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Anruf-Sammel-Taxi: Kundenzahl rauscht ins Tal

Verkehr in Marburg Anruf-Sammel-Taxi: Kundenzahl rauscht ins Tal

Die Fahrgastzahlen der Anruf-Sammel-Taxis (AST) in Marburg sinken. Im Vergleich von 2012 zu 2013 nutzten 5,8 Prozent weniger Kunden das Angebot der Stadtwerke - vor allem in den Außenstadtteilen.

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Quelle: Andreas Arlt

Marburg. Transportmittel auf Talfahrt: 56423 Kunden nutzen 2012 das Anruf-Sammel-Taxi, im Folgejahre waren es noch 53128 - ein Minus von 3295 Fahrgästen. Alleine in Bauerbach, Elnhausen und Michelbach ging die Zahl der Fahrgäste um bis zu 19,5 Prozent, also jeweils mehr als 1000 Kunden, zurück. Dramatischer ist der Rückgang nur in Dilschhausen (-21,8 Prozent, auf 978 Fahrten). Das geht aus der Antwort der Stadtwerke auf eine Anfrage in der Stadtverordnetenversammlung hervor. Die jährlichen Kosten für den Betrieb der AST belaufen sich auf etwa 500000 Euro, wie die Stadtwerke auf OP-Anfrage mitteilten.

Als „einen leichten Rückgang“, bewertet Pascal Barthel, Pressesprecher des Verkehrsunternehmens, den Fahrgastverlust. „Taxen und Mietwagen stellen eine gewisse Konkurrenz zum AST dar“, sagt Bathel. Vor allem, da die Transportfirmen nach Einschätzung der Stadwerke die „Fahrzeugflotten weiter ausgebaut haben und diese Verkehre von Haustür zu Haustür anbieten können, die dem Linienbandverkehr des AST verwehrt sind.“ Barthel verweist darauf, dass das AST lediglich eine Nische besetzt: „Die Beförderungszahlen im Stadtverkehr Marburg haben sich auf circa 14 Millionen Fahrgäste in 2013 erhöht.“ Das entspreche einem Plus von mehr als 600000 Fahrgästen. Im AST-Verkehr werden nur etwa 0,4 Prozent aller Fahrgäste befördert. „Das AST dient zur Abdeckung von Verkehrsbedürfnissen von der Innenstadt zu den Außenstadtteilen und zurück - vor allem zu den Zeiten, in denen kein Linienbusangebot vorhanden ist“, sagt er.

Studenten bilden Hauptkundschaft

In die Höhe schnellten die AST-Fahrten indes etwa in Ronhausen (+21,3 Prozent) und Ginseldorf (+26,3 Prozent, um 1100 Fahrgäste), auch auf die Lahnberge und den Ortenberg nahmen AST-Fahrten zu - wenn auch auf geringem Niveau. „Ein wirklich bemerkenswerter Trend für Ginseldorf“, sagt Horst Wiegand, Ortsvorsteher im Stadtteil. Eine Erklärung habe er dafür noch nicht - „viel mehr Studenten als in den Vorjahren wohnen hier nicht“. Man mache im Stadtteil aber viel Werbung für das Angebot. „Eifrige AST-Fahrer gibt es sehr wohl, schon länger. Vor allem die Frankfurtpendler, die nach Feierabend etwa von den Marburger Bahnhöfen direkt hierher fahren wollen“, sagt er.

Bereitstellung und Wartung der Anruf-Sammel-Taxis kosten die Stadtwerke eine halbe Million Euro - die Einnahmen sind gering. Ein Grund: Studenten, die aufgrund des RMV-Semestertickets das AST gratis nutzen können, bilden die Hauptkundschaft. „Es kann also nicht rentabel gefahren werden“, sagt Barthel. Er kündigt bereits an, dass die Anbindung der äußeren Stadtteile ans Zentrum für die Erstellung des nächsten Nahverkehrsplans 2015 bis 2018 ein entscheidender Punkt sein wird.

Der Stadtverordnete Dominic Dehmel (SPD) beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Nahverkehr und dem AST: Der Einbruch bei den Fahrgastzahlen aus Michelbach (1200 Kunden weniger) sei unter anderem damit zu erklären, dass zuletzt viele junge Erwachsenen - etwa zwecks Studium - in andere Städte gezogen seien.

„In ein paar Jahren, wenn die jungen Michelbacher, vor allem die aus dem Neubaugebiet, älter sind, wird es sicherlich wieder einen hohen Wert an Fahrten geben.“ Es zeige sich jedoch, dass Marburg und das Umland „eben doch ein ländlicher, wohlhabender Raum ist, wo viele Familien mehrere Autos besitzen“.

Studenten als AST-Hauptkundschaft wohnen zudem verstärkt in der Innenstadt, weshalb etwa die Fahrten zum Ortenberg zunehmen (+ 89,3 Prozent).

Dehmel will für eine Werbe-Kampagne sorgen, speziell in den Außenstadtteilen. Er schätzt den Bekanntheitsgrad des AST dort als zu gering ein. Das Beispiel Ginseldorf, wo Ortsvorsteher Wiegand die Werbung vorantreibt, dient als Beispiel. Außerdem soll eine Kooperation mit der Universität dafür sorgen, dass auch wieder mehr Hochschüler das Angebot nutzen. Er fordert die Uni auf, an den Standorten verstärkt auf das AST-Angebot hinzuweisen. „Schließlich schaut man sich den Fahrplan an und sieht nur die Linie 14, wo ab 19 Uhr Schluss ist. Viele wissen nicht, gerade wenn sie neu nach Marburg kommen, dass ab 19 Uhr das AST fährt.“

Neue Ringbuslinie am Wochenende?

Dehmel forciert indes die Einrichtung einer neuen Bus-Route, einer Ringlinie an Wochenendabenden, um die AST zu entlasten. „Freitags und samstags oder bei besonderen Events kommt das AST in eine Situation, wo nicht jeder Fahrtwunsch abgebildet werden kann“, sagt er. Zwei Busse sollten künftig in die östlichen Stadtteile fahren, die dadurch frei gewordenen AST-Fahrzeuge sollten die anderen Stadtteile ansteuern. Sobald alle Kunden, die mitfahren wollen, auch mitfahren können, würde das Image des AST verbessert.

In Bauerbach sucht man nach Gründen für die Abwärtsentwicklung (- 1600 Kunden). „Eine Ursache für den Rückgang der AST-Fahrten könnte im Zusammenhang mit dem Linienverkehr am Tag stehen“, sagt Johannes Hühn, stellvertretender Ortsbeirats-Chef. „Häufig vorkommende Verspätungen der Buslinie 11 in Richtung Klinikum und die dadurch verpassten Anschlüsse haben vermutlich zu einem Rückgang beim Kauf von Zeitkarten geführt“, sagt er. Die dadurch „inakzeptablen langen Fahrzeiten und mehrmaliges Umsteigen haben auch zum unfreiwilligen Umsteigen auf das Auto geführt“, ergänzt er. Als zügiges Transportmittel - maximal 30 Minuten vom Hauptbahnhof - sei das AST im Stadtteil aber weiterhin beliebt.

Auffällig: Im Gegensatz zu den Nachbarorten Bauerbach und Schröck (- 700 Fahrten), steigt die AST-Akzeptanz in Moischt (+ 500 Fahrten).

von Björn Wisker

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