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„Angst, Auslieferung und Ausbeutung“

Interview zur Prostitutions-Tagung „Angst, Auslieferung und Ausbeutung“

Freier bestrafen, Freiwilligkeits-Mythen stoppen: Der Polizist Simon Häggström und die Juristin Gunilla Ekberg kritisieren im Vorfeld der internationalen Prostitutions-Tagung in Marburg den Umgang mit der Rotlichtszene.

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13 Jahre nach Einführung des Prostitutionsgesetzes in Deutschland soll künftig eine Kondompflicht für Freier gelten.

Quelle: Archiv

Marburg. Zwischen 1999 und 2014 sind nach Angaben der schwedischen Strafverfolgungsbehörden mehr als 5000 Freier für das Kaufen von Sex bestraft, Hunderte sozialpsychologisch und pädagogisch betreut worden. Ein OP-Interview.

OP: Was bewirkt dieser Ansatz, wieso soll er liberaleren wie in Deutschland überlegen sein?
Gunilla Ekberg: Es geht um einen Kulturwechsel. Frauen sollen Männern nicht mehr für ein bisschen Geld zu allem verfügbar sein. In Schweden legt man Wert auf Geschlechter-Gleichheit. Jedem ein würdevolles Leben zu ermöglichen ist das Ziel, aber es ist nicht Realität. Damit es besser wird, muss die Verbreitung von Prostitutions-Mythen, etwa dass Frauen das freiwillig, nach bewusster Entscheidung täten, es finanziell lukrativ sei, aufhören. In Deutschland geht es um Gesundheit, Hygiene, Arbeitsrecht, nicht um das, was Prostitution wirklich ausmacht. Ernst wird es dann, wenn die Frau mit dem Freier allein im Zimmer ist, dann kann er mit ihr alles machen, kauft sich Befriedigung, Macht, Kontrolle. Für die Frauen heißt das Angst, Auslieferung, Ausbeutung. Der deutsche Staat sagt: das ist okay. In Schweden sagt man, nein, so eine Gesellschaft wollen wir nicht. Denn wenn man Prostitution akzeptiert, dringt diese Struktur auch in andere Bereiche ein, was Ungleichheit in den Ländern nicht abbaut.

OP: Klingt sehr moralisch.
Ekberg: Moral,  darum geht es nicht, sondern um Menschenrechte. Jede Gesellschaft hat doch eine Ethik, Normen und Werte, denen sich die Menschen verschreiben. Sind Arme schuld an ihrer Armut, oder liegt ihre Situation an gesellschaftlichen Umständen? An Konditionen, die es zu ändern gilt? Ähnlich ist es bei Prostitution auch: Weil man sie zulässt, ermöglicht, liberalisiert und somit befördert, existiert sie – samt einer ganzen Palette an Folge-Kriminalität.

OP: Inwieweit hat die schwedische Gesetzgebung die Rotlichtszene verändert,  Begleit-Kriminalität wie Menschenhandel oder Geldwäsche bekämpft?
Simon Häggström: Als Polizisten, die täglich in der Szene unterwegs sind, sehen wir, dass das Gesetz definitiv enormen Einfluß auf Prostitution und Menschenhandel hat. Das Wichtigste ist, dass einem klar wird, dass Prostitution und organisierte Kriminalität zusammenhängen. Es geht Banden um Geld, ganz simpel. Das heißt, dass jeder Sexkäufer – auch in Marburg – der wichtigste Sponsor der organisierten Kriminalität ist.  Ohne die Freier würden weder Zuhälter noch Menschenhändler überleben. Ergo: Geht man die Freier hart an, blutet man automatisch die organisierte Kriminalität aus. Die Zahl der Freier in Schweden hat sich dramatisch verringert, die Straßenprostitution hat sich halbiert und von Szenekennern heißt es, dass das Land als zunehmend schlechter Markt gesehen wird, weil Freier Angst vor der Strafverfolgung haben, sich nicht mehr zu Prostituierten trauen. Wichtig dabei: Anfangs wollten die meisten Schweden dieses Gesetz so nicht, aber die Haltung hat sich geändert, mittlerweile ist die Zustimmung und der Wille zur Beibehaltung dieser Regelung groß. In Deutschland wird Prostitution als Teil der Gesellschaft integriert. Bei uns in Schweden ist es so, dass wir das System sozial nicht akzeptieren.
Ekberg: Die Prostitutions-Industrie geht nicht dorthin, wo es schwierig für sie ist, wo keine guten Gewinne zu machen sind. Deshalb ist es ja so wichtig, dass die gesamte Kette, von Menschenhändlern bis zu Freiern, kriminalisiert wird.

OP: Wie ermittelt die schwedische Polizei in Bezug auf Prostitutionsvergehen?
Häggström: Es gibt spezialisierte Einheiten in Stockholm, Göteborg, Malmö und Karlstadt, manche arbeiten mit Vollzeitkräften, andere setzen auf regelmäßige Razzien. Wichtig ist, dass es für die Freier-Bestrafung nicht viel mehr Personal bedarf, zwei Polizisten können schon sehr viel bewirken; in allen Feldern, ob das nun in Hotels, Apartments oder Internetanzeigen ist. Beim Menschenhandel ist das schwieriger, das braucht Personal, Zeit und Geld. Aber wer Freier bestraft, geht das Problem Prostitution immerhin mal von zwei Seiten an.

OP: Kritiker sagen, dass die Prostitution in Schweden keinesfalls verschwunden ist, sie nur ins Verborgene gedrängt wurde und Menschenhandel sogar eher zu- als abnehme.
Häggström: Ganz klar, Prostitution gibt es weiterhin. Nur weil ein Gesetz existiert, verschwindet das Problem nicht. Es kann aber einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft haben. Das lässt sich mit Diebstahl vergleichen. Das ist auch illegal, es geschieht trotzdem, aber das Gesetz wirkt wie eine Mauer, es hält die meisten Leute davon ab zu stehlen. Mit den Freiern ist es ähnlich: Viele potentielle Sexkäufer werden es unterlassen, einfach weil es illegal ist. Das lässt sich übrigens klar erkennen: Untersuchungen zeigen, dass schwedische Männer den Sexkauf zunehmend vermeiden, die, die es zuletzt taten, Sex im Ausland kauften. Das zeigt doch, dass das Gesetz wirkt.
Ekberg: Es ist völlig naiv und ein enorm hoher, wie unfairer Anspruch zu fordern, dass ein Gesetz Prostitution verschwinden lässt. Das Dasein dieses Rechts ändert jedoch die Wahrnehmung, die Verhaltensweisen, Stichwort Angst vor Entdeckung. In Schweden haben wir eine Norm gesetzt.

OP: In Deutschland gehen Schätzungen davon aus, dass es täglich rund 1,2 Millionen Bordellbesucher gibt.  
Häggström: Wie gesagt, Prostitution gibt es bei uns weiterhin, sie ist auch nicht ins Verborgene abgewandert und für die Behörden unerreichbar geworden, wie Kritiker das behaupten. Sie ist so leicht zu finden wie Straßenprostitution. In Deutschland oder Holland ist das Ausmaß der Prostitution nur viel größer. Hätten wir dieselbe offene Gesetzgebung wie diese Länder, würden die Zahlen bei uns auch explodieren. Aber hier ist es schwierig für alle, die an Prostitution verdienen wollen, einen lukrativen Markt zu finden, Geld zu machen, weil die Polizei ihnen über die Freierbestrafung die Einnahmequelle abschneidet.

  • Am Samstag, 25. April, findet in Marburg (Rathaus) eine Prostitutions-Tagung statt. Von 10 bis 17 Uhr debattieren Experten. 10.15 Uhr: Vortrag „Lebensrealität von Prostituierten“, 11.30 Uhr: „Auswirkungen der legalisierten Prostitution auf die Gesellschaft“, 14 Uhr: „Analyse zur Geschlechtergerechtigkeit und Anti-Diskriminierung“, 15.15 Uhr: „Sexkaufverbot – eine Polizeiperspektive“

von Björn Wisker

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