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Angst vor erneuten Attacken

Totschlagprozess Angst vor erneuten Attacken

Vom guten nachbarschaftlichem Verhältnis zur brutalen Bluttat: Der Geschädigte berichtete vor Gericht von der Messerattacke seines Nachbarn.

Marburg. Am Tattag wollte der Geschädigte mit seinen drei kleinen Kindern gerade das Haus verlassen als er von dem Nachbarn abgepasst wurde. Der habe wohl auf ihn gewartet, vermutete der Mann. Beide grüßten sich wie gewohnt. Auf die Frage, wie es ihm ginge, antwortete der Angeklagte „zum Kotzen“ und zog das versteckte Messer hinter dem Rücken hervor. Seine Kinder hinter sich, zog sich der überraschte Nachbar zurück.

Die erste Attacke fing er mit der Hand ab, dabei trennte die scharfe Klinge ihm fast den gesamten Daumen ab. Während der folgenden Rangelei stach ihm der Angreifer mehrfach in Bauch, Schulter und Rücken. „Ich habe nur geschrien, und dachte nur an meine Kinder“, erinnerte sich der aufgewühlte Nebenkläger. Beide Männer gingen zu Boden. Während sich er Geschädigte in der Brust des Angeklagten verbiss und dessen Kopf gegen die Wand schlug, konnte ihm seine alarmierte Frau das Messer entwinden.

"Ich habe ihn abgestochen"

Nachdem er von seinem Opfer abgelassen hatte, ging der Beschuldigte zurück in seine Wohnung, holte sich eine Sonnenbrille und Zigaretten und wartete auf das Eintreffen der Polizei. Dabei soll er mehrmals laut verkündet haben „ich habe ihn abgestochen, ich habe ihn umgebracht“, teilte der Geschädigte mit. Er selbst konnte nur durch mehrere Operationen und 17 Blutkonserven gerettet werden, lag mehr als fünf Wochen im Krankenhaus. Bis heute kann der Naturwissenschaftler den gefühllosen Daumen nicht mehr bewegen, musste deshalb seinen Beruf aufgeben. Mehr als sieben Monate nach der Tat steht demnächst eine weitere Operation an. Nach wie vor habe er Angst, erneut attackiert zu werden, „ich bin traumatisiert, so wie meine Kinder. Er hat meine Familie zerstört“, betonte der Zeuge. Er fordert ein Schmerzensgeld von dem Angeklagten.

Vor dem Übergriff war es zwischen den Männern nie zu einer Auseinandersetzung gekommen. Rund fünf Jahre waren Täter und Opfer direkte Nachbarn. Wie zu allen Bewohnern des Mehrparteienhauses pflegte er ein „normales, gutes Verhältnis“ zu dem Mann, teilte der Geschädigte mit. Regelmäßig hätten seine Frau und er dem Nachbarn geholfen, täglich versorgten sie ihn etwa mit heißem Wasser, in dem Wissen, dass der Mann zeitweise die Stromrechnung nicht bezahlen konnte.

Im Haus war der Angeklagte als „merkwürdig“ bekannt, die Nachbarn gingen ihm eher aus dem Weg. Mehrmals sei es zu seltsamen Äußerungen oder Verhalten gekommen. Etwa drei Monate vor der Tat sprach ihn der Beschuldigte überraschend auf seinen Glauben an, präsentierte mit den Worten „das ist mein Gott“ einen rote, teufelsähnliche Figur aus Gips.

Psychiatrische Expertin soll am Dienstag aussagen

Über ungewöhnlichen Lärm oder angebliche ominöse, religiöse Praktiken habe sich der Mann nie beschwert, so der Zeuge. Mehrfach hatte der Angeklagte vor Gericht angegeben er werde von seinen Nachbarn drangsaliert und verhöhnt. Auch dem Geschädigten warf der 47-Jährige erneut vor, ihn durch nicht näher bestimmte Handlungen „psychisch und emotional zu terrorisieren“.

Der Prozess dreht sich um eine Unterbringung des an paranoider Schizophrenie erkrankten Mannes in einer psychiatrischen Einrichtung. Am Dienstag, 1. März, soll die psychiatrische Sachverständige vor Gericht gehört werden.

von Ina Tannert

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