Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 10 ° Regenschauer

Navigation:
„Angriffe auch in Deutschland möglich“

Geheimdienstexperte „Angriffe auch in Deutschland möglich“

Der bereits Marburger Professor Wolfgang Krieger ist unter anderem für das französische Verteidigungsministerium tätig. Er befürchtet einen Vorbildcharakter des Terroranschlags auf „Charlie Hebdo“ in Paris.

Voriger Artikel
Bewerber gesucht
Nächster Artikel
Charlie Hebdo: Mahnwache auf dem Marburger Markt

Blumen, Kerzen und ein Zettel mit dem Aufdruck „Je suis Charlie“ (Ich bin Charlie) zeigen die Anteilnahme in Deutschland vor der französischen Botschaft in Berlin.

Quelle: Paul Zinken

Marburg. Professor Wolfgang Krieger weiß um die Betroffenheit, die in Frankreich nach den Anschlägen auf die Redaktion des Satiremagazins herrscht. Der im Jahr 2013 emeritierte Historiker der Universität Marburg ist Mitglied im „Centre d‘études d‘histoire de la défense“ (Zentrum für historische Verteidigungsstudien) am französischen Verteidigungsministerium und hat auch privat eine enge Verbindung zu Deutschlands westlichem Nachbarn. Seine Ehefrau, die Politikwissenschaftlerin Dr. Florence Gauzy, ist Französin und war auch am Tag des Attentats in ihrer Heimat. In der südfranzösischen Stadt Nizza erlebte sie die Reaktionen der Bevölkerung hautnah mit.

„Der Schock trifft das Land hart“, sagte sie dem „Oberbayrischen Volksblatt“. „Jeder redet darüber, alle Fernseher laufen mit den Sondersendungen, alle fragen nach dem Warum“, führt sie weiter aus. Ohnehin sei die Lage im Land angespannt, denn in Frankreich leben viele Migranten aus den nordafrikanischen Maghreb-Staaten, um die herum es zu Spannungen komme. Nun herrsche „größte Betrübnis und der Schock, dass Menschen getroffen wurden, die Mut bewiesen haben und sich für ihr Land eingesetzt haben“.

Andere Dimension als 11. September – aber Schock vergleichbar

Die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ sei sehr bekannt und war bereits in den vergangenen Jahren immer wieder bedroht worden. Es handele sich um ein „hochgeschätztes“ Magazin, das von der breiten Bevölkerung gelesen werde – „und zwar parteipolitisch unabhängig“, erläutert Gauzy. Der brutale Terroranschlag auf ein dennoch „vergleichsweise kleines Blättchen“ bedeute im Prinzip „die Auslöschung einer ganzen Redaktion“, meint Krieger.

Der Geheimdienst-Experte befürchtet nach dem Anschlag einen Nachahmer-Effekt, denn „Terroristen suchen sich immer gewisse Vorbilder“. Zwar wolle er es „nicht unbedingt in eine Dimension mit dem 11. September stellen“, doch in gewisser Hinsicht sei das Schockerlebnis in der westlichen Gesellschaft „durchaus vergleichbar“.

Es habe sich bei dem Angriff auf die Redaktion schließlich nicht nur um die Ermordung der Satiriker gehandelt, sondern um „einen Anschlag auf eine spezielle Form der Demokratie – nämlich die unbegrenzte Presse- und Meinungsfreiheit“. Während in allen französischen Städten tiefe Betroffenheit das Bild präge, herrsche in den Vororten der Metropolen zum Teil „eher ein Triumphgefühl“.

Frankreich kennt lange Tradition mit Satire – der Islam nicht

Dort seien Gemeinschaften verortet, die „sich nicht an die demokratisch-republikanische Grundordnung halten wollen“. Auch bei den Tätern handele es sich nach bisherigem Kenntnisstand um geborene Franzosen und somit um „ein internes Problem“, das man nicht mit Abschottung der Grenzen lösen könne.

„Gerade in Frankreich gibt es eine lange Tradition der unbegrenzten Satire, die sich auch massiv über die christlichen Kirchen lustig macht“, erläutert Krieger. Im Islam hingegen gebe es eine solche Tradition des „humorvollen Umgangs mit Kritik“ nicht. Man dürfe dennoch nicht vergessen, so Krieger, der als Historiker die Geschichte der internationalen Beziehungen untersuchte, dass „die meisten Opfer des radikalen Islams selbst Muslime sind“.

Der Terrorakt in Paris müsse jetzt „Anregung für eine ehrliche und offene Debatte“ auch in Deutschland sein, wo er – ebenso wie in anderen westlichen Staaten – „Angriffe auf die Presse schon für möglich“ halte. „Viele haben sich mit Verachtung auf die Pegida gestürzt“, so Krieger, ein Teil der dieser Bewegung zugrunde liegenden Sorgen seien im Bezug auf die Sicherheit vor Terroranschlägen aber zumindest „nicht ganz unbegründet“.

Die Täter in Frankreich verfügten sicherlich über ein Umfeld, mutmaßt Krieger und sieht auch in anderen Ländern eine „große Sympathisantenszene“. Damit gelte es nun sich auseinanderzusetzen und „als Gesellschaft fertig zu werden“.

von Peter Gassner

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Mahnwache für "Charlie Hebdo"
Eine von rund 300 Teilnehmern der Mahnwache auf dem Marktplatz zeigt an, was in den vergangenen Tagen vielerorts zum Bekenntnis geworden ist: „Je suis Charlie“. Foto: Nadine Weigel

Rund 300 Menschen gedachten Freitagabend auf dem Marktplatz der Getöteten beim Terrorangriff auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“. Die islamischen Gemeinden hatten mit der Stadt zu der Mahnwache eingeladen.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr