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Am Verhandlungstisch mit Göring

"Welfenschatz" Am Verhandlungstisch mit Göring

Haben 1935 jüdische Kunsthändler einen fairen Preis für den "Welfenschatz" erhalten? Ja, sagte 2009 die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und lehnte die Herausgabe der Gegenstände an die Erbengemeinschaft ab.

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Das Welfenkreuz (links) und das Kuppelreliquiar (Bild rechts, unten) sind zwei der insgesamt 42 Einzelstücke des „Welfenschatzes“.

Quelle: dpa / Collage: Nikola Ohlen

Marburg. Nein, sagt dagegen der Marburger Anwalt Markus H. Stötzel, der die amerikanischen und englischen Anspruchsteller vertritt. Stötzel, Restitutions- und Kunstrechtsspezialist, hat mit seinem Team in den vergangenen Jahren intensiv Dokumente und Archive durchforstet, um die Umstände des Verkaufs der Sammlung 1935 darstellen zu können.

Sechs Jahre zuvor, im Oktober 1929, hatten drei jüdische Kunsthändler die legendäre Reliquiensammlung vom Fürstenhaus Hannover erworben, das auch in Folge der politischen Unruhen und Wirtschaftskrise in der Weimarer Republik an neue Finanzmittel kommen wollte. Insgesamt 82 Einzelteile aus dem mittelalterlichen Braunschweiger Domschatz umfasste die Sammlung damals, für die die Kunsthändler 7,5 Millionen Reichsmark bezahlten. In den folgenden Jahren verkauften die Kunsthändler 40 Stücke, vor allem an Museen und Sammlungen in den USA.

Ab 1933 änderte sich die Situation für die Kunsthändler mit der Machtübergabe an die Nationalsozialisten radikal. „Der erste Schritt war es, die Juden wirtschaftlich auszugrenzen und systematisch zu ruinieren“, sagte Stötzel. Ein Beispiel dafür: 1929 hatte die Kunsthandlung Hackenbroch, einer der drei Besitzer des „Welfenschatzes“, einen Jahresumsatz von zwei Millionen Reichsmark. Dem stehen 1933 ein Umsatz von nur noch 50000 Mark gegenüber.

Die Händler gerieten durch die Judenverfolgung und NS-Rassenpolitik immer stärker unter Druck, einige flohen ins Ausland. Der verbliebene „Welfenschatz“ wurde im Juni 1935 an den preußischen Staat verkauft - nicht freiwillig, wie die Erben, die sich auf Gutachten namhafter Experten stützen, argumentieren.

Stützen können sie sich dabei auch auf Dokumente, die Stötzel und sein Team in den vergangenen Jahren in den USA und Deutschland gesammelt haben. Hermann Göring, Reichsminister ohne Geschäftsbereich und Reichskommissar für das preußische Innenministerium, veranlasste persönlich die Gespräche über einen Verkauf mit den Kunsthändlern. „Die Wiedererlangung des ‚Welfenschatzes‘ wurde seinerzeit als ‚völkische‘ und national bedeutsame Rettungstat betrachtet und propagiert“, sagte Stötzel.

Für die Verhandlungen wurden Strohmänner eingesetzt, um die Identität des wahren Kaufinteressenten - der NS-Staat Preußen - zu verschleiern und den Kaufpreis möglichst niedrig zu drücken, wie Dokumente aus dem Archiv der Dresdener Bank belegen, die letztendlich den Ankauf für 4,25 Millionen Reichsmark abschloss, auch wenn die Summe nur teilweise ausgezahlt wurde.

Die Kenntnis von den näheren Umstände des Verkaufs veranlasste die Mandanten Stötzels, 2008 ein Rückgabeersuchen für den „Welfenschatz“ an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) zu stellen. Sie stützen sich dabei vor allem auf eine 1999 unterzeichnete „Gemeinsame Erklärung“ (siehe rechts), in der sich die Träger öffentlicher Museen „zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogener Kulturgüter“ verpflichtet habe. Die SPK lehnte dies jedoch mit der Begründung ab, dass der Ankauf nicht in erster Linie aus Gründen rassischer Verfolgung stattgefunden habe.

Vermitteln soll jetzt die sogenannte „Limbach-Kommission“ (siehe rechts). „Es geht in all diesen Fällen darum, das geschehene NS-Unrecht als solches anzuerkennen und nicht länger zu ignorieren oder gar zu verschleiern“, sagte Stötzel.

Einen ersten Anhörungstermin vor der Kommission in Berlin Mitte September sagte die SPK kurzfristig ab. Offiziell, weil Stötzel und sein amerikanischer Anwaltskollege Mel Urbach kurzfristig noch zwei Gutachten vorgelegt hatten. Mittlerweile ist die Auseinandersetzung um den „Welfenschatz“ aber längst ein Politikum geworden, nachdem die israelische Kulturministerin Limor Livnat sich in einem Brief an den deutschen Kulturstaatsminister Bernd Neumann gewandt hat. Wann die nächsten Gespräche geführt werden sollen, ist derzeit offen.

von Andreas Arlt

Hintergrund: "Welfenschatz"

Der Reliquienschatz besteht aus kunsthandwerklichen Gegenständen, die zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert gefertigt wurden. Diese gehören zu den bedeutendsten Goldschmiedearbeiten des Mittelalters. Zu dem ursprünglichen Welfenschatz, der erst ab dem 19. Jahrhundert so genannt wurde, gehörten unter anderem ein Reliquiar mit dem Zahn Johannes des Täufers, ein Armreliquiar des heiligen Blasius oder das Welfenkreuz. Herzog Ernst-August von Braunschweig-Lüneburg versuchte 1928 aus Geldnot erstmalig, die verbliebenen 82 Gegenstände aus der Sammlung zu verkaufen. Den Wert der verbliebenen 42 Einzelstücke beziffern Experten auf mehr als 100 Millionen Euro.

Hintergrund: "Limbach-Kommission"

Im Dezember 1999 haben Bund, Länder und kommunale Spitzenverbände eine „Gemeinsame Erklärung“ unterzeichnet. Sie erklärten sich „zur Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz“ bereit. Zur Mediation strittiger Restitutionsfragen wurde eine „Beratende Kommission“ unter der Leitung von Jutta Limbach, ehemalige Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts, eingesetzt. Die „Limbach-Kommission“ kann Empfehlungen für faire und gerechte Lösungen aussprechen, wenn dies von betroffenen öffentlichen Einrichtung und den ehemaligen Eigentümern der Kulturgüter oder deren Erben gemeinsam gewünscht wird.

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