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An der Seite der Kriegsverbrecher

Vortrag An der Seite der Kriegsverbrecher

Bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen wurden Nazi-Verbrecher rechtsstaatlich verurteilt. Wenig bekannt ist bisher jedoch über ihre Anwälte – die „Verteidiger der Unmenschlichkeit“.

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Die Angeklagten Göring (vorne von links), Heß, von Ribbentrop, Keitel, Dönitz (dahinter), Raeder, von Schirach und Sauckel bei den Nürnberger Prozessen.

Quelle: dpa

Marburg. „Wollten die Vertreter der Demokratie glaubwürdig bleiben, dann mussten sie auch für die größten Verbrecher einen fairen Prozess gewährleisten“, sagt Professor Andreas Wirsching über die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse. Der Zeithistoriker der Ludwig-Maximilians-Universität München sprach bei der Marburger Vorlesung zum Völkerstrafrecht in der mit über 200 Menschen voll besetzten Alten Aula.

Sie fand im Rahmen einer internationalen Tagung statt, die vom Internationalen Forschungs- und Dokumentationszentrums Kriegsverbrecherprozesse (ICWC) veranstaltet wurde. Thema von Wirschings Vortrag: Die Rolle der Strafverteidiger für die Verbrecher des NS-Regimes. Kriegsverbrecherprozesse, so stellte er zunächst heraus, gebe es immer dann, wenn „Unrechtsregime zu Ende gehen und an ihre Stelle ein Rechtsstaat tritt“.

Dementsprechend liege ihr Zweck in der Schaffung von Gerechtigkeit, Entschädigung der Opfer und nicht zuletzt auch in der Etablierung eines wahrheitsgetreuen Geschichtsbildes. „Selbst in einem Prozess gegen Hitler hätten daher die Prinzipien des demokratischen Rechtssystems gelten müssen“, so Wirsching (kleines Bild: Gassner). Zu diesen Prinzipien zähle eben auch die Vertretung durch einen Strafverteidiger.

Die Rolle, die diese Verteidiger in den Nürnberger Prozessen spielten, sei dabei „keinesfalls“ zu unterschätzen, sagt Wirsching. Bekannt sei über sie aber nicht viel, denn „zu sehr standen die Täter dafür im Vordergrund“. 240 Verteidiger waren an den Nürnberger Prozessen beteiligt – und sie lebten davon nicht schlecht. „Der materielle Anreiz war gegeben“, sagt Wirsching. Die Anwälte verdienten an den Verfahren „eine für die damalige Zeit ungeheure Summe“ und pflegten „privilegierten Verkehr mit alliierten Vertretern“.

Am Werk waren daher talentierte Juristen, unter denen „einige Figuren herausragten“. Ein Teil von ihnen „enagagierte sich sogar über das Urteil hinaus für seine Mandanten“, andere machten sich gar „zu geschichtspolitischen Medien der Angeklagten“, so Wirsching. So hätten die entsprechenden Verteidiger sich nach den Prozessen nicht selten im politischen Diskurs der Bundesrepublik geäußert und versucht, die Taten ihrer Mandanten kleinzureden. Manche der Anwälte hätten zudem auch selbst eine NS-Vergangenheit gehabt.

Vorwürfe gegen Richter

Während der Prozesse selbst, griffen die Findigen unter ihnen beispielsweise zu der Argumentation, die Angeklagten hätten lediglich auf Befehl gehandelt und seien unwissend über das Ausmaß der Verbrechen gewesen. Bei dem Feldzug gegen die Sowjetunion habe es sich in seiner Totalität zudem nicht um einen „normalen“ Krieg gehandelt, den man nach den Maßstäben des Völkerstrafrechts beurteilen könne.

Zu berücksichtigen sei weiterhin, dass mit dem Versailler Vertrag von 1919 schon einmal durch die alliierten Sieger Recht gesprochen worden sei. Der wirtschaftliche Zerfall Deutschlands und somit auch der Aufstieg des Nationalsozialismus sei lediglich ein Resultat daraus gewesen. Den Richtern warfen sie – auch im Nachhinein – Parteilichkeit vor, da es unter anderem keine Anklageschrift gegeben habe, mit der sich die Täter auf die Vorwürfe hätten einstellen können.

Diese „Kerngruppe“ der Verteidiger habe versucht, Deutschland „zu einer Opfergemeinschaft zu stilisieren“, in der ihre Mandanten „nur unschuldige Soldaten“ gewesen seien. Damit seien sie in der Nachkriegsgesellschaft auf einen fruchtbaren Boden gestoßen, meint Wirsching. Bis in die späten 1960er Jahre sei diese Art „deutsche Verbrechen gegen den Versailler Vertrag im Westen und die Vertreibung im Osten aufzurechnen“ in der Bundesrepublik verbreitet gewesen.

Mit der Verteidigung der in Nürnberg Angeklagten während des Prozesses und auch danach in der Öffentlichkeit, sei dementsprechend dem „Mehrheitsempfinden der Deutschen, schlecht behandelt worden zu sein, eine Stimme gegeben worden“.

von Peter Gassner

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