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Am Anfang waren die gelben Gardinen

Kostümzauberwelt Am Anfang waren die gelben Gardinen

Schon als Mädchen liebte Anja Klaus Kostüme. Heute hat sie einen ganzen Raum voll davon, alle selbst genäht. Die 43-Jährige könnte wohl einen ganzen Hofstaat ausstatten. Mit der Biene Maja fing sie vor rund 30 Jahren an.

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Schwarzenborn. Fasching in Schwarzenborn, organisiert vom Tischtennisverein. Es ist das Fest des Jahres für die junge Anja. „Da mussten wir einfach immer hin“, sagt sie und lacht. Geld für tolle Kostüme? Fehlanzeige. Doch Anja wusste sich mit Oma Katharinas Unterstützung zu helfen. Und ruckzuck wurde aus den gelben Übergardinen, die es noch auf dem Dachboden gab, ein Indianer-Kostüm gezaubert. Die Faschingsfeier konnte kommen - und Anja hatte eine Leidenschaft gefunden: das Kostüm-Schneidern.

Foto: Nadine Weigel

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Rund 30 Jahre später. Anja Klaus ist 43 Jahre alt, verheiratet, hat zwei Töchter im Alter von 16 und 18 Jahren, einen Hund, ein Haus, einen Beruf - und einen Keller voller Kostüme. Die gelernte Glaserin arbeitet seit einiger Zeit wieder halbtags, sie hat einen Job als Laborfachwerkerin in Marburg. In den Jahren seit der Geburt ihrer Mädchen war die Schwarzenbornerin Hausfrau und Mutter - und Kostümschneiderin und Romanautorin. Der Fantasy-Roman „Die Kräuterhexe vom Roten Wasser“, erschienen im Burgwald-Verlag, stammt aus ihrer Feder. „Ja, das waren manchmal sehr kurze Nächte“, sagt sie, „solang ich nicht auf die Arbeit musste, hab ich gern mal bis nachts um drei an der Nähmaschine gesessen.“ Oder eben am Computer.

Kaum ein Tag ohne Nähmaschine

Doch auch heute gibt es kaum einen Tag, an dem man Anja Klaus nicht in ihrem Kostümkeller mit angeschlossenem Nähstübchen antrifft - „fast immer findet man sie dort“, sagt Tochter Anne und grinst. Die Mutter lacht: „Wenn ich Ideen habe, müssen die gleich verwirklicht werden.“ Energisch schürt sie jetzt das Oberteil eines üppigen Kleides mit weitem Rock aus bläulich schimmerndem Stoff. Darin steckt Schwester Monika Klaus (38 Jahre), die gemeinsam mit ihrer Nichte Anne für eine kleine Kostümvorführung bereit steht.

„Einmal alle meine Kostüme auf einmal präsentieren in einer großen Modenschau, einmal alles zugleich angezogen sehen“ - das ist Anja Klaus‘ großer Traum. Ordentlich auf aufgereiht hängen die Kleider und Herrenkostüme an der Stange. „Historisches zu fast jedem Anlass“, so überschreibt Anja Klaus ihr Angebot und nennt mittelalterliche Gewänder, Rokoko-Roben und Gehröcke aus der Napoleonischen Zeit als Beispiele. „Vom Mittelalter bis 1950 ist alles dabei“, erklärt die 43-Jährige, die auch darauf achtet, in allen Größen - von ganz klein bis ganz groß - immer etwas da zu haben.

Denn alles, was bei Anja Klaus in der „Kostümzauberwelt“ hängt, kann gegen Gebühr ausgeliehen werden. Die Schneiderin, die sich ihr Handwerk mit Hilfe der Oma komplett selbst beigebracht hat, verkauft ihre Arbeiten auch, „aber das ist teuer, denn vor allem die Kleider mit all ihren vielen Schichten und den üppigen Verzierungen sind sehr aufwändig in der Herstellung.“

Ein Blick auf ein oder zwei Stücke aus dem Fundus und man weiß sofort, was Anja Klaus meint. Sie hält jetzt ein gelb-rotes, prachtvolles Kleid in den Händen.

Eine Prinzessin in einem Disney-Film könnte so etwas tragen - oder eben Tochter Anne, die für den Besuch der Zeitungsleute jetzt mal in das gute Stück schlüpft. Passt wie angegossen. Der weite gelbe Rock ist mit roten Stoffröschen geschmückt. „Natürlich sind die selbst gemacht“, sagt Anja Klaus, „ich mag doch solche Sisyphusarbeit“.

Die Kostümzauberwelt wächst und wächst

Von den üppigen Roben, wie Anja Klaus sie auch für die Prinzenpaare aus Marburg, Stadtallendorf oder dem Gießener Raum geschneidert hat, zu den etwas schlichteren Stücken: Tochter Anne führt jetzt ein Kleid vor, dass das Gewand der heiligen Elisabeth darstellen soll. Zwar auch mit Brokat und mit goldgewirkten Bändern, aber mit sehr viel dezenterem Schnitt und schmalerem Rock. Angefertigt hat Anja Klaus es für eine Präsentation im Marburger Elisabeth-Jahr.

Wenn in der Region etwas Besonderes gebraucht wird, ist die Schwarzenbornerin oft die Ansprechpartnerin. „Was auch immer, gern auch Vampire oder sonst was“, sagt die 43-Jährige, die alles schneidern würde, solange es nur keine langweilige Standard-Klamotte sein soll.

Dabei erledigt Anja Klaus solche Auftragsarbeiten nicht nur, wenn sie die Kostüme anschließend auch verkaufen kann. Sie lässt sie auch gern für den Verleih in ihrem Fundus. „Am liebsten würde sie ohnehin jedes Stück behalten“, sagt Schwester Monika mit gespielt strengem Blick auf die ältere Schwester. Die bekennt schuldbewusst: „Ja, es fällt mir schwer, die Sachen wegzugeben.“

Und so wächst die „Kostümzauberwelt Klaus“, mit der die Schwarzenbornerin wohl nie reich werden wird, aber in der sie ein Hobby findet, dass sich selbst finanziert und ihr sowie vielen anderen Menschen ganz viel Freude bereitet.

  • Kontakt zu Anja Klaus unter Telefon 06427/2881, E-Mail: anja.klaus[at]web.de

von Carina Becker

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