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Anklage steht auf wackeligen Füßen

Gericht Anklage steht auf wackeligen Füßen

Der Detektiv wollte die Flucht des Angeklagten und seiner zwei Bekannten verhindern. Weil er nichts von dem Diebstahl der beiden mitbekommen hatte, fühlte sich der Beschuldigte von dem Detektiv überfallen.

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Weil seine Freunde Parfüm gestohlen haben, muss sich ein 54-Jähriger vor Gericht verantworten. Er soll das Fluchtauto gefahren haben. Davon, so beteuert er, habe er aber nichts gewusst.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Ein beherzter Kaufhausdetektiv versuchte eine angebliche Flucht nach einem Diebstahl zu verhindern, indem er sich durch das geöffnete Fenster des Fluchtwagens lehnte, um die Fahrt zu stoppen. Der Fahrer startete jedoch den Wagen, während der andere Mann wahrscheinlich noch im Fenster hing. Daher musste sich der Fahrer wegen Nötigung, Körperverletzung und Beihilfe zum Diebstahl vor dem Marburger Amtsgericht verantworten.

Fahrer nahm erhebliche Verletzungen in Kauf

Anfang vergangenen Jahres hielt sich der 54-Jährige aus Köln gemeinsam mit zwei Bekannten in der Marburger Innenstadt auf. Während er im Auto wartete, verließen die beiden jüngeren Männer das Fahrzeug „um etwas zu erledigen“, wie sie laut Aussage ihm gegenüber angaben. Die beiden Bekannten gingen in ein Marburger Geschäft und stahlen einige Flaschen teures Parfüm. Nach der Tat gingen die Diebe zurück zu dem wartenden Wagen. Sie wurden jedoch von den Sicherheitskräften des Kaufhauses entdeckt. Zwei Detektive nahmen sofort die Verfolgung auf. Einer versuchte, die Flucht zu verhindern, indem er mit dem Oberkörper in das geöffnete Fenster der Fahrerseite hechtete, um an den Zündschlüssel zu gelangen. Der Angeklagte auf dem Fahrersitz stieß den Mann jedoch zurück, startete den Wagen und fuhr los. Der noch halb im Fenster hängende Sicherheitsmann wurde ein Stück mitgeschleift und fiel schließlich aus dem Pkw auf die Straße. Verletzt wurde er dabei erstaunlicherweise nicht. Jedoch habe der Fahrer „erhebliche Verletzungen des Geschädigten in Kauf genommen“, so die Anklage.

"Ich habe mich total erschrocken"

Die beiden Bekannten waren zuvor wieder aus dem Auto gesprungen und zu Fuß geflüchtet. Ein weiterer Detektiv erwischte einen der Diebe jedoch kurze Zeit später.Eigentlich sollten an diesem Prozesstag daher auch zwei Beteiligte auf der Anklagebank sitzen, einer der angeklagten Diebe erschien jedoch nicht vor Gericht. Gegen ihn wurde Strafbefehl erlassen. Während der Verhandlung stellte der Angeklagte das Geschehen anders dar. Er wusste weder, was seine beiden Freunde vor hatten, noch war er sich der Funktion des Detektivs bewusst, versuchte er die Situation zu erklären. Er habe im Auto auf die Rückkehr der beiden anderen Männer gewartet, als plötzlich ein Fremder, den er vorher nicht bemerkt hatte, den Kopf durch sein Fenster steckte und mit der Hand in das Innere des Wagens griff. Er fühlte sich überfallen, „ich habe mich total erschrocken“, gab der Angeklagte über seinen Dolmetscher vor Gericht an. Der Detektiv hatte ihn zwar angesprochen, er verstehe jedoch nur wenig Deutsch und habe die Situation daher falsch eingeschätzt. Als sein Gegenüber die Wagentür öffnete und seine beiden Bekannten auch noch fluchtartig das Fahrzeug verließen, habe er Panik bekommen und sei vor Schreck los gefahren. Zu diesem Zeitpunkt hielt sich der Geschädigte jedoch nicht mehr im Inneren des Wagens auf. Er habe niemanden verletzen wollen und von dem Diebstahl nichts gewusst, betonte der 54-Jährige.

Nach Zeugenaussage: Gericht stellt Verfahren ein

Die Geschichte stellte sich schließlich als wohl großes Missverständnis dar. Der Geschädigte selber hält sich zur Zeit nicht im Land auf und konnte daher nicht vor Gericht aussagen. Nur sein Kollege trat als Zeuge auf: Er hatte beobachtete wie das Fahrzeug losfuhr und der Detektiv ein Stück mitgerissen wurde, gab er an. Dieser stand jedoch sofort wieder unverletzt auf und folgte den beiden flüchtenden Dieben. Es war durchaus möglich, dass der Angeklagte die Situation falsch verstanden hatte. „Er wirkte sehr überrascht“, so der Zeuge. Es sei vorstellbar, dass der Mann fälschlich von einem Überfall ausging.

Die Stellungnahme des Zeugen bestätigte die Geschichte des Angeklagten zu großen Teilen. Weitere Beweise konnte das Gericht nicht ermitteln. „Nach dieser Aussage ist der Anklagevorwurf äußerst wackelig“, erklärte Richter Dirk-Uwe Schauß. Das Verfahren wurde schließlich eingestellt.

von Ina Tannert

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