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Am Haken zurück in den Osten

25 Jahre Mauerfall Am Haken zurück in den Osten

Nachdem am 9. November in einer historischen Nacht die Berliner Mauer gefallen war, machte sich das am Tag darauf auch in Marburg bemerkbar. „Es wimmelte von DDR-Fahrzeugen“, erinnert sich Gunnar Stauzebach.

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Am 10. November 1989 hat Gunnar Stauzebach den ersten Trabi in das thüringische Ballhausen zurück gebracht.

Quelle: Stauzebach

Marburg. Die Gedanken die Stauzebach bei diesem denkwürdigen Ereignis vor 25 Jahren durch den Kopf gehen, kennt er noch ganz genau. „Ich habe gewusst: Jetzt beginnt eine neue Zeitrechnung“. Als Zwölfähriger erlebte er 1961 hautnah mit, wie die Mauer gebaut wurde. Den mütterlichen Teil seiner Verwandtschaft, der damals winkend auf der Ost-Berliner Seite der Grenze stand, hatte er seitdem nie wieder gesehen. Als jene Grenze dann durch den Druck der ostdeutschen Bevölkerung fiel, wusste er, „dass diese Trennung nun vorbei ist.“

Als einen „Befreiungsschlag für unser gesamtes Deutschland“ habe er die sensationellen Neuigkeiten empfunden - für ihn Anlass „auch einen eigenen Einsatz zu leisten“. Am 10. November 1989 „konnte man in Marburg an jeder Straßenecke einen Trabi sehen“, sagt Stauzebach, der einen Abschleppdienst und eine Kfz-Werkstatt betreibt. Die DDR-Bürger kommen damals in Scharen, um einmal den Westen zu sehen. Wie sie aber zurück in ihre Heimat kommen sollten, wussten diejenigen, die eine Panne erlitten, meistens nicht. „Die hatten kein Geld und waren darüber hinaus auch zum Teil völlig unbeholfen. So etwas wie einen Abschleppdienst hatte es in der DDR nicht gegeben“, erinnert sich Stauzebach.

Getragen von allgemeiner Euphorie und Zusammengehörigkeitsgefühl bietet Stauzebach den Liegengebliebenen seine Hilfe an, doch nicht alle Trabis sind auf die Schnelle zu reparieren. Also lädt Stauzebach gleich am 10. November den ersten auf seinen Hänger und fährt einen Ostdeutschen mit seinem Abschleppwagen zurück nach Ballhausen in der Nähe von Eisenach - unentgeldlich. „Geld zu nehmen war gar kein Gedankengang“, sagt er.

Rund ein Jahr lang fahren Stauzebach und seine Frau Ute immer wieder mit aufgeladenen Trabis Touren in den Osten, um Menschen zurück in ihre Heimat zu bringen. Rund 60 bis 80 Mal, schätzt er heute. Auf diese Weise sieht er unmittelbar nach der Grenzöffnung eine ganze Menge von der DDR. „Es war alles in einem runtergekommenen Zustand“, erinnert er sich. „Man hat sich gefühlt wie in den Fünfzigern im Westen.“ Die Leute seien hingegen warmherzig und gastfreundlich gewesen.

Dankbarkeit und viele Freundschaften

1991 bildet Gunnar Stauzebach (links) Ostdeutsche in Dresden für den Abschleppdienst aus.

Quelle:

Die DDR-Vertretung in Westdeutschland kann ihm seine Kosten aus bürokratischen Gründen nicht erstatten, „doch Geld war nicht wichtig“, sagt Stauzebach. Um zumindest seine Spritkosten zu decken, wird im Ebsdorfer Grund sowie in Sichertshausen und Bellnhausen Geld gesammelt, als man dort von seinem Engagement erfährt. Auch die Kooperation mit anderen Autowerkstätten sei sehr gut gewesen, sagt Stauzebach. Mercedes-Händler Manfred Schwarz habe sogar einmal einen alten VW an einen Ostdeutschen verschenkt.

Für seinen Einsatz erhhielt Stauzebach viel Dankbarkeit und Freundschaften, die zum Teil bis heute halten. Für viele DDR-Bürger war vor allem die unbürokratische schnelle Hilfe etwas Außergewöhnliches. „Müssen Sie da nicht vorher erst einmal einen Antrag stellen?“, hatte ihn einer einmal gefragt, als er von ihm nach Hause gefahren wurde.

Immer noch ist Stauzebach häufig im östlichen Teil Deutschlands unterwegs, wo er 1991 auch als Ausbilder für Abschleppdienste in den neuen Bundesländern tätig war. Äußerlich sehe es dort inzwischen genauso aus wie im Westen, nur bei den Menschen sei „die Ellbogengesellschaft noch nicht so fest verankert“. Auch zürckblickend auf die Geschichte der DDR findet Stauzebach: „Wir wissen heute nicht immer zu schätzen, welchen Wohlstand und welche Freiheit wir im vereinten Deutschland haben.“

von Peter Gassner

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