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Angeklagter spricht von Rachefeldzug

Prozess Angeklagter spricht von Rachefeldzug

Gewerbsmäßig soll ein Marburger mit einer großen Menge Betäubungsmittel gehandelt haben. Er bestreitet die Vorwürfe, bezichtigt den vermeintlichen Käufer, eine gezielte Vergeltungsaktion gegen ihn zu führen.

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Ein Mann hält in einem Coffeeshop im niederländischen Hengelo eine Tüte mit Marihuana und einen gedrehten Joint in den Händen. Mit Marihuana und Amphetaminen soll ein 22-jähriger Marburger gehandelt haben und steht deshalb vor dem Marburger Jugendschöffengericht.Archivfoto: dpa

Quelle: Friso Gentsch

Marburg. Aus Rache soll der Zeuge und angebliche Abnehmer der Drogen den Angeklagten als Lieferanten bezichtigt haben. Der steht seit Montag wegen mehrfachen gewerbsmäßigen Drogenhandels vor dem Jugendschöffengericht.

Mehr als 2000 Gramm verschiedene Betäubungsmittel, davon etwa 1700 Gramm Marihuana und mehrere hundert Gramm Amphetamine, soll der Beschuldigte zwischen Mitte und Ende 2013 beschafft und an seinen ehemaligen Nachbarn weiterveräußert haben.

In sechs Fällen geht die Anklage davon aus, dass der 22-Jährige kleinere und größere Mengen an den Bekannten veräußerte, in drei Fällen mit nicht geringen Mengen handelte. Mal soll er 50 Gramm, mal bis zu 500 Gramm Marihuana sowie Amphetamine an den Zeugen verkauft haben, der die Suchtmittel wiederum auf der Straße weiterveräußerte, so die Anklage.

Der Beschuldigte weist die Vorwürfe vollständig zurück, diese „entbehren jeglicher Grundlage, es fehlt jeder Tatverdacht“, machte Anwalt Carsten Dalkowski die Haltung der Verteidigung deutlich.Die Anklage stützt sich vor allem auf die Angaben des einzigen, angeblichen Tatzeugen, einen ehemaligen Nachbarn des Beschuldigten und polizeilich bekannten Drogenhändler.

Zeuge: Suchtmittel im Wert von mehreren Tausend Euro

Dieser wohnte zeitweise als Untermieter im Haus der Familie des Angeklagten. Nachdem er eine Tüte mit weißem Pulver im gemeinsamen Kühlschrank gefunden hatte und das Geschäft des Nachbarn bekannt geworden war, flog dieser aus der Wohnung, teilte der Angeklagte mit. „Ich habe in meinem ganzen Leben noch keine Drogen verkauft“, betonte der 22-Jährige wiederholt.Er konsumiere lediglich hin und wieder Marihuana, handele jedoch nicht damit. Die Vorwürfe des ehemaligen Nachbarn deutet er als Racheaktion gegen ihn, nachdem dieser aus der Wohnung geworfen worden war.

Dem widersprach der Ex-Untermieter. Die von ihm verkauften Drogen habe er von dem Angeklagten regelmäßig zum Weiterverkauf erhalten, erklärte der Zeuge auf mehrfache Nachfrage des Gerichts. Beide Männer hätten sich mehrmals zwecks Übergabe der Suchtmittel im Wert von mehreren Tausend Euro als Nachschub für den Straßenhändler getroffen.

Diese habe er auf Kommission erhalten, musste erst Wochen später bezahlen und prüfte die bestellten Mengen auch nicht nach, so der Zeuge. Das konnte ihm das Gericht nicht wirklich glauben. Bei einem Drogenhandel dieser Größenordnung unter nur entfernt bekannten, potenziellen Straftätern sei Vertrauen nicht eben die übliche Erfolgsgarantie, machte der Vorsitzende Richter Cai Adrian Boes­ken deutlich.

Polizei überwachte den vermeintlichen Kunden

Des weiteren verwunderte die Tatsache, dass der Zeuge zwar der Polizei gegenüber den Nachbarn beschuldigte, während seiner eigenen Verhandlung Ende 2014 jedoch kein Wort über den angeblichen Lieferanten verlor.Damals war stets von einer „unbekannten Person“ die Rede. Dies hätte ihm sein damaliger Anwalt geraten, erklärte der Zeuge sein Schweigen.

Eine solche Vorgehensweise konnte sich der Richter so gar nicht vorstellen. In einem Strafverfahren sei es bekanntermaßen immer von Vorteil für den Angeklagten, „wenn man Ross und Reiter nennt“ und sich damit in ein besseres Licht rückt, stellte Boesken klar.

Im Vorfeld des vergangenen Prozesses überwachte die Polizei den Zeugen einige Monate lang, nachdem der Verdacht eines florierenden Drogenhandelns aufgekommen war. Hinweise gegen weitere Beteiligte wurden nicht gefunden.

Mittlerweile ist der Mann rechtskräftig wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz verurteilt und sitzt eine mehrjährige Haftstrafe ab. Während einer Hausdurchsuchung vor zwei Jahren fanden die Beamten in seinem Zimmer jede Menge illegale Suchtstoffe. In den Räumen des derzeitigen Angeklagten wurden dagegen lediglich geringe Mengen sichergestellt.

„Das passt alles nicht zusammen“, zeigte die Verteidigung Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Zeugen. Dessen Aussagen seien „fern der Realität“, so Dalkowski.Die Aussage-gegen-Aussage-Situation veranlasste das Gericht, weitere Zeugen aus dem Umfeld des Mannes zu laden, um „alle Mosaiksteinchen zusammenzusammeln“, kündigte der Richter an. Die Verhandlung wird am 30. September fortgesetzt.

von Ina Tannert

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