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„An eine Fusion denkt niemand“

Interview mit Bischof Hein „An eine Fusion denkt niemand“

Professor Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, ist am Montag zu Gast in Rauschenberg und spricht über die Zukunft der Landeskirche. Die OP befragte Hein vorab zu diesem Thema.

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Professor Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, diskutiert am Montag in Rauschenberg mit Gläubigen darüber, wie Kirche sein sollte.

Quelle: Christian Schauderna

Marburg. OP: Wie kann die Landeskirche mehr Menschen dafür gewinnen, sich in die Gemeindearbeit einzubringen und aktiv mitzuwirken?

Professor Martin Hein: Eines ist sehr deutlich: Es zählen die persönlichen Kontakte, und für jedes Talent gibt es bei uns viele Betätigungsfelder. Die Kirche kann daher ein Ort sein, wo man sich sieht und trifft. Darum müssen wir das Netz der Kirchen und Gemeinden so eng wie möglich halten.

OP: Was kann die Kirche bieten?

Hein: Wir machen attraktive Angebote für Menschen, die nach Orientierung, Halt und Gemeinschaft suchen und eine Möglichkeit brauchen, ihren Glauben zu leben, zu erweitern oder neu zu finden. Das Evangelium ist eine frohmachende Botschaft, weil es uns von vielen Zwängen befreit, uns tröstet und ermutigt. Gottesdienste zu großen Lebensthemen und Gottesdienste in privaten oder öffentlichen Krisensituationen werden sehr gut angenommen. Da könnten wir unser Angebot sicherlich noch ausbauen, Religion und Glauben gemeinschaftlich zu erfahren und zu leben.

OP: Wer gibt dazu den Anstoß?

Hein: Dazu ist die Phantasie aller gefordert, das kann nicht „von oben“ verordnet werden, was auch nicht dem protestantischen Leitungsstil entspräche. Ich möchte die Gemeinden ermutigen, eigene Wege zu finden. Ein Erfolgsmodell sind zum Beispiel große öffentliche Tauffeste - ein Modell, das noch vor wenigen Jahren niemand im Blick hatte.

OP: Die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck hat in den vergangenen Jahren immer wieder Einsparungen vorgenommen, Gebäude verkauft, Pfarrstellen gestrichen. Trotzdem wird noch enorm viel vorgehalten an Verwaltung, Gebäuden und Personal für eine vergleichsweise geringe Anzahl an Kirchgängern. Ist dieser Aufwand noch gerechtfertigt?

Hein: Man kann die Lebendigkeit einer Kirche oder einer Gemeinde nicht nur am Gottesdienstbesuch festmachen. Der war, historisch betrachtet, immer großen Schwankungen unterworfen, deren Ursachen nicht pauschal zu erfassen sind. Die Summe aller Kirchenbesucher liegt in manchen Regionen höher als der von Besuchern von Sportereignissen. So besuchten 2014 rund 38200 Menschen im Durchschnitt einen der sonntäglichen Gottesdienste unserer Landeskirche, fast 4000 Kinder einen Kindergottesdienst. Die allermeisten evangelischen Jugendlichen lassen sich konfirmieren. Die Kirche ist die Institution, die nach der Schule die meisten Jugendlichen erfasst und begleitet.

OP: Doch der Verwaltungsapparat, der dahintersteht, ist inzwischen zu kostspielig geworden?

Hein: Die kirchliche Verwaltung ist im Vergleich zu manch anderen Organisationen eher flach und schlank gehalten. Sicher werden wir uns von manchen Gebäuden trennen müssen, weil sie aus Gründen der Bevölkerungsentwicklung nicht mehr gebraucht werden oder sich das Profil kirchlicher Arbeit geändert hat. Das betrifft gerade Gemeindehäuser.

„Demografischer Wandel ist größte Herausforderung“

Aber man wird, aus meiner Sicht, nicht sagen können, dass wir - und das ist ja die Unterstellung der Frage - aufgebläht sind. In manchen Bereichen ist die Personaldecke sogar ziemlich dünn, etwa im Gebäudemanagement. Und wir sind fest entschlossen, die Versorgung durch Pfarrämter so dicht wie möglich zu halten und bezahlte nebenamtliche Arbeit in Kirchengemeinden zu gewährleisten, denn nur so kann persönliche Begegnung stattfinden, die für die kirchliche Arbeit das A und O ist.

OP: Müssen sich die Gläubigen bei sinkenden Mitgliederzahlen trotzdem auf Strukturreformen einstellen? Oder konkret gefragt: Gibt es Überlegungen, Kurhessen-Waldeck und Hessen-Nassau zu einer Landeskirche zusammenzuführen?

Hein: Die beiden Landeskirchen haben in den letzten Jahren auf einigen Gebieten Kooperationsverträge geschlossen, so etwa in der Diakonie sowie in der Bildung und der Ökumene. Das hilft, Kräfte zu bündeln und gegenüber den anderen gesellschaftlichen Organisationen geschlossen aufzutreten. An eine Fusion denkt aber niemand. Die Vielfalt kirchlicher Traditionen und Lebensformen ist gerade ein Merkmal des Protestantismus, der gegenüber allzu zentralistischen und konzentrierten Organisationsformen schon immer misstrauisch war. Solange jede Landeskirche aus eigener Kraft bestehen kann, wird es nicht zu Fusionen kommen. Dazu besteht kein Bedarf.

OP: Wenn es bei zwei Landeskirchen bleibt, welche Strukturreformen zeichnen sich dann ab?

Hein: Strukturreformen sind der veränderten Bevölkerungszusammensetzung geschuldet, auf die wir wenig Einfluss haben. Wir haben seit drei Jahren in unserer Kirche einen „Zukunftsprozess“, der sich - wirklich sehr breit aufgestellt - mit diesen Fragen befasst. Einer der wesentlichen Vorschläge wird die Förderung und Unterstützung der Bildung von „Kooperationsräumen“ sein.

OP: Was bedeutet das?

Hein: Damit sollen in den Regionen Pfarrämter und Kirchengemeinden stärker miteinander verbunden und Ressourcen besser genutzt werden.

OP: Reden Sie von Stellenabbau?

Hein: Das wird auch personelle Veränderungen nach sich ziehen: Aber nicht nur im Sinne von Kürzungen, sondern auch von Aufstockungen etwa im Bereich der Sekretariate und der Geschäftsführung, um Ehrenamtliche und Hauptamtliche zu entlasten.

OP: Gibt es dazu auch einen Gegenentwurf? Den Versuch, mehr Mitglieder zu gewinnen, damit gefährdete Strukturen erhalten werden können?

Hein: Wichtig ist anzumerken, dass trotz der steigenden Zahl von Kirchenaustritten im Moment der demographische Wandel die größte Herausforderung ist. Freilich müssen wir auch zusehen, gerade für jüngere Menschen wieder attraktiver zu werden, denn da erleben wir den größten Abbruch. Ich bin ganz zuversichtlich, dass wir als Volkskirche in der Gesellschaft auch weiterhin eine wichtige Rolle spielen und unseren Verkündigungssauftrag wahrnehmen.

OP: Noch eine Frage zu einem Thema, das die Menschen derzeit sehr beschäftigt: Die steigenden Flüchtlingszahlen stellen Deutschland vor politische und gesamtgesellschaftliche Herausforderungen. Welche Rolle nimmt die Landeskirche ein, was kann sie konkret tun für Integration und ein friedliches Miteinander in konfliktgeladenen Zeiten?

Hein: Toleranz, Versöhnung und friedliches Miteinander sind die Kernbotschaften des christlichen Glaubens. Dafür müssen wir werben, das ist ein Schwerpunkt unserer Verkündigung. Wir müssen die „Willkommenskultur“ mitgestalten, in Gottesdiensten, Unterricht und Seelsorge. Man sollte die Überzeugungskraft des Wortes hier nicht unterschätzen!

OP: Was können die Kirchengemeinden vor Ort aus Ihrer Sicht konkret tun?

Hein: Die Gemeinden, die ja recht unterschiedlich betroffen sind, müssen ihre Formen von Unterstützung und Begegnung finden, die wir dann begleiten. Ganz konkret betreiben wir kirchliche Flüchtlingsberatung. Hier ist unsere Diakonie gut aufgestellt und wird sich noch stärker organisieren, übrigens immer in Zusammenarbeit mit andern gesellschaftlichen Einrichtungen. Zugleich müssen wir die Sorgen und Ängste der Menschen ernstnehmen. Aber viele Ängste beruhen oft auf falschen Informationen oder ideologischen Engführungen. Das ist eine Arbeit, die Geduld, Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl braucht.

OP: Vom Dialog zur praktischen Hilfe für Flüchtlinge: Was bietet die Kirche da an?

Hein: Wir werden im Rahmen unserer Möglichkeiten auch Menschen und Räume zur Verfügung stellen, die helfen, die Flüchtlinge, die zu uns kommen, zu integrieren oder doch wenigstens menschenwürdig zu beherbergen. Auch die „Runden Tische der Religionen“, die es in vielen Regionen gibt, leisten einen wesentlichen Beitrag, gegenseitiges Verständnis zu fördern und allen Radikalismen zu wehren. Die Bedeutung dieser Formen des Austauschs und der Begegnung wird noch wachsen.

von Carina Becker

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