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Am schlimmsten trifft‘s die Rinderhalter

Ernte Am schlimmsten trifft‘s die Rinderhalter

Seit Mitte Juli hat die Landwirtschaft grünes Licht aus Wiesbaden und Berlin – die Bauern dürfen auf den ökologischen Vorrangflächen, die sie sonst nicht bewirtschaften, Heu machen. Ob das noch etwas retten kann?

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„Wo sich andere abkühlen, arbeite ich“

Mehr Kulturen für mehr Biodiversität auf den heimischen Feldern: der landwirtschaftliche Berater Herbert Becker hält (von links) Lupinen, Soja und Feldbohnen in seinen Händen.

Quelle: Carina Becker

Caldern. Der erste Schnitt brachte rund die Hälfte des gewohnten Ertrags an Raufutter. „Für den zweiten Schnitt hat‘s nicht gereicht und beim dritten Schnitt ist das Gras nun mager und holzig.“ So umschreibt Friedhelm Schneider, Präsident des Hessischen Bauernverbands, wie es in diesem Jahr bei der Heuernte aussieht. „Schade, dass diese Entscheidung nicht früher getroffen wurde“, meinte er zum Signal aus der großen Politik, wodurch die Greening-Flächen nun für die Raufutter-Ernte und fürs Abweiden freigegeben sind.

Ein großes Problem für die Landwirtschaft bedeutet der niedrige Ertrag bei der Heuernte dennoch – vor allem für die Rinderhalter, wie Schneider hervorhob. Im heimischen Landkreis haben bereits Milchviehbetriebe etliche Tiere verkauft – über den Winter könnte es sonst knapp werden mit dem Futter.

Schlimmere Befürchtungen nicht erfüllt

Die Grundfutter-Börse des Bauernverbands kann helfen. „Es liegen uns schon Angebote und auch Anfragen vor“, erklärte Karin Lölkes, Vorsitzende des Kreisbauernverbands und rief jene, die Raufutter abzugeben haben oder welches brauchen dazu auf, sich bei der Geschäftsstelle zu melden.

Von der Sorge um die Grundfutter-Versorgung einmal abgesehen, herrschte beim Erntegespräch des Kreisbauernverbands mit Fachpublikum und Gästen aus der Politik aber eher Erleichterung. Es hätte schlimmer kommen können – so ging der Kreisbauernverband im Frühsommer noch von deutlich größeren trockenheitsbedingten Einbußen beim Getreide aus. Jetzt kalkuliert man mit einem durchschnittlichen Minus von 30 Prozent im Vergleich zu normalen Jahren, wie Schneider erklärte. Die Rekordtrockenheit im Frühjahr war nicht das einzige Wetterphänomen, das den heimischen Landwirten zu schaffen machte. Mancherorts hinterließ Hagel großflächige Schäden – so beispielsweise auf den Feldern von Frank Staubitz, Landwirt in Caldern und Gastgeber des Erntegesprächs, dessen Versicherung Schadensersatz für Hagelschlag auf den Feldern in Höhe von 60000 Euro zusagte. „Wenn die Natur nicht mitspielt, dann helfen Dünger und Pflanzenschutz auch nichts“, verdeutlichte Staubitz, wie sehr die Landwirtschaft abhängig ist vom Wetter.

Kreisbauernverbands-Vorsitzende Lölkes nutzt die Gelegenheit, um für gegenseitiges Verständnis auf den Feldwegen zu werben. In der Haupterntezeit kommt es immer wieder zu Interessenskonflikten zwischen Landwirten bei der Arbeit und Freizeitnutzern – „ein wenig Geduld und Entgegenkommen können da helfen“, meinte Lölkes und erklärte, dass die Landwirte mit ihren großen Gespannen nur bedingt ausweichen könnten. „Aber da, wo es möglich ist, lassen wir Autos vorbei, wenn sich eine lange Schlange hinter uns gebildet hat“, betont sie und hoffte darauf, dass auch Fußgänger und Radfahrer bereit seien, für Landwirte bei der Arbeit gelegentlich Platz zu machen.

Herbert Becker vom Beratungsteam Pflanzenproduktion beim Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen stellte einige Pflanzen vor, die im Landkreis versuchsweise bereits als Feldfrüchte angebaut werden – mit guten Erfolgen bei den Erträgen. So sprach Becker von 15 Doppelzentnern pro Hektar bei den Lupinen, einer Eiweißpflanze.

Hochwertiges Futter stellen auch Soja- und Feldbohnen dar – auch von diesen Früchten präsentierte Becker Pflanzen von heimischen Äckern. „Der Anbau soll dafür sorgen, dass wir hier mehr verschiedene Kulturen und damit eine bessere Biodiversität haben – aber es geht auch nicht ohne die Wirtschaftlichkeit. Und gegenwärtig sind die Preise zu schlecht.“

Der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow berichtete vor den Fachleuten aus der Landwirtschaft, dass die Stabsstelle Wirtschaftsförderung beim Landkreis derzeit an der Entwicklung eines Siegels für Produkte aus der Region arbeite, um künftig gezielt für Waren „Gemoicht in Marburg-Biedenkopf“ (Hochdeutsch: Gemacht in Marburg-Biedenkopf) werben zu können.

von Carina Becker

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