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Am schlimmsten ist die Ungewissheit

Forschung Marburg Am schlimmsten ist die Ungewissheit

"Präsenz der Abwesenheit": Dies ist der Titel der Dissertation der Marburger Sozialwissenschaftlerin Sylvia Karl über ein dunkles Kapitel der mexikanischen Geschichte.

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Diese Statue in Atoyac erinnert an Lucio Cabañas, den Anführer der „Partei der Armen“. Foto: Sylvia Karl

Marburg. Sie sind teilweise seit Jahren nicht mehr da und dennoch immer noch präsent in den Gedanken ihrer Angehörigen. Es geht um die als für die nationale Sicherheit gefährlich eingestuften Sympathisanten oder Mitglieder von Aufstandsbewegungen in Mexiko, die zwischen den 60er und 80er Jahren während des „Schmutzigen Krieges“ plötzlich verschwanden und nie wieder aufgetaucht sind (siehe HINTERGRUND). Zwar war die Zahl der Opfer sehr viel kleiner als in den Militärdiktaturen der südamerikanischen Länder Chile oder Argentinien. Aber die Mechanismen des Verschwindenlassens waren im Zuge der staatlichen Aufstandsbekämpfung dieselben, wie die Marburger Konflikt-Anthropologin Sylvia Karl im Gespräch mit der OP erklärt. „Die Menschen wurden entführt und dann in Geheimgefängnisse gesteckt und gefoltert“, berichtet sie. Über das weitere Schicksal der Opfer werden die Angehörigen dann nicht informiert. „Das Schlimmste für die Angehörigen ist die Ungewissheit“, berichtet Sylvia Karl. „Das unaufgeklärte Schicksal der Verschwundenen bleibt individuell und kollektiv eine offene Wunde, die nicht geschlossen werden kann, solange ihr Verbleib im Verborgenen liegt“, so Karl.

Dass überhaupt genauere Informationen an die Öffentlichkeit gelangten, liegt auch an den Berichten der wenigen Überlebenden. Doch erst ab dem Jahr 2000 wurde das Thema in in Mexiko öffentlicher, auch weil nach einem Regierungswechsel eine staatliche Untersuchungskommission eingesetzt wurde. Zudem sammelte auch eine UN-Arbeitsgruppe Informationen.

Für ihre Doktorarbeit hat die Sozialwissenschaftlerin zahlreiche Interviews geführt und Dokumente analysiert (siehe Artikel unten) Sie fragt nach, was das erzwungene Verschwindenlassen von Menschen für die Angehörigen der Opfer bedeutet. Einige von ihnen sprechen nicht über die Ereignisse der Vergangenheit - aus Resignation oder Angst vor staatlichen Repressalien. Andere bilden Netzwerke und solidarisieren sich mit den Angehörigen Verschwundener im Kontext des „Drogenkriegs“. Denn auch im Mexiko der Gegenwart gebe es unter dem Deckmantel des „Kriegs gegen den Drogenhandel“ wieder vergleichbare staatsterroristische Methoden. „Das Verbrechen des erzwungenen Verschwindenlassen ist im gegenwärtigen Konflikt zu einem eskalierenden Gewaltphänomen geworden“, schreibt die Forscherin. Begangen werde es von Täter aus der organisierten Kriminalität sowie staatlichen und parastaatlichen Gruppen, die in einem weitgehend rechtsfreien Raum agierten. Die Gewalt der Vergangenheit werde so durch Gewaltphänomene der Gegenwart überlagert.

Erschwert werde die Aufarbeitung der Vergangenheit durch die zentrale machtpolitische Rolle des Militärs in diesem aktuellen Konflikt, schreibt Sylvia Karl. Denn das Militär habe auch die Täter des „Schmutzigen Krieges“ der Vergangenheit gestellt. In ihrer Doktorarbeit beschreibt die Marburger Forscherin vorwiegend am Beispiel der besonders betroffenen Region rund um die Stadt Atoyac, dass es in diesem „Schmutzigen Krieg“ jahrzehntelang zu einem Prozess der „Dehumanisierung“ gekommen ist. Damit bezeichnet sie die Prozesse der Legitimierung von Gewalt, in denen den Gegnern der Regierung menschliche Qualitäten abgesprochen worden seien. Methoden der Aufstandsbekämpfung seien neben dem Verschwindenlassen, den illegalen Verhaftungen auch Exekutionen, sexuelle Gewalt und Folter gewesen. „Menschen wurden zu entmenschlichten Elementen und entrechteten Körpern degradiert und so aus dem staatlichen Gefüge eliminiert“, so Sylvia Karl. Den Angehörigen sei zudem durch bewusstes Nicht-Informieren das Ausführen der Totenrituale verweigert worden.

Wie kann diese Dehumanisierung in eine Rehumanisierung umgekehrt werden, fragt die Forscherin. Ein zentrales Element in diesem Bemühen sei der Versuch, „Gegenerinnerungen“ zu den offiziellen Versionen der Vergangenheit zu entwerfen. Dazu zählten das Sprechen über die Verschwundenen, die Suche nach Tätern, Proteste im öffentlichen Raum, bei denen Bilder der Verschwundenen gezeigt werden. „Die Präsenz der Abwesenheit führte dazu, dass Angehörige von Verschwundenen, vor allem Frauen, zu Akteuren einer politischen Praxis wurden, aus denen sich die ersten Menschenrechtsbewegungen Mexikos entwickelten“, bilanziert Karl.

von Manfred Hitzeroth

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