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Analyse deckt Baulücken-Mangel auf

Wohnungsmarkt Analyse deckt Baulücken-Mangel auf

Kampf gegen die Wohnungsnot: Von den rund 1600 benötigten Apartments werden laut Magistrat am Jahresende 900 zur Verfügung stehen. Mehr Wohnungen im Zentrum wird es künftig jedoch kaum geben.

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Bürgermeister Dr. Franz Kahle (Grüne) weiß um zentrale, freie Grundstücke an der Raiffeisenstraße, Umegehungsstraße und nahe der BSF am Richtsberg. Jedoch: „Die sind in Privatbesitz, da sind uns die Hände gebunden, Enteignungen kann ja keiner wollen.“

Quelle: Archiv

Marburg. Nach Analyse aller freien Flächen ist klar, dass es einen Mangel an Baulücken gibt. 52 sind in der Kernstadt und Ockershausen, 80 in Marbach, Cappel und Wehrda sowie 243 in den Außenstadtteilen verfügbar. Doch da sich diese Grundstücke zu einem großen Teil nicht im Besitz der Stadt befinden, stellen sie „nur ein eingeschränktes Entwicklungspotential dar“, sagt Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) im Sozialausschuss.

Das nun erstellte Wohnraumversorgungskonzept geht davon aus, dass der Bedarf an Wohnungen bis 2020 gedeckt werden kann. Gemessen an der Prognose des Instituts Inwis sei mit etwa 300 Wohneinheiten über dem Bedarf zu rechnen. In diesem Ausblick war allerdings die aktuelle Flüchtlingskrise noch nicht absehbar. Die im Auftrag der Stadt erstellte Erhebung geht von einem Mehrbedarf von 300 Wohnungen aus.

660 Apartments hätten danach von 2013 bis 2015 errichtet werden müssen, tatsächlich aber eien bis Ende 2014 schon 600 Wohnungen fertiggestellt gewesen, heißt es vom Magistrat. Dieser Trend setze sich in diesem Jahr fort, bis Ende Dezember rechnet die Stadt mit mehr als 300 neuen Wohneinheiten.

Vaupel sieht Vitos-Gelände als Knackpunkt

Dass trotzdem nicht von einem Überangebot an Wohnraum gesprochen werden kann, liegt vor allem daran, dass insbesondere kleine, bis zu 60 Quadratmeter große und preiswerte, bis zu 6,50 Euro pro Quadratmeter kostende Wohnungen gesucht werden. Im öffentlich geförderten Mietwohnungsbau sind aber bislang erst 180 Einheiten realisiert worden. Insbesondere in diesem Bereich wird sich durch die Flüchtlinge der Bedarf zusätzlich steigern.

Entscheidend, gerade für die hohe Nachfrage in Innenstadtlage, sei das Vitos-Gelände, sagt Vaupel. „Ohne dieses zentrale Projekt lässt sich das Gesamtziel nicht realisieren.“ Je nachdem, wie das Bürgerbegehren - das nach Auffassung von Juristen rechtlich unzulässig ist - ausgeht, drohen Verzögerungen bei der Projektplanung.

Aus dem Baulücken-Mangel leitet das Referat für Stadt-, Regional- und Wirtschaftsentwicklung, das das Konzept entwickelt hat, als vorrangige Perspektive ab, innerstädtische Gewerbe- und Mischbauflächen umzuwidmen. 2000 Wohneinheiten wären hier aus Sicht der Planer vorstellbar. Und die Stadtverwaltung hat auch schon genauere Vorstellungen, wo neuer Wohnraum perspektivisch entstehen könnte: In der Gisselberger Straße, im Bereich Frauenbergstraße/Temmlerstraße, am Höhenweg, im Bereich Waldtal/Fuchspaß und langfristig auch auf dem Hasenkopf.

Plan: Gewerbegebiete mittelfristig umwidmen

Bis solche Projekte Planungsreife erlangt haben, gebe es noch eine Reihe alternativer Möglichkeiten. Zu denen zählt der Abriss bestehender älterer Gebäude, die von ihrer Ausstattung und dem Zuschnitt nicht mehr den heutigen Ansprüchen entsprechen. Auch die Modernisierung bestehender Wohnungen könnte das Angebot verbessern. Da die Mehrzahl der Gebäude aber in privater Hand sind, könnte die Stadt hier nur unterstützende Anreize setzen. Das Gleiche gilt für den Abbau und die Verringerung von Barrieren.

Das Wohnraumversorgungskonzept sieht zudem vor, neue Baugebiete nur noch mit einer Quotierung auszuweisen. 20 Prozent der Flächen sollen dann für den geförderten Wohnungsbau reserviert werden. Viele Kommunalpolitiker und Aktivisten hatten zuletzt 30 Prozent gefordert.

Die reale Umsetzung einer Sozialwohnungsquote laufe jedoch so, dass Investoren die restlichen 80 Prozent Wohnraum teurer verkaufen - „um den günstigen Wohnungsbau zu re-finanzieren“, sagt Bürgermeister Dr. Franz Kahle (Grüne). In guten Frankfurt-Lagen „geht das problemlos, aber hier ist derart Hochpreisiges eher nicht verkäuflich“. „Starke Nachfrage gibt es, aber für so hochpreisiges Segment ist nur die innerste Innenstadt attraktiv“, sagt Kahle. Kurzum: Wirtschaftlich sei eine höhere Quote kaum zu finanzieren.

„Die Wirkung der 20 Prozent sollte man sich zwei Jahre betrachten, dann je nach Entwicklung nach oben oder unten justieren“, sagt SPD-Sozialpolitiker Ulrich Severin. Kritik der Linken: Die rechtliche Regelung sei „aushebelbar“, sagt Tanja Bauder-Wöhr. Laut Konzept soll von der Erstellung eines Mietspiegels weiterhin abgesehen werden, weil die Planer darin eher eine mietsteigernde Wirkung sehen.

von Björn Wisker und Frank Rademacher

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