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Anti-Pegida-Protest erntet Applaus

Demonstration geplant Anti-Pegida-Protest erntet Applaus

Muslime, Migranten und Politiker schließen sich der Antigida-Bewegung in der Universitätsstadt an. Die bevorstehende Demonstration wird indes auch kritisiert – nicht nur von der Marburger AfD.

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17 500 Pegida-Anhänger demonstrierten in Dresden. Am 5. Januar gibt es in Marburg ein Protest gegen die Bürgerbewegung. 1 500 Teilnehmer werden erwartet – so viele wie seit Mai 2006, den Demos gegen die Studiengebühren, nicht mehr. Zahl damals: 2 500.

Quelle: Archiv

Marburg. Speziell unter Migranten sorgt der für Montag (18.30 Uhr, Hauptbahnhof) angemeldete Protest gegen die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ für Aufsehen: „Bürgerkrieg gegen Moslems ausrufen, das schwingt bei Pegida mit“, sagt Goharik Gareyan, Vorsitzende des Ausländerbeirats. Pegida „predigt lauten Rassismus“, die Bewegung nutze Ängste und Unwissenheit aus, strapaziere die Meinungsfreiheit und Demokratie, begehe dadurch „eine neue, moderne Form von Heimatverrat“.

Die Antigida-Bewegung sei gut, da „Ausländer sehen sollen, dass sie von uns als Gesellschaft Schutz und Solidarität erfahren“, sagt Gareyan.

„Hetze“, „Verleumdung“, „gesäte Ängste“, „künstlich herbeigeredete Islamisierung“: Die Marburger Ahmadiyya Muslim Jamaat reagiert mit Unverständnis auf die Islamkritik. „Unsägliche Verbrechen werden unter dem Deckmantel des Islam begangen. Es ist aber pietätlos, Muslime in ideologische Sippenhaft zu nehmen“, sagt ein Sprecher der Glaubensgemeinschaft. „In Marburg kennt man sich noch gegenseitig. Es gibt diese abstrakte, absurde Angst nicht“, sagt Bilal El-Zayat, Vorsitzender der Islamischen Gemeinde „Für mich sind Aufruf und Zuspruch ein Beleg, dass das Zusammenleben hier gut funktioniert.“

Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) sagt: „Pegida und das Festmachen der Probleme an Flüchtlingen stehen im Widerspruch zum Vielfaltsgedanken und Dialog zwischen Religionen, den wir in der Stadt pflegen.“ Jedoch wirbt er dafür, die Bewegung „nicht pauschal als Nazis in Nadelstreifen abzutun“. Das Problem sei „ein Gefühl der grassierenden Ungerechtigkeit in der Gesellschaft“, welches die Politik „nicht vom Tisch wischen“ dürfe.

„Eine Gegenbewegung spaltet die Gesellschaft“

„Die Wurzel für den Protest ist gebündelte Unzufriedenheit. Nazi-Bezeichnungen stoßen Menschen eher vor den Kopf und verfestigten deren Haltung. Da werden wir, zumal in Marburg, nur Offenheit und Transparenz entgegensetzen können“, sagt Vaupel

Somaye Mansouri, Geschäftsführerin des Ausländerbeirats, sieht Antigida kritisch: „Viele Menschen haben offenbar Sorgen. Diese muss man anhören, die Themen diskutieren, deren Ängste erforschen. Eine solche Gegenbewegung zu starten, spaltet nur die Gesellschaft.“ Fremdenfeindliche Tendenzen seien „sehr unschön. Aber ich habe ein Problem damit, alle Pegida-Leute in die rechtsextreme Ecke zu stellen“, sagt sie.

„Klipp und klar: Wir haben Verständnis und Sympathien für viele Pegida-Forderungen“, sagt Dr. Konrad Adam, Sprecher des AfD-Landesverbands Hessen. Ausländerpolitik und sozialer Status von Deutschen „hängen sehr eng zusammen, immerhin ist Einwanderung in unsere Sozialsysteme keine Legende“, sagt er. Es müsse besser geregelt sein, „wer wie lange und unter welchen Bedingungen zu uns gehört“. Statt „kläglicher, ungezügelter Beschimpfungen“, sollten Politiker die Flüchtlings- und Asylpolitik ändern. Die aufkeimende Kritik an Pegida sowie die Demo in Marburg nehme man „zur Kenntnis“.

Steffen Rink, SPD-Fraktionschef im Stadtparlament, sagt: „Mir macht es Angst, dass sich wieder einmal Protest und ,dagegen sein‘, gegen was auch immer, in kultureller Abgrenzung und mehr oder minder offener Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz ausdrücken“, sagt er. In einem Klima von Weltoffenheit und Respekt vor kultureller und religiöser Vielfalt „werden die Bauernfänger von Pegida dahin gestellt, wo sie hingehören: Ins Abseits, auf den Müllhaufen der Geschichte.“

„Wir leben in einer toleranten, weltoffenen Stadt“

CDU-Chef Mathias Range sagt: „Wir leben in einer toleranten, weltoffenen Stadt, wollen ein Zuhause für Ausländer sein.“ Flüchtlinge verließen ihre Heimat nicht, „weil ihnen hier Brathähnchen in den Mund fliegen“, sondern weil sie in der Heimat Leid erlebt hätten. Pegida würdige aber eine Religion, einen Wertekanon herab, nehme „begründete Ängste vor Gräueltaten, etwa der Terrorgruppe Islamischer Staat als Schutzschild, um rechtes Gedankengut salonfähig zu machen“. Die Bewegung demonstriere nicht für ein friedliches Miteinander, sondern „gegen Leute, die sie als Feinde und Fanatiker sehen“.

„Wir sehen es als Gefahr, wenn diffuse Angst und Wut auf Seiten der Demonstranten auf Minoritäten projiziert wird, ungeachtet des eigentlichen Auslösers der Wut“, teilen die Antigida-Organisatoren auf OP-Anfrage mit. Man wolle „zum Nachdenken anregen“, sich gegen Verletzungen der Menschenwürde und für Religionsfreiheit aussprechen. Es solle zwar der Dialog mit Pegida-Anhängern gesucht, deren Ängste ernstgenommen werden. Jedoch: „Ressentiments müssen mittels Fakten widerlegt und verdeutlicht werden, dass Diskriminierungen in einer demokratischen Gesellschaft keinen Platz haben dürfen.“

„Die Stimmungsmache von Pegida wurde von der Politik begünstigt, über Stammtischparolen wie Armutszuwanderung und kriminelle Ausländer“, sagt Jan Schalauske (Linke). Daher brauche es „mehr Menschen die gegen Vorurteile und Islamhass auf die Straße gehen“.

von Björn Wisker

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