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Anrufe und Gedächtnislücken

Landgericht Anrufe und Gedächtnislücken

Der Prozess gegen einen Marburger Arzt wurde gestern mit mehreren Zeugenbefragungen fortgesetzt.

Marburg. von Manfred Hitzeroth

Marburg. Nur noch wenige detaillierte Erinnerungen an den 3. April 2009 haben die Ehefrau und die Tochter des wegen sexuellen Missbrauchs einer damals 13-jährigen Patientin vor dem Marburger Landgericht stehenden Arztes. An besagtem Tag soll sich der schwerste Fall des Missbrauchs in der Praxis des niedergelassenen Allgemeinarztes abgespielt haben, so die Anklageschrift. Laut Anklage hatte der Arzt die Jugendliche an diesem Tag gegen 13.30 Uhr allein in der Praxisräumen empfangen und dann unter bei verschlossenem Tür mit „beischlafähnlichen Handlungen“ auf einer Liege sexuell missbraucht haben. Der Arzt bestreitet den Vorwurf, äußert sich aber nicht weiter vor Gericht

Die Ehefrau, die in der Praxis aushilfsweise bei der Anmeldung mitarbeitete und bei organisatorischen Dingen wie der Ausstellung von Rezepten tätig war, war auch an dem letzten Tag vor den Osterferien anwesend, bevor die Praxis wegen Urlaub geschlossen wurde. Genauere Einzelheiten über diesen Tag konnte sie aber auf Befragen des Gerichts nicht mehr erzählen. Allerdings sagte sie, dass sie üblicherweise an Tagen kurz vor Ferienbeginn aufgrund der vielen zu erledigenden Dinge bis gegen 14 Uhr in der Praxis mitarbeitete. Zum angeklagten Geschehen konnte sie nur sagen, dass ihr Ehemann „aus allen Wolken gefallen“ sei, als er die Anklageschrift zugestellt bekommen habe.

Vor dem Tauchurlaub

Etwas genauer erinnert sich die Tochter des Arztes an den Tag: Die damals 14-Jährige weiß, dass es der Freitag vor der Woche war, in der sie gemeinsam mit ihrem Vater zu einem einwöchigen Tauchurlaub am Roten Meer flog. Um die Mittagszeit sei sie in der Arztpraxis erschienen, um mit ihrem Vater noch einige Sachen in der Vorbereitung des Urlaubs einzukaufen. Sie kann sich auch noch daran erinnern, dass sie dort eine Zeitlang gewartet hat. Sie weiß aber nicht mehr, wieviele Patienten sich zu diesem Zeitpunkt in der Arztpraxis waren. Sowohl die Tochter als auch die Ehefrau des Arztes gaben an, dass sie die damals 13-jährige Patientin, die auch als Nebenklägerin vor Gericht steht, nicht persönlich gekannt hatten. Die 14 Jahre ältere Schwester der Nebenklägerin war gestern ebenfalls als Zeugin erschienen. Sie sagte zunächst aus, dass sie wie die ganze Familie bei dem Arzt Patientin gewesen sei. Als dieser sie angerufen habe und erzählt habe, dass ihre Schwester ihn wegen „sexuellen Missbrauchs“ angezeigt habe, habe sie erst nicht gewusst, was sie glauben sollte. Der Arzt habe sie darum gebeten, ihre Schwester zu überzeugen, die Anzeige zurückziehen. Nachdem sie ein längeres Gespräch mit ihrer Schwester über den Vorfall geführt habe, sei sie überzeugt gewesen, dass an den Vorfällen doch etwas dran gewesen sein musste. Zwei Tage später habe sie noch einmal einen Telefonanruf von ihrem Schwiegervater bekommen. Dieser - ein langjähriger Freund des Arztes - habe im Auftrag des Arztes ebenfalls darum gebeten, die Anzeige zurückziehen. Als Zeuge vor Gericht sagte er gestern aus, er habe das aus eigenem Antrieb gemacht. „Der Arzt war immer für uns da“, sagte er zur Begründung. Mittlerweile geht er auf Distanz zu dem Angeklagten und sagt, sein Verhältnis zu dem Arzt sei nicht mehr das, was es einmal gewesen sei.

von Manfred Hitzeroth

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