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Angeklagter Student wirft Frauen Verschwörung vor

Stalker-Prozess Angeklagter Student wirft Frauen Verschwörung vor

Wegen Bedrohung, Belästigung und dem Erstellen eines falschen Profils auf einer Erotikseite sowie einem Übergriff auf eine Kommilitonin muss sich ein Marburger erneut vor Gericht verantworten.

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Themenfoto: Eine Frau sucht nach einem Stalking-Angriff hinter runtergelassenen Rolläden die Straße ab.

Quelle: dpa

Marburg. Der 28 Jahre alte Beschuldigte bestreitet die Anklage, spricht von einer Verschwörung, wirft den betroffenen Frauen Belästigung und Verleumdung vor und beharrt auf einem umfassenden Komplott gegen ihn. Anfang 2013 soll der Student versucht haben, eine Kommilitonin zu einem Gespräch zu zwingen, griff sie in der Universität Gießen an und hielt sie fest. Wenig später ging er zur Polizei und unterstellte der jungen Frau Selbstmordabsichten mit dem Ziel, einen polizeilichen Einsatz und Freiheitsentzug gegen die Studentin zu erwirken. Daneben soll der Mann ein obszönes Profil auf einer Flirt-Website erstellt haben, in dem er im Namen einer der geschädigten Frauen zum Sex aufrief, dabei ihre persönlichen Daten veröffentlichte.

Das Amtsgericht war von der Schuld des Stalkers überzeugt und verurteilte den 28-Jährigen im Januar wegen Nötigung, falscher Verdächtigung und Verleumdung zu einer Geldstrafe von 80 Tagessätzen zu je 15 Euro. Dreh- und Angelpunkt des erstinstanzlichen Verfahrens waren weniger die eigentlichen Vorwürfe, sondern viel eher ein vermeintlich zweifelhafter Charakter und gewisse Freizeitbeschäftigungen des jungen Mannes. Mehrfach fiel der Angeklagte während des monatelangen Prozesses durch emotionale Wutausbrüche auf. Er soll in den vergangenen Jahren nicht nur die Geschädigte, sondern eine Vielzahl von Frauen belästigt, mehrfach bedroht und verleumdet haben. Bei mehr als zehn jungen Frauen soll er über Internet und Telefon einen regelrechten Psychoterror veranstaltet haben, verfolgte und bedrohte die Zeugen.

"Sensationell mildes Urteil"

Die umfangreichen Akten des Falls sowie „das sensationell milde Urteil“ klangen im Ohr von Richter Dr. Frank Oehm „recht plausibel und ordentlich begründet“, fasste der Vorsitzende die Aktenlage zusammen und riet eindringlich zur Rücknahme des Rechtsmittels. Insbesondere, da die zweite Instanz einen psychiatrischen Gutachter bestellte. Dieser wird am Ende der Hauptverhandlung die psychische Gesundheit des Angeklagten bewerten. Bereits in seinem vorläufigen Gutachten benutzt der Sachverständige Worte wie „provokant, narzisstisch und großspurig“, vermutet „ausgeprägte manipulative Fähigkeiten und möglicherweise sadistische Züge“ bei dem Beschuldigten.

Der Mann möchte Lehrer werden. Sollte das Gutachten jedoch in seiner Akte landen und die Schulbehörde Einsicht erhalten, dürfte er an keiner Schule aufgenommen werden, rieten sämtliche Prozessbeteiligten zu einer Verfahrensbeendigung. Das lehnte der 28-Jährige ab. In einer umfassenden Erklärung legte er seine Sicht der Dinge dar. „Sie haben sich gegen mich verschworen.“ Seinen Gesprächsversuch mit einer der Hauptgeschädigten begründete er mit freundschaftlicher Sorge. Die Studentin habe ungepflegt und verzweifelt auf ihn gewirkt, er habe geglaubt, sie wolle sich etwas antun. „Ich machte mir Sorgen, es sah vielleicht so aus als würde ich sie verfolgen und bedrängen“, bestritt er die Vorwürfe. Mit mehreren der Zeugen habe er guten Kontakt gepflegt, sei mit einigen im Bett gewesen. Bei anderen habe er „psychopathische Persönlichkeitszüge“ festgestellt, berichtete der Mann. Auffallend bei seinen ausschweifenden Angaben war eine Art Projektion der Vorwürfe. „Was eigentlich ihm zur Last gelegt wird, wirft er den Zeugen vor“, stellte der Richter fest.

Frau spricht von Verfolgung

Zahlreiche Frauen hatten bereits vor dem Amtsgericht von wiederholten beleidigenden und zunehmend bedrohlichen Nachrichten eines anonymen Users berichtet. „Er verfolgte mich, immer wieder kamen demütigende, widerliche Nachrichten. Ich wusste, dass er es war, konnte es aber nie beweisen“, so eine junge Frau. Mehrfach habe er ihr gedroht, sich an ihr zu rächen oder sich selber umzubringen. Bis heute bekomme der Mann ihre Nummer immer wieder heraus, schreibe sie bis heute an. „Es ist eine Tortur“, sagte die Zeugin unter Tränen vor Gericht.

Der Prozess wird am 17. Dezember fortgesetzt.

von Ina Tannert

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Von Redakteur Anna Ntemiris

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