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Angreifer jagt Ehefrau durch Wohnraum

Messerstecher-Prozess Angreifer jagt Ehefrau durch Wohnraum

Streit um Trennung, Kinder und Möbel: Ein 24-Jähriger hat die tödlichen Messerstiche gegen seine Schwiegermutter (51) sowie Angriffe auf Ehefrau (23) und deren Bruder (20) gestanden. Die überlebenden Opfer schildern Szenen.

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Die zwei Kinder und ein Angehöriger der im Mai 2014 in Cappel getöteten 51-Jährigen trösten sich gegenseitig. Ihre Nebenklage wird vertreten von den Rechtsanwältinnen Dr. Marina Marschall (links) und Elke Edelmann.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg.  „Seine Augen waren bedrohlich, ich dachte, der bringt uns jetzt alle um“, sagte der Schwager des Angeklagten vor dem Landgericht Marburg. Der Angreifer habe die Wohnungstür des Apartments in der Moischter Straße aufgedrückt, sei in den Flur gestürmt und habe zwei Mal auf ihn eingestochen. Der erste Hieb traf ihn – im Zurückweichen – in den Bauch, einen zweiten Angriff in den Oberkörper wehrte er ab.„Die Stiche wären sonst voll in den Körper rein“, sagte er.

Der Messerstecher sah dann seine Schwiegermutter (51) in der Küche, lief zu ihr, stach „mehrfach auf meine Mama ein, ging in die Hocke und stach noch weiter, als sie zu Boden ging“. Die 51-Jährige schleppte sich später noch einige Meter weiter, starb nahe des Balkons.

 

Als sich der 24-Jährige in der Küche umdrehte und seine Ehefrau sah, rannte er hinter ihr her, jagte sie durch das Mehrfamilienhaus, stürmte durch die halb geöffnete Tür des Nachbar­apartments, wo sich die 23-Jährige versteckte. Die Hausfrau versuchte sich dort im Schlafzimmer einzuschließen, doch der gelernte Metallbauer brach die Tür auf und verletzte die zweifache Mutter „immer und immer wieder mit Stichen und Schnitten“, wie das Opfer aussagte. „Es fühlte sich an, als würde ich sterben.“

Als die Klinge des 15 Zentimeter langen Keramikmessers abbrach – mutmaßlich an einem Knochen der 23-Jährigen – hörte der Angreifer auf und floh. Die Frau erlitt bisweilen schwere Wunden in Oberkörper, Armen und Händen.
Das Landgericht erforscht seit gestern die Hintergründe der Tat. Auslöser scheint demnach ein bereits seit einigen Monaten schwelender Beziehungsstreit gewesen zu sein. Neben der Aufteilung des Hausrats aus der 2011 bezogenen Wohnung ging es um den regelmäßigen und richtigen Umgang mit den gemeinsamen Kindern (zwei Mädchen, vier und fünf Jahre alt).

Der Angeklagte, der die Messerstiche gestanden hat, kann sich nach eigenen Aussagen an den genauen Tatablauf nicht erinnern. „Ich weiß nur, dass ich auf 180 war – und plötzlich sehe ich mich mit Messer in der Hand vor meiner Frau stehen“, sagte er. Vorausgegangen war seinen Schilderungen zufolge eine Weigerung der 23-Jährigen, ihm das gemeinsame Ehebett zu überlassen. Das sei wohl der Punkt gewesen, an dem er nicht mehr Herr seiner Sinne war. Vor Gericht erzählt er, wie die Liebesbeziehung kaputt ging.

Noch-Ehefrau erhebt Vergewaltigungsvorwürfe

Demnach habe ihn seine Ehefrau, nachdem sie bei einem Online-Computerspiel einen Mann kennenlernte, verlassen wollen. Wochenlang habe sie ihn erniedrigt. „Gequält hat sie mich! Absichtlich machte sie mit dem Kerl vor meinen Ohren Sex-Telefonie, befriedigte sich dabei selbst, verhöhnte mich“, sagte er. Die gemeinsamen Kinder – „sie sind mein Lebenselixier“  – habe die Hausfrau „immer weiter verwahrlosen lassen“, während er um die Beziehung gekämpft, sich als Alleinverdiener auch um den gesamten Haushalt gekümmert habe.

Indes sei die 23-Jährige „richtig verrückt geworden“, habe unter anderem Vergewaltigungen erfunden und „das Bett erst mit Sperma des neuen Freunds beschmieren“ wollen, bevor er dieses zurückbekomme. „Ich war fertig mit den Nerven, kurz vor dem Selbstmord.“

Die Noch-Ehefrau (Scheidung soll am 30. Januar besiegelt werden) bestreitet das. „Er vergriff sich häufig an mir, kontrollierte alles, was ich tat. Ich durfte ja nicht mal Geld abheben“, sagte sie. Schon lange vor der Tat und dem Beziehungs-Aus sei sie von ihm geschlagen und sexuell missbraucht worden. „Er wird schnell aggressiv.“ Sie habe seinen brutalen Sexpraktiken nie zugestimmt, er habe sich „aber immer alles geholt“.

Kurios: Das Ex-Pärchen heiratete nach sieben Jahren Beziehung am Valentinstag 2014 – rund drei Monate vor den Messerstichen. „Der Ehe habe ich nur aus Angst zugestimmt. Er drohte mir immer damit, meine ganze Familie aufzuschlitzen wenn ich ihn verlasse“, sagt die 23-Jährige. Was die Kinder angeht, sei es eher ihr Mann gewesen, der diese schlecht behandelt habe. „Waren sie laut, schmiss er Teller durch den Raum. Sie versteckten sich manchmal sogar vor ihm“.

Ihr bei dem Angriff im Mai 2014 am Bauch verletzte Bruder stützte die Erzählung rund um Probleme in der Beziehung weitgehend, bezeichnete das Verhältnis von Angeklagtem und getöteter Schwiegermutter als „ein schlechtes, was auf Gegenseitigkeit beruhte“.

Morgen lesen Sie einen Folge-Artikel zu dem Landgerichtsprozess. Themen werden Tatwaffe, weitere Zeugenaussagen und Details zu Beziehung sowie Tathergang sein. Fortsetzung der Verhandlung: Montag, 9 Uhr, in Saal 101.

von Björn Wisker

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