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Am Friedensplatz tobt ein Mieter-Krieg

Beschwerden über Gewobau Am Friedensplatz tobt ein Mieter-Krieg

Die Wut einer Anwohner-Initiative in Weiden-hausen richtet sich gegen den Vermieter, die Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft (Gewobau). Die Vorwürfe: Haus-Verfall, Drohungen, soziale Kälte.

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Der Dauerstreit zwischen Gewobau und der Mieter-Initiative Friedensplatz in Weidenhausen füllt Aktenordner: Steffi Seide (l.), Dorothee Borgmann, Beate Schäfer und Michaela Berg führen den Protest gegen Schimmel, Heizkosten und Co. an.

Quelle: Björn Wisker

Marburg. Wenn der Löwe brüllt, schießt Steffi Seides Blutdruck in die Höhe. Und das passiert bei Regen alle paar Minuten. Sobald Wasser in die hauseigene Niederschlag-Nutzungsanlage prasselt, reißt es die Nachbarschaft rund um den Friedensplatz aus dem Schlaf. Der Grund: Mini-Explosionen in der alten Technik. Das dröhnende Geräusch haben Seide und ihre Nachbarn das „Brüllen des Löwen“ getauft. Galgenhumor - der letzte Ausweg für ein halbes Dutzend Mieter im Kampf mit der Gewobau. Denn diese, so der Vorwurf kümmert sich seit Jahren nicht um den schleichenden Verfall des vor 20 Jahren gebauten Zweckviertels in Weidenhausen. Im Gegenteil: Die Mängel werden immer gravierender. „Die Heizung ist kaputt, die Zimmer sind ständig kalt“, sagt Beate Schäfer. „Die Wände sind durchnässt, Schimmel wuchert überall“, sagt Dorothee Borgman. „Fenster und Türen sind undicht, es zieht wie Hechtsuppe in den Wohnungen“, sagt Klaus Berger.

Schimmel-Möbel, von Nässe zerfressene Matratzen, Allergien, Dauerschnupfen: Der Marburger Mieterverein bestätigt die jahrelangen Querelen. „Es gab und gibt zahlreiche Verfahren vor dem Amtsgericht Marburg wegen Mängeln und Nebenkostenabrechnungen“, sagt Ursula Hedderich. „Es ist nur noch ekelig, unerträglich, es eskaliert. Denn die Gewobau weiß von allem, unternimmt aber nichts“, sagt Seide. Einige wohnen seit 18 Jahren am Friedensplatz. Dort, nahe des Schwimmbads Aquamar gibt es günstige Wohnungen, der Quadratmeterpreis bei 4,65 Euro, gesamt rund 400 Euro - viele zahlen nicht mal mehr das, weil sie aufgrund von Mängeln die Miete mindern.

Nun fürchten sie den Winter, die Kälte. Denn die Heizung ist unberechenbar, meistens defekt. „Wir sitzen immer mit Pullovern und Kapuze auf der Couch“, sagt Klaus Berger, der seit fast vier Jahren in einem der Häuser wohnt. Entweder Eiseskälte, oder es sei zwischendurch für ein, zwei Stunden brütend heiß. In der Vergangenheit sollen Heizungs-Firmen bis zu drei Mal am Tag angerückt sein um die Heizungsanlage zum laufen zu bringen, richtig einzustellen.

Kreisjobcenter sieht Anstieg kritisch

Die Mieter berichten davon, dass Handwerker die Technik für veraltet, überfordert und untauglich halten. Nur die Installation einer neuen Heizung helfe. Doch für solche Klagen, so die Protestgruppe, interessiere sich die Gewobau nicht. 2011, nach vielen Appellen und Einschalten der Stadtspitze, habe es eine Versammlung gegeben bei der 20 der 47 Mietparteien massive Probleme schilderten. Seitdem herrscht Anwohnerin Michaela Berg zufolge Funkstille von Gewobau-Seite. Außer es gehe um die Androhung von Sanktionen und Briefverkehr in Rechtsstreits. „Wir sollen ausziehen wenns uns hier nicht passt. Das wurde vielen geraten“, sagt Borgmann.

Angst herrscht unter den Anwohnern. Denn die Horror-Heizkosten alarmieren etwa das Kreisjobcenter, das für einige zwar die Miete trägt, die Nebenkosten-Auswüchse jedoch kritisch begutachtet. „Hinausgewohnt werden wir hier. Das ist doch kein sozialer Wohnungsbau mehr“, sagt Schäfer.

Auf OP-Nachfrage reagiert die Gewobau ausführlich: „Wir können die Kritik verstehen“, sagt Matthias Knoche, Prokurist der Gewobau. Seit etwa 15 Jahren führe man einen Rechtsstreit mit Planern und Architekten, die beim Bau in den 1990er-Jahren gepfuscht haben sollen. Von ihnen verlangt die Gewobau unter anderem das Geld zurück, das ihr durch die Mietminderungen entgangen ist. Da Gutachten nicht vorliegen, aber laut Landgericht bis spätestens 18. Dezember eingereicht werden müssen, verzögere sich der Prozess bis jetzt. „Wir hoffen auf ein Urteil in 2014“, sagt Knoche.

In den vergangenen Jahren habe die Gewobau jedoch bereits vieles am Friedensplatz verbessert. Die Heizungsanlage, Fernwärme, sei 2011 erneuert worden. Mit den sogenannten Übergangsstationen habe es „kurzzeitig Probleme gegeben, die aber abgestellt worden sind.“ Defekte Fußbodenheizungen seien gegen Wandheizkörper ausgetauscht worden. „Und Geräusche von der Regenwasser-Nutzungsanlage können gar nicht mehr auftreten, sie ist stillgelegt“, kontert Knoche. Thema Schimmelbefall: Blumen in den Zimmern seien Schuld am Schimmel, die befallenen Möbel stünden zu nahe an der Wand und die Heizprobleme hingen damit zusammen, dass man nicht lüfte - so bügele die Gewobau nach Mieterangaben alles ab, gebe den Bewohnern die Schuld an der Entwicklung. Das bestreitet der Vermieter. Aber: „Es ist im Einzelfall zu prüfen, ob fehlerhaftes Lüft- und Heizverhalten oder Mängel an der Gebäudehülle die Ursache sind“, sagt Knoche.

Steffi Seide und Co. sind zudem wütend über „undurchsichtige, willkürliche Abrechnungen“ etwa bei Energie- und Heizkosten. „Ich habe meinen Lebenstil, mein Verhalten null verändert und muss plötzlich ein Vielfaches zahlen“, sagt Beate Schäfer. Binnen eines Jahres soll sie, die seit 18 Jahren am Friedensplatz lebt, ihren Verbrauch um 70 Prozent gesteigert haben. Die Gewobau verlangt für 2011 und 2012 Nachzahlungen von 1500 Euro. Das geht aus Schreiben hervor, welche der OP vorliegen. Berger, Seide und die anderen bestätigen: Selbst wenn die Zimmer wochenlang, etwa wegen Urlauben leerstehen und die Heizungen aus sind, schießen die Kosten in die Höhe. „So teuer kann Energie gar nicht geworden sein, wie wir mehr bezahlen müssen“, sagt Klaus Berger. Einen Schuldigen haben sie bereits ausgemacht: Die Regennutzungs-Anlage, der brüllende Löwe. Die Technik ist zwar vor mehreren Jahren abgestellt, jedoch nicht abgebaut worden. Unrentabel, hieß es von der Gewobau. Doch auch ausgeschaltet frisst die Technik wohl Strom - den die Mieter bezahlen müssen. „Wir wollten, dass das tolle System weiterläuft, für Waschmaschinen und Toilettenspülung. Dann den Betrieb und Verbrauch zu zahlen, ist doch klar. Aber bezahlen ohne Leistung, das geht gar nicht“, sagt Michaela Berg. Und doch schlage sich der Strom wohl in den Abrechnungen nieder.

Vermieter regt neue Mieterversammlung an

Weitere Unterschiede bei Posten der Jahresabrechnungen verwirren die Weidenhäuser: Bei gleicher Quadratmeterzahl müssen einige 48, andere 116 Euro etwa für Treppenhausbeleuchtung zahlen. Manche zahlen für Winterdienst und Straßenreinigung, andere nicht. Die meisten zahlen über installierte Wasseruhren, anderswo fehlen diese. Die Gewobau entgegnet zu dem Vorwurf der Intransparenz: „Die Abrechnungen halten wir für korrekt und nachvollziehbar“. 142 Euro, hätten die Mieter im Schnitt für Energie nur nachzahlen müssen. Dass es bei einigen teurer wurde liege daran, dass diese die jährliche Anpassung der Vorauszahlung auf die Energiekosten nicht gezahlt hätten. „Weil zu wenig angespart wurde, kommen zwangsläufig hohe Nachforderungen.“

„Wenn ich Schäden beim Vermieter anzeige, will ich ernstgenommen, nicht verleumdet und beschimpft werden“, sagt Seide. Sie sehne sich nach einer Lösung. „Mit der Gewobau, nicht gegen sie. Nur redet und handelt ja niemand mit uns, seit Jahren nicht.“ Das soll sich Matthias Knoche zufolge ändern. Er kündigt eine neue Mieterversammlung für Februar 2014 an - „wenn das gerichtliche Verfahren absehbar beendet ist“, sagt Knoche. Sein Angebot: Gerne könne man sich auch früher zusammensetzen. Eine Generalsanierung der Häuser am Friedensplatz, so Knoche, komme jedoch nicht in Betracht. Es könne nur um die Ausbesserung von Mängeln gehen.

von Björn Wisker

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