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Angebot ist „kalt und unmöglich“

Verdi-Streik Angebot ist „kalt und unmöglich“

Bei der Verdi-Kundgebung in Gießen demonstrierten am Mittwoch 1000 Gewerkschafter aus Mittelhessen für eine bessere Entlohnung.

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In der Gießener Innenstadt demonstrierten die Streikenden für mehr Lohn.

Quelle: Guido Tamme

Gießen. Eine Krankenschwester aus dem Lahn-Dill-Kreis brachte es auf den Punkt: „Im öffentlichen Dienst wird viel geredet über Wirtschaftlichkeit und Kostenzwänge, aber nie über Wertschätzung. Und wenn wir die schon nicht in Worten und Taten bekommen, dann wenigstens finanziell.“ Die Gewerkschafterin erntete stürmischen Beifall von den rund 1000 Beschäftigten, die zur zentralen Streikversammlung für Mittelhessen in der Gießener Hessenhalle gekommen waren, ehe sie in einem Demonstrationszug zur Innenstadt zogen.

Kernforderungen des Warnstreiks sind: 6 Prozent mehr Lohn, Übernahme aller Auszubildenden, Erhalt der betrieblichen Altersversorgung und 30 statt bisher 28 Urlaubstage im Jahr.

„Wir sind es wert“ lautete das Motto des Tages, dem sich im Streiklokal auch Udo Handloser widmete. Der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende der Gießener Stadtwerke sprach die Sorge der öffentlichen Arbeitgeber an, sie könnten die angestrebte Lohnerhöhung nicht verkraften. Sie seien aber nicht besorgt gewesen, als Neueingestellte in zu niedrige Lohngruppen eingestuft wurden, als Feuerwehrleute Hunderte von Überstunden leisten mussten oder als ständig Krankenhauspersonal aus seiner Freizeit geholt wurde, beklagte er.

Danach zogen die Warnstreikenden bei nasskalter Witterung durch Rodheimer Straße und Neustadt zu einer weiteren Kundgebung auf den Kirchenplatz. An der Spitze des Zuges demonstrierte die Verdi-Jugend etliche Male mit symbolischen Zielläufen nach einem Tiefstart ihr Streikziel: die unbefristete Übernahme aller Auszubildenden. Immer wieder skandiert wurde auch die Tagesparole: „Wir arbeiten für die Gesellschaft, wir arbeiten für die Zukunft, wir arbeiten richtig gut: Anerkennung jetzt.“

Einen Tag vor der nächsten Verhandlungsrunde mit den Arbeitgebern in Potsdam stufte der hessische Verdi-Tarifkoordinator Jens Ahäuser das bisherige Angebot einer Lohnerhöhung um 0,6 Prozent ein wie das Wetter: „kalt und unmöglich“. Er verwies auf die sprudelnden Mehreinnahmen bei den Steuern und bekräftigte, dass den öffentlich Beschäftigten ein Anteil daran zustehe.

DGB-Sekretär Matthias Körner war erfreut darüber, dass so viele Mitglieder dem Streikaufruf gefolgt waren. Letztlich sei das Ziel, zu vernünftigen Arbeitsbedingung im öffentlichen Dienst zu kommen und dafür zu sorgen, dass die Beschäftigten sich dem Mittelstand zugehörig fühlen können. Das werde noch einen sehr langen Kampf erfordern, prophezeite er.

Bei Eltern stößt der Warnstreik auf Verständnis

Viele Marburger Kindertagesstätten hatten am Mittwoch geschlossen. Die Kita im Höhenweg bot aber zumindest bis 14 Uhr eine Kinderbetreuung an - zum Glück, wie viele Eltern im Gespräch mit der OP mitteilten. Und obwohl die Eltern seit dem vergangenen Jahr „streikgeplagt“ sind, können sie die Forderungen der Erzieherinnen nach einem deutlichen Gehaltsplus verstehen. So sagte Kamilla Tekautschitz, dass ihrer Meinung nach die Erzieherinnen adäquat bezahlt werden müssten. „Gut finde ich den Streik nicht - aber ich kann ihn verstehen“, sagt sie. Es werde viel Geld in die Infrastruktur gesteckt - da könne es nicht sein, dass in puncto Kindergarten gespart werde. „Klar hätte ich heute auch gerne länger gearbeitet, und zum Glück habe ich einen verständnisvollen Arbeitgeber. Aber zum Glück wurde ja hier heute nur einen halben Tag lang gestreikt“, sagte Tekautschitz.

Auch für Sophia Balasidis ist klar: „Es muss gewährleistet sein, dass Erzieher von ihrem Gehalt leben können“ - sie kenne eine alleinerziehende Mutter, die als Erzieherin arbeite und Unterstützung für ihre eigenen Kinder beantragen müsse. „Der Kindergarten ist das erste Segment der Bildung - folglich muss dort investiert werden“, sagt die Mutter. Daher könne sie den Streik nachvollziehen, und sie unterstütze die Forderung nach mehr Gehalt.

Die Auswirkungen im Busverkehr hielten sich am Mittwoch in Marburg übrigens stark in Grenzen: Lediglich am frühen Morgen mussten einige Busse ausfallen - danach lief alles reibungslos. Dort streikten die Kfz-Mechaniker aus der Stadtwerke-Werkstatt, die vor ihrer regulären Arbeit regelmäßig die Zusatzbusse lenken. Die regulären Busfahrer der Verkehrsgesellschaft hätten keine Altverträge des öffentlichen Dienstes mehr, teilten die Stadtwerke auf Anfrage mit.

von Guido Tamme und Andreas Schmidt

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