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Angst war ein ständiger Begleiter

Tag des Flüchtlings Angst war ein ständiger Begleiter

Um verstehen zu können, was Menschen zur Flucht aus ihrer Heimat bewegt, was sie dafür in Kauf nehmen und was sie auf der Flucht erleben, hört man ihnen am besten selbst zu. In Kirchhain bestand eine gute Gelegenheit dazu.

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Amina Ahmet berichtete am "Tag des Flüchtlings" über ihre Flucht aus Somalia nach Deutschland.

Quelle: Ingrid Lang

Kirchhain. Zum „Tag des Flüchtlings“ hatte der Anfang des Jahres neu gegründete „Arbeitskreis Kirchhain“ des Kirchenkreises Kirchhain zusammen mit dem Diakonischen Werk Oberhessen in das Martin-Luther-Haus eingeladen. Dort berichtete Amina Ahmet über ihr Leben und die Flucht aus Somalia.

Die 26-Jährige wuchs in Somalia in einer Familie mit zwei Brüdern und einer Schwester auf. Geflohen sei sie, weil sie Angst um ihr Leben hatte, da bereits zwei Familienmitglieder ermordet worden waren, berichtete sie. Der Vater sei Ende 2007 getötet worden, was die Familie aber erst später erfuhr. Zwei Jahre zuvor war bereits ihr großer Bruder getötet worden.

Die Angst war ständiger Begleiter der Familie, so Ahmet. Wenn sie schlafen gingen oder raus auf die Straße, dann hätten sie immer Angst gehabt, auch getötet zu werden. Die Somalierin hat in Pakistan 2011 Biochemie studiert und schloss eine Ausbildung als biologisch-technische Assistentin ab.

Sie spricht neben ihrer Muttersprache Somali, auch Arabisch, Indisch und Englisch und mittlerweile auch gut Deutsch. Ihre Mutter hatte für Amina die Flucht organisiert. Drei Schleuser holten sie ab und es ging nach Moskau. In Moskau sei sie 24 Tage lang in einem Sechsbettzimmer untergebracht gewesen.

Besonders schlimm sei es für sie als Muslima gewesen, dass sie dort gemeinsam mit Männern in einem Zimmer untergebracht war. Von dort ging es mit dem Flugzeug weiter nach Frankfurt, wo sie eigentlich nur umsteigen wollte, um nach Norwegen weiterzureisen. Am Flughafen wurde sie aber von der Bundespolizei festgehalten.

Ein „Hallo“ vom Busfahrer

„Die Polizisten waren sehr freundlich“, sagte Amina Ahmet. Sie sagten ihr Hilfe zu und erklärten ihr, dass sie jetzt in Deutschland bleiben werde.

Nach fünf Tagen ging es dann von Frankfurt nach Gießen ins Erstaufnahmelager, von da aus kam sie nach Wohratal. In Wohratal hätte sie sich gewünscht, dass es mehr Menschen gegeben hätte, die ihr bei der Sprache hätten helfen können. Lediglich der Busfahrer habe sie mit „Hallo“ gegrüßt, aber sonst gab es keine Gespräche, berichtete Amina Ahmet.

Nach neun Monaten konnte sie nach Marburg umziehen, wo sie sich sehr wohl fühlt. „Da habe ich Freunde gefunden und bin nicht mehr so allein“, freut sie sich. In der Zwischenzeit habe sie Sprachkurse an der Volkshochschule besucht und war ein halbes Jahr als Gasthörerin an der Adolf-Reichwein-Schule in Marburg. Mittlerweile absolviert sie schon seit mehr als einem Jahr eine Ausbildung mit zwei Tagen Praxis und drei Tagen Theorie an der Adolf-Reichwein-Schule und hofft, dass sie nach dem Abschluss einen Arbeitsplatz findet. Nach Somalia möchte sie nie wieder zurück. „Dort wurden zu viele Menschen getötet, vor allem Freunde und Nachbarn“, sagt Amina. Während sie über Somalia erzählte, versagte ihr die Stimme, sie zeigte sich tapfer, konnte aber offensichtlich nicht alles erzählen.

Leider habe sie jetzt einen Ablehnungsbescheid als Asylsuchende bekommen. Zuhörer aus dem Publikum wollten wissen, ob sie den Bescheid überhaupt verstehe. Die 26-Jährige antwortete, dass der Bescheid in ihrer Muttersprache gehalten sei, sie aber nur verstanden habe dass er „abgelehnt sei“, mit dem restlichen Inhalt wisse sie nichts anzufangen. Zusammen mit Amina Ahmet beantworteten der Flüchtlingspfarrer und Seelsorger Hermann Wilhelmy und die Sozialarbeiterin und Flüchtlingsberaterin Julia Störmer vom Diakonischen Werk in Marburg im Anschluss Fragen aus dem Publikum.

Ehrenamtliche notwendig

In Wohratal habe sich seit dem Überfall auf die Flüchtlingsunterkunft (die OP berichtete) einiges verändert. Es habe ein Sommerfest gegeben und ein Garten für die Asylbewerber wurde angemietet. Zwei Lehrerinnen unterrichten ehrenamtlich Deutsch.

Leider gebe es aber nur eine kleine Gruppe in der Bevölkerung, die sich aktiv engagiere. Wilhelmy betonte, man solle die Flüchtlinge willkommen heißen, sie begleiten und unterstützen. Jeder Flüchtling könne von seinem Schicksal berichten. An Amina Ahmet gewandt, sagte Wilhelmy: „Es ist schön, dass Sie den Mut haben, neu anzufangen und uns über ihr Leben berichten.“

In den nächsten Wochen und Monaten werden weitere Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Auch der Arbeitskreis in Kirchhain hofft, dass sich weitere Menschen, aber auch Vereine für die Flüchtlinge engagieren. Die Kirche öffnen ihre Räume und unterstützen. Auch sei ehrenamtliche Arbeit wichtig, um vor Ort Brücken zu bauen. In Kirchhain findet das nächste Treffen am 6. November um 19 Uhr statt.

Weitere Informationen: Dekanat Kirchenkreis Kirchhain, Telefon 06421/82203, E-Mail: dekanat.kirchhain@ekkw.de

von Ingrid Lang

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