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Anwohner fürchten Gewalteskalation

Sicherheit in der Oberstadt Anwohner fürchten Gewalteskalation

Sicherheitszone Oberstadt: Während die Polizei an einem Einsatzkonzept arbeitet, um die Gewalteskalation in der Oberstadt einzudämmen, fordern Anwohner und CDU-Mitglied Stefan Oberhansl weitere Konsequenzen.

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Am Schuhmarkt erinnern Kerzen und Blumen an den Studenten, der in der Nacht zum Sonntag Opfer einer tödlichen Auseinandersetzung geworden ist.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. „Wir werden ein verstärktes Augenmerk auf die Oberstadt legen, dort einen Schwerpunkt setzen“, sagt Martin Ahlich, Sprecher der Polizei auf OP-Anfrage. Das Präsidium erarbeite nach dem Appell von Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD), der mehr Sicherheitskräfte forderte, bereits einen Einsatzplan. Doch schon bevor alle Schritte abgestimmt seien, werde die Polizei „im Rahmen der Möglichkeiten entsprechende Präsenz zeigen“. Die Pläne des Magistrats sehen vor, dass künftig Polizeistreifen, flankiert von Ordnungsamt und einem privaten Sicherheitsdienst, vor allem in Wochenendnächten und vor Feiertagen Gewalt und Vandalismus verhindern sollen.

„Man fühlt sich hier einfach zunehmend unsicher. Es passiert immer mehr, Überfälle und Pöbeleien nehmen zu“, sagt Christopher Moss von der „Bürgerinitiative Oberstadt“. In den vergangenen Jahren seien „so viele Sachen hingenommen und von der Politik verharmlost worden. Fakt ist aber, dass man in der Oberstadt eine Einladung erhält, sich schlecht zu verhalten.“

Anwohner: Lange Öffnungszeiten waren Nährboden der Bluttat

Rudolph Braun-Elwert wird noch deutlicher: Der Buchhändler, seit Jahrzehnten Bewohner der Reitgasse, hält die langen Öffnungszeiten der Oberstadtkneipen für den „Nährboden“, auf dem sich die Bluttat vom Wochenende ereignen konnte. Er fordert, die Schankerlaubnis „auf ein Maß zurückzuführen, das ein Mischgebiet verträgt.“ Die Oberstadt sei nicht nur für die Gastronomie, sondern auch für Wohnen, Handel und Freizeit gedacht.

Braun-Elwert fordert konsequente Kontrollen von Polizei und Ordnungsamt. Regelmäßige Kontrollen vor den Brennpunktkneipen in der Oberstadt seien ein wirksames Mittel gegen Gewaltexzesse. Das Ordnungsamt habe zudem sicherzustellen, dass die Auflagen für die Konzession - etwa die zulässige Zahl der Gäste - eingehalten werden. Das "Roxy" soll laut Magistrat wegen Verstoßes gegen diese Auflagen in Zukunft früher schließen müssen.

Anwohner wie Moss sind skeptisch, dass die angekündigte Sicherheitsoffensive des Magistrats dauerhaft bestehen bleibt. „Das ist nach dem schlimmen Tötungsdelikt eine Panikreaktion. Vielleicht passiert jetzt kurzzeitig mal etwas, aber auf Dauer schläft das sicher wieder ein“, sagt Moss. Schon vor eineinhalb Jahren habe die Stadtspitze verstärkte Streifen und Kontrollen in Aussicht gestellt. Umgesetzt worden sei das nie, verbessert habe sich auch nichts.

„Das subjektive Sicherheitsempfinden der Anwohner ist gestört. Das werden wir nicht ignorieren“, sagt Ahlich. Allerdings sei die Polizei „kein Allheilmittel.“ Die Ermittler im Fall des erstochenen 20-Jährigen haben inzwischen einen Erfolg zu verbuchen: Die Tatwaffe wurde gefunden.

"Desbarado"-Boykottaufruf bei Facebook

Bei Facebook wurde am Mittwoch eine Gruppe gegründet, deren Initiatoren die Marburger aufrufen, das "Desbarado" zu boykottieren. Innerhalb eines Tages sind der Protestgruppe 1208 Facebooknutzer beigetreten (Stand Donnerstag 21:30 Uhr). Auf der Seite schreiben die Nutzer ihre Meinung über den Oberstadt-Club. Insgesamt heißt das Motto allerdings "Stoppt Gewalt".

„Management des Nachtlebens katastrophal“

Indes brodelt es in der CDU. In einer Mail, die der OP vorliegt, prangert Stefan Oberhansl die Passivität seiner Partei an. „Keine Silbe kommt von uns, obwohl wir es waren, die über Initiativen wie „Ein lebenswerteres Marburg“ mehrmals auf Missstände aufmerksam gemacht haben.“ Der Todesfall sei eine „Folge des katastrophalen Missmanagements im Kultur- und Nachtleben“. Viele Bürger erwarteten seit Jahren „endlich Reaktionen der Stadt, doch die hat erst gar keinen Handlungsbedarf gesehen.“ Jetzt sehe man diesen offenbar - „der junge Mann könnte noch leben, wenn man Dinge umgesetzt hätte, die seit Jahren auf den Weg gebracht hätten werden sollen.“ Oberhansl fürchtet, dass „die Gewalt-spirale weiter eskaliert.“

Die BI Oberstadt unterstützt unterdessen den Willen der Marburger FDP, umgehend eine Bürgerversammlung zur Sicherheit im Kneipenviertel einzuberufen. „Eben weil sich niemand um die Gesamtproblematik, die weit mehr ist als nur Mülltonnen, kümmert, ist es so weit gekommen. Die Anwohner müssen gehört, ihre Sorgen nicht länger kleingeredet werden“, sagt Moss.

von Björn Wisker und Till Conrad

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Die Tatwaffe, die am Sonntagmorgen, 12. Oktober zur Tötung eines Studenten in der Oberstadt benutzt wurde, ist nach einer Mitteilung der Staatsanwaltschaft gefunden worden.

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