik im digitalen Verbraucher-Markt ist enorm hoch“, führt Thomas Graf aus und verweist darauf, dass Kommunikationsplattformen immer wieder neue Trends in der Jugendkultur setzen. Somit bekomme das Smartphone als Lifestyle-Objekt eine enorm hohe Bedeutung für junge Menschen. „Viele sind der Meinung, ihr Leben stecke in diesen Geräten“, sagt Jana Becker und ergänzt: „Nicht wenige Jugendliche würden einer Studie zufolge lieber auf Sex verzichten als auf ihr Smart­phone.“

Forscher haben nachgewiesen, dass die Selbstdarstellung im Netz Glückshormone im Gehirn freisetzt. „Werden Einträge in sozialen Netzwerken von anderen geliked, wird dieser Effekt sicherlich noch gesteigert“, vermutet Thomas Graf.

Daher sei es wenig verwunderlich, dass Jugendliche selbst verstärkt das Gefühl hätten, süchtig nach ihren Mobilgeräten zu sein. „So wird es für das direkte soziale Umfeld zunehmend schwieriger, die ungeteilte Aufmerksamkeit der jungen Smartphone-User geschenkt zu bekommen.“ Lehrkräften, Eltern oder der Liebespartner - viele fühlten sich zurückgesetzt, wenn das Gegenüber derart „App-gelenkt“ sei und man erfolglos versuche, mit ihm zu sprechen. „Immer neue Geschichten über Smartphone-Diäten geistern durch die sozialen Netzwerke. Sie berichten allesamt, wie schwierig der Verzicht auf diese Alleskönner geworden ist“, fasst Thomas Graf zusammen.

Auf der Flucht vor den „realweltlichen“ Konflikten

Die Sucht- und Drogenberatung des Diakonischen Werkes Oberhessen verfolgt diese Entwicklung intensiv. Betroffene, die sich in sozialen Netzwerken verfangen, werden dort bereits seit längerer Zeit beraten. Je nach Ausprägung der Problematik steht entweder die Vermittlung von Medienkompetenzen oder deren Wiedererwerb im Vordergrund. „Auch Angehörige, vor allem Eltern, suchen den Weg zur Beratungsstelle, wenn sie merken, dass das Mediennutzungsverhalten ihres Kindes außer Kontrolle geraten zu sein scheint“, sagt Jana Becker und erklärt, dass exzessive Mediennutzung ein Fluchtweg aus den nicht zufriedenstellenden „realweltlichen Erfahrungen“ sein kann.

„Persönliche Herausforderungen oder Probleme im sozialen Umfeld können praktisch in jeder Minute aus dem Bewusstsein verdrängt werden“, erklärt die Suchtberaterin. Wenn Smartphone und Tablet-Süchtige dann einmal nicht auf ihre Gerät zugreifen könnten, stellten sich Entzugserscheinungen wie etwa Gereiztheit oder Nervosität sein. „Konflikte in der Schule und im Elternhaus sind bei dieser Form der exzessiven Nutzung vorprogrammiert“, konstatiert Jana Becker.

Weitere Informationen zum problematischen Medienkonsum gibt es bei der Sucht- und Drogenberatung. Ansprechpartner sind Jana Becker und Sebastian Reinhard, Telefon 06421/26034, E-Mail: becker.suchtdwo@ekkw; reinhard.suchtdwo@ekkw

von Carina Becker

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