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Anmach-Attacke am Arbeitsplatz

Prozess Anmach-Attacke am Arbeitsplatz

Ein Marburger ist vom Amtsgericht wegen sexueller Nötigung zu sechs Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt worden.

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Ein Vorfall in einem Supermarkt am Richtsberg hat das Amtsgericht beschäftigt.

Quelle: Archiv

Marburg. Der 23-Jährige griff, so die Überzeugung des Gerichts, Ende November 2014 das Opfer (23) in einem Büro eines Supermarkts am Richtsberg an.  „Komm‘, lass ficken“, sagte er nach Angaben der Frau, die das als Scherz auffasste.

„Wir haben uns bei der Ausbildung immer gut verstanden, und so etwas hat er zuvor öfter mal gesagt, aber im Spaß“, sagte die 23-Jährige während der Verhandlung.

Auch nachdem er ihr immer näher kam, sie umarmen wollte, am Gesäß berührte, habe sie noch nicht mit etwas Ernstem gerechnet. „Er wiederholte das mit dem Ficken-Wollen, aber ich sagte ihm, dass ich einen Freund habe, daher mit ihm keinen Sex will“, sagte sie. Wie auf Auszügen einer Überwachungskamera zu sehen ist, griff die 23-Jährige nach kurzer Zeit zu einem Stuhl, stellte ihn zwischen sich und den Angreifer, wehrte ihn Sekunden später mit den Armen ab.

„Plötzlich riss er mich zu sich, schob mich in die angrenzende Toilette und drückte mich fest an die Wand. Er schaute total ernst, so guckte er mich noch nie an, so kannte ich ihn nicht“, sagte sie während der Verhandlung unter
Tränen.

Angeklagter schreibt Entschuldigungs-SMS

Da sei ihr klar geworden, „dass das hier kein Spaß ist, sondern dass er das jetzt will“. Sie habe gesagt „hör bitte auf“, aber stattdessen griff er mit seiner Hand unter ihre Hose, berührte ihren Oberschenkel.

„Ich konnte nichts machen, er hat ja viel mehr Kraft als ich. Erst als ich ihm sagte, dass ich das unserem Chef erzähle, hörte er auf“, sagte die 23-jährige Frau.

Der Angeklagte, der sie sofort um Verschwiegenheit bat, verlor eine Woche später aufgrund des sexuellen Übergriffs seinen Ausbildungsplatz in dem Supermarkt. Vor Gericht schwieg er zu den Vorwürfen.

Einige Tage nach der Tat schrieb er dem Opfer eine Entschuldigungs-SMS (ein persönliches Gespräch gab es nie), bat sie darum, die Tat nicht anzuzeigen. Inhalt: Er verdiene zwar keine Gnade, jedoch sei er mit dem Verlust des Arbeitsplatzes schon gestraft genug.

Rechtsanwalt Sascha Marks verwies darauf, dass sein Mandant „keine Falle gestellt, sondern sich eine Situation hochgeschaukelt“ habe.

„In den Köpfen der beiden Beteiligten gingen offenbar sehr verschiedene Szenarien vor. Er glaubte nach all den Flirts der Vergangenheit, dass sie Sex mit ihm wolle, verstand das Gegenteil aber erst, als sie das unmissverständlich ausdrückte – worauf er sofort von ihr abließ“, sagte er.

Bemerkenswert: Der Angreifer wurde bereits im Alter von 12 Jahren straffällig, ab 2007 wurde er vom Amtsgericht unter anderem wegen Körperverletzung, Diebstahl und Sachbeschädigung verurteilt. Als noch nicht strafmündiger Jugendlicher hielt er zudem einer Mitschülerin ein Messer an die Kehle, schnitt ihr eine acht Zentimeter lange Wunde in den Rücken.

Letztmals verurteilt wurde der gelernte Verkäufer 2011 wegen eines Falls, der dem nun verhandelten ähnelt. Mit einem Bekannten bedrängte er in der Adolf-Reichwein-Schule eine junge Frau, verlangte Sex von ihr und filmte, wie sein Mittäter das Opfer mit einem Gegenstand im Intimbereich berührte.Das geht aus der Verlesung der Vorstrafen hervor.

Richter: Aus Spiel ist Ernst geworden

Die Staatsanwaltschaft forderte ein Jahr Bewährungsstrafe und ein Schmerzensgeld für das Opfer, die Verteidigung plädierte auf Freispruch. Das Gericht verhängte sechs Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung sowie 60 Stunden gemeinnütziger Arbeit.

Richter Dominik Best begründete das Strafmaß so: „Für den Angeklagten war erkennbar, dass die junge Frau den Sex nicht wollte. Und eben deshalb musste er ja Gewalt anwenden.“

Aus etwas, das zumindestens vom Opfer lange als Spiel aufgefasst wurde, sei an diesem November-Tag Ernst geworden. Trotzdem handele es sich um einen minderschweren Fall der sexuellen Nötigung.

von Björn Wisker

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