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Anwohner sieht Rechtsfrieden gestört

Kriegerdenkmal Anwohner sieht Rechtsfrieden gestört

Monate, wenn nicht Jahre werden noch ins Land gehen, ehe das Verwaltungsgericht Gießen über die Zukunft des Kriegerdenkmals in Bortshausen entscheidet.

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Das umstrittene Kriegerdenkmal in Bortshausen sorgt seit 2011 für Zündstoff.

Quelle: Thorsten Richter

Bortshausen. Das Denkmal war 2011 von der Kameradschaft Marburger Jäger erworben und in einem Privatgrundstück in Bortshausen aufgestellt worden. Es sorgt seitdem immer wieder für heftige politische Diskussion. Die Aufstellung des Gedenksteins für die Gefallenen des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 sowie des Ersten Weltkriegs war zunächst vom hessischen Wirtschaftsministerium für unrechtmäßig erklärt worden, danach war dieser Beschluss aber revidiert worden.  

Die Stadtverordnetenversammlung hatte gefordert, dass der Stein zu entfernen sei. Der Magistrat hatte dem Verein eine Abrissverfügung zugestellt, die Marburger Jäger hatten widersprochen und gegen die Verfügung geklagt.

Wann das Gericht über die Verfügung entscheidet, steht noch in den Sternen. Die Klage dagegen war im März beim Verwaltunsgericht eingegangen, bestätigt der Pressesprecher der Behörde, Reinhard Ruthsatz.

Im Normalfall liegen zwischen dem Eingang einer Klage beim Verwaltungsgericht und dem Urteil durchschnittlich etwa zwölf Monate, sagte Ruthsatz, der aber ergänzte: „Im Moment ist das Gericht durch die sprunghaft gestiegene Zahl von Asylverfahren noch überlasteter als sonst.“ Ein Verhandlungstermin sei noch nicht terminiert, hieß es.

Karsten Engewald, Anwohner und einer der Sprecher der Bürgerinitiative „Kein Kriegerdenkmal in Bortshausen“, berichtet unterdessen von weiteren Zwischenfällen rund um das Denkmal. Ende Juli sei er nach einer Feier der Kameradschaft Marburger Jäger nachts aus dem Bett geklingelt und von einem angetrunkenen Vereinsmitglied beleidigt und bedroht worden.   

Engewald hat Anzeige erstattet und außerdem den Staatsschutz von dem Vorfall informiert. Es sei unerträglich, wenn Gegner des Denkmals auf diese Weise eingeschüchtert würden, sagte Engewald der OP.

Er spricht von einer „Vereinnahmung des Dorfes durch die Kameradschaft“  angesichts mehrerer Aufzüge und Feiern von Uniformierten, die in Bortshausen stattgefunden haben. Engewald sieht sogar den „Rechtsfrieden“ in Bortshausen gestört, solange er regelmäßig beleidigt und bedroht werde.

Studie spricht von Kriegsverbrechen

Damit knüpft Engewald an die Haltung der Stadt Marburg an, die ihre Abrissverfügung an die Jäger damit begründet hatte, die Beseitigung des Denkmals in Bortshausen diene der Wahrung öffentlicher Belange. Bürgermeister Dr. Franz Kahle (Grüne) begründete dies mit den Ergebnissen einer Studie, welche die Marburger Geschichtswerkstatt im Auftrag des Stadtparlaments erarbeitet hatte. Darin war unter anderem die Verstrickung der Marburger Jäger in Kriegsverbrechen nachgewiesen worden.  Eine unkommentierte und unkritische Aufstellung des Kriegsdenkmals, das ursprünglich in der Knutzbach, im heutigen Waldtal, stand, werde „der zum Teil fatalen und mörderischen Rolle der Marburger Jäger in keiner Weise gerecht“.

Auch international hatte es Proteste gegen das Denkmal gegeben, so war die Menschenrechtlerin Olga Karumuao aus Namibia in Marburg zu Gast, um namens der Herero und anderer namibischer Völker den Rückbau des Denkmals zu fordern. Hintergrund ist die Beteiligung von 23 Marburger Jägern am Völkermord an den Herero und den Nama in der Kolonie Deutsch-Südwest, dem heutigen Namibia 1904 bis 1908.

Marburger Jäger waren, so die Ergebnisse der Studie, auch im August 1914 in der belgischen Stadt Dinant an der Ermordung von etwa 700 Zivilpersonen durch deutsche Soldaten beteiligt. Marburgs Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) wertete diese Tat im Zuge der Auseinandersetzung um das Bortshäuser Denkmal als Kriegsverbrechen. Die Stadt Marburg bemüht sich derzeit intensiv um eine „Aussöhnung“ mit Dinant und legte im vergangenen Jahr einen Kranz zum Gedenken an de Opfer nieder.

von Till Conrad

  • Das Denkmal:  Der Epitaph ist drei Meter hoch und besteht aus Sandstein. Er wurde an der Schmalseite eines eingezäunten Grundstücks aufgestellt und mit Koniferen umpflanzt. Der geltende Flächennutzungsplan sieht für den Bereich Dauerkleingärten vor. Der Gedenkstein befindet sich laut Stadt im Widerspruch zum Baurecht.
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