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Angeklagter nennt Zeugin „Kapo“

Aus dem Amtsgericht Angeklagter nennt Zeugin „Kapo“

Skurril, eklatant, abstrus, denkwürdig. Diese Worte beschreiben in etwa, was sich bei einem Strafprozess vor dem Marburger Amtsgericht abspielte.

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Ein 82-Jähriger, wegen Körperverletzung vor dem Amtsgericht Marburg, verließ die Verhandlung vorzeitig aus Empörung.

Quelle: Thorsten Richter (Archiv)

Marburg. Im Mittelpunkt stand ein 82-jähriger sehbehinderter Marburger, der sich wegen Körperverletzung an seiner Nachbarin verantworten musste.

Gleich zu Beginn der abenteuerlichen Verhandlung ärgerte sich der Angeklagte darüber, dass Richter Dominik Best seine schriftliche Stellungnahme zum Tathergang nicht entgegennehmen, sondern eine Aussage hören wollte. „Was weiß denn ich über Gerichte? Ich bin Musikwissenschaftler und befasse mich nicht mit so einem Kram“, entgegnete der Angeklagte, der nach eigenen Angaben einst an der Philipps-Universität gelehrt habe. In seiner Aussage holte der 82-Jährige zum verbalen Schlag gegen die Geschädigte aus. Der 21-Jährigen warf der Mann vor, eine „rote, glibberige Masse“ vor seine Wohnungstür gekippt zu haben und seinen Briefkasten mit „einem vergammelten Stück Fleisch mit Mayonnaise drauf“ sowie einem „großen Hundehaufen“ verstopft zu haben.

Die Behauptungen konnte zwar keiner der als Zeugen geladenen Nachbarn bestätigen, eine Zeugin meinte jedoch, dass der Angeklagte geistig verwirrt sei.

Der Angeklagte war bei seinen Nachbarn wegen Lärmbelästigung berüchtigt. Laut den Zeugen und der Geschädigten höre der 82-Jährige häufig laut Musik. „Das geht manchmal bis tief in die Nacht und fängt morgens um sechs Uhr wieder an“, sagte eine Zeugin.

„Außerdem hat er oft mit einem Stock gegen seine Decke gehämmert“, erzählte die Geschädigte, die eine Etage über dem Angeklagten gewohnt hatte, jedoch mittlerweile ausgezogen ist. „Ich musste raus, weil ich nervlich einfach fertig war“, meinte die 21-Jährige.

Laut des Angeklagten habe die Geschädigte am 22. Juli 2015 an seine Tür geklopft und in seine Wohnung eindringen wollen. „Ich wurde angegriffen und dabei geschlagen. Wollte mich nur verteidigen“, sagte er. Bei ihm wurden keine Verletzungen festgestellt, bei der Geschädigten schon – Blutergüsse.

„Du Nazi, was willst Du? Warum bist Du so laut?“

Laut der Geschädigten habe der Musikwissenschaftler am Tag der Tat wieder gegen die Decke gehämmert. Sie habe an seiner Tür geklopft, um mit ihm zu sprechen.

Als der Angeklagte öffnete, sei sie mit den Worten „Du Nazi, was willst Du? Warum bist Du so laut?“ begrüßt worden.

Von seinem unrühmlichen Wortschatz servierte der 82-Jährige dem Gericht eine Kostprobe, als er eine Zeugin als „Kapo“ (zur Zeit des Nationalsozialismus: Häftlinge in Konzentrationslagern, die andere Häftlinge beaufsichtigen, d. Red.) beschimpfte. „Im Zuge unseres Gesprächs hat er mich angegriffen, geschlagen, an den Haaren gepackt und zu Boden gedrückt“, berichtete die 21-Jährige.

Eine Zeugin, die den Vorfall beobachtet hatte und die Aussage der Geschädigten bestätigte, befreite sie aus ihrer misslichen Lage.

Kurz nach dem Plädoyer des Staatsanwaltes sorgte der Musikwissenschaftlers für einen seltenen und denkwürdigen Auftritt.

Die Worte „Ich habe keine Lust mehr“ murmelnd und sichtlich empört über den Verlauf der Verhandlung stand der 82-Jährige auf und verließ verärgert den Raum.

Richter Dominik Best verhängte eine Geldstrafe von 800 Euro. Laut ihm werde dem Angeklagten das Urteil in den nächsten zwei Wochen zugeschickt. Hinzu kommt ein Ordnungsgeld von insgesamt 750 Euro für das Verhalten während der Beweisaufnahme und das Verlassen der Verhandlung.

von Benjamin Kaiser

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