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„Am Ende werden wir Recht behalten“

Gedenken an Fukushima-Katastrophe „Am Ende werden wir Recht behalten“

Bis zu 1300 Menschen hatte das Anti-Atom-Forum in den Wochen nach dem Reaktorunglück mobilisiert. Fünf Jahre später ist das öffentliche Interesse kaum noch vorhanden.

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2012 waren Kinder aus Fukushima in den Landkreis eingeladen, um sich unter anderem beim Wake­boarden zu erholen.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg.  „Jede Welle verändert den Strand, manche Welle verändert die Welt“, steht auf einer Tafel an der Fukushima-Gedenkstätte in der städtischen Grünanlage am Pfaffenwehr. Es war ein anderes Atomunglück, das bei Hans-Horst Althaus den Grundstein für sein kritisches Verhältnis zur Kernenergie legte: Die Bomben auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945.

Da war für den Sechsjährigen der Krieg in Deutschland längst beendet – umso heftiger traf ihn der Schock, dass eine einzige Bombe eine ganze Stadt zerstört hatte. Gut 70 Jahre später erinnert sich Althaus aber auch noch gut daran, wie sich das Bild der Atomkraft in den Nachkriegsjahren änderte. „Atom für den Frieden“ sei eine Broschüre im Marburger Amerikahaus überschrieben gewesen, die die Vorzüge der neuen Technik pries. „Die Atomenergie ist das schlechte Gewissen derjenigen, die die Bombe geworfen haben“, sagt der Marburger heute.

"Abschalten für immer sofort"

Dass der friedliche Protest gegen die Nutzung der Kernenergie Erfolg haben kann, hat Hans-Horst Althaus selbst erfahren. In Fritzlar, wo er längere Zeit lebte, habe er mit anderen den Bau eines geplanten Atomkraftwerks verhindert, erinnert er sich. Vielen sei heute nicht mehr bewusst, dass in Deutschland 90 Kernkraftwerke vorgesehen waren – 71 davon seien verhindert worden, erklärt der Marburger rückblickend.

Nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl habe man schon geglaubt, dass das Ende der Atomenergie gekommen sei, erinnert Althaus an den ersten bekannten Super-Gau, der sich in diesem Jahr zum 30. Mal jährt. Es sollte anders kommen. Erst die Katastrophe von Fuku­shima mit vier zerstörten Reaktoren führte zumindest in Deutschland zu einem Umdenken. Fünf Jahre nach dieser Zäsur befürchten die Marburger Aktivisten aber, dass auch der Ausstieg aus der Atomenergie bis zum Jahr 2022 noch einmal wackeln könnte.

„Abschalten für immer und sofort“ lautet deshalb auch die zentrale Forderung an diesem Freitag, wenn um 18 Uhr wieder ein größerer Protestzug vom Elisabeth-Blochmann-Platz bis zum Marktplatz führen soll. Anders als das öffentliche Interesse an Fukushima und den Folgen hat das Engagement im Marburger Anti-Atom-Forum nicht nachgelassen. Jeden Montag wird ein Protest-Spaziergang durch die Stadt organisiert. „Natürlich gibt es auch Leute, die uns für Phantasten halten, aber am Ende werden wir Recht behalten“, sagt Hans-Horst Althaus. Für die Entsorgung des Atommülls gebe es nach wie vor kein Konzept und – davon ist der Marburger überzeugt – „ein sicheres Endlager wird es auf diesem Planeten auch nie geben“.

Zwei Jahre nach der Katastrophe von Fukushima hatte die Universitätsstadt Marburg auf der Grünfläche am Pfaffenwehr zwischen Deutschhaus- und Uferstraße ein Denkmal für die Opfer der Tsunami- und Atomkraftkatastrophe errichtet.
Zur Einweihung war auch der japanische Vizekonsul für Kultur, Politik und Öffentlich­keitsarbeit, Taketsugu Ishihara, nach Marburg gekommen.

Schüler erholten sich

Die Idee für die Errichtung einer Gedenkstätte hatte der Verein „Alles im Biegen“. Das Denkmal des Landschaftsarchitekten Matthias Burghammer besteht aus einer Gabionenmauer mit einer LED-Lichtwelle, die die Flutwelle des Tsunamis symbolisiert, die das AKW Fukushima überflutet hatte.

Nach dem Unglück in Japan hatte der Landkreis 18 Schulkinder aus der Region um das havarierte Atomkraftwerk für über zwei Wochen eingeladen. Die Schulkinder, die in Folge des Erdbebens, des Tsunamis und der Atomkatastrophe Schlimmes erlebt hatten, sollten sich in Mittelhessen erholen. Vorausgegangen war eine Spendenaktion des Kreises, bei der mehr als 30 000 Euro zusammen kamen und die den Besuch aus Japan ermöglichte. Die Jugendlichen waren Schülerinnen und Schüler aus der japanischen Stadt Tomioka, nur wenige Kilometer vom Atomkraftwerk Fukushima entfernt. Tomioka wurde nach der Havarie des Atomkraftwerks evakuiert. Die Bewohner können auf unbestimmte Zeit nicht in ihren Heimatort zurück.

„Fünf Jahre nach dem Super-GAU in Japan hausen noch immer rund 100 000 Menschen in Notunterkünften, weil ihre Heimat verstrahlt und unbewohnbar ist. Noch immer fließt radioaktiv verseuchtes Wasser ins Meer. Wind und Regen tragen strahlende Partikel übers Land. Die Schilddrüsenkrebsrate bei Kindern und Jugendlichen steigt drastisch an. Ein Ende der Atom-Katastrophe ist nicht abzu­sehen“, heißt es in einer Presseerklärung des Marburger Anti-Atom-Forums.

Das Unglück in Japan sei für viele hierzulande wieder sehr weit weg, konstatiert Hans-Horst Althaus. Eine Kernschmelze im AKW Fessenheim im Elsass, das durch einen Störfall erst vor wenigen Tagen in die Schlagzeilen geraten war, würde die Betroffenheit viel größer werden lassen. „Wenn die Menschen aus dem Elsass hierher fliehen, haben wir ganz andere Probleme“, prophezeit er.

von Frank Rademacher

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