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Altkleider: Das Geschäft mit dem guten Gewissen

OP-Reportage Altkleider: Das Geschäft mit dem guten Gewissen

In Mittelhessen ist ein Kampf um alte Klamotten entbrannt. Viele wollen an dem Millionengeschäft mit Altkleidern mitverdienen. Firmen, Geschäftemacher und Privatsammler rauben karitativen Kleidersammlern Kunden und Container-Standorte.

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„Es gibt keinen Ort, der nicht mit illegalen Containern zugepflastert ist“, sagt Andreas Voget vom Verband gemeinnütziger Altkleidersammler. Vor allem eine Marburger Firma soll Geschäfte mit gewerblichen Sammlungen machen.

Quelle: Foto: Rudolpho Duba / pixelio.de; Montage: Nikola Ohlen

Marburg. Aktuell kursieren Tausende Flugblätter in Marburg, die Anwohner zur Kleiderspende auffordern – mit Direktabholung in den jeweiligen Straßen. Zuletzt tauchten in Cappel und am Richtsberg etwa Flyer der Firma Ercan Recycling auf, die für eine Organisation namens Kindersuchhilfe zu sammeln vorgibt. Im Kleingedruckten des Zettels der südhessischen Firma versteckt sich der Passus, dass es sich um eine gewerbliche Sammlung handelt – das Unternehmen streicht die Erlöse also komplett ein.

Wie OP-Recherchen ergaben, handelt es sich bei der Kindersuchhilfe um eine dubiose Organisation. Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) prüft unter andrem die Seriosität von Spendenorganisationen und vergibt das DZI-Spendensiegel an solche, die Tätigkeit und Mitteleinsatz nachvollziehbar offenlegen. Der Verein Kindersuchhilfe hat das Siegel nicht, eine Einschätzung, so DZI, sei nicht möglich – im Gegenteil, aufgrund eines ausgesprochenen Sammelverbots in Rheinland-Pfalz warnt das Institut vor einer Förderung des Vereins. Zumal DZI in den vergangenen Monaten immer wieder erfolglos um eine Stellungnahme bat. Im Internet hagelt es vielfältige Vorwürfe gegen die Firma aus Heusenstamm.

Kleidung geht nach Litauen

Ein Großteil der Altkleider-Container in Marburg stammt von der Bicker GmbH, einer Firma mit Sitz in der Hölderlinstraße. Der Verwerter sackt nach eigenen Angaben alle Erlöse für die weiterverkaufte Ware ein, die Anwohner etwa in die Container in der Frankfurter Straße werfen. Brisant: Die Bicker GmbH gilt Branchenkennern zufolge als Mittelpunkt eines deutschlandweit operierenden Container-Kartells. Es heißt, dass die illegal aufgestellten Boxen zumeist von einem Firmengeflecht einer kasachischen Familie stammen. Angeblich haben zwei Brüder, deren Vater und ein Cousin rund 15000 Container ohne Erlaubnis in deutschen Städten platziert. Schätzungsweise 100 000 Tonnen Altkleider sollen so vom deutschen Markt nach Litauen – einem zentralen Sortierzentrum – geleitet worden sein.

Gegen die Marburger Firma gebe es „eine Welle von Beschwerden“, heißt es aus dem Regierungspräsidium Gießen, das der Firma wegen Unzuverlässigkeit die Gewerbeerlaubnis entzog. Vor Gericht aber einigte sich die Behörde kürzlich mit Jakob Nowakowski, Geschäftsführer der Bicker GmbH auf einen Vergleich. Die Firma darf unter Auflagen weiterarbeiten. Zu den Beschuldigungen und der Firmenstruktur will sich das Unternehmen nicht äußern. Nur so viel: Man müsse sich „gegen Vorwürfe, die aus der Luft gegriffen sind“ wehren.

60 Altkleider-Container stehen an 38 Standorten, auf öffentlichen Flächen, welche die Stadt Marburg kontrolliert. Je nach Region zahlen Unternehmen für die Aufstellgenehmigung 100 bis 1000 Euro an die Kommune. In den vergangenen Jahren verhängte die Marburger Stadtverwaltung Sprecher Ralf Laumer zufolge in zwei Fällen Strafgelder gegen Betriebe, die illegal auf öffentlichen Flächen gesammelt haben.

"Es gibt keinen Ort in Deutschland, der nicht mit illegal aufgestellten Containern zugepflastert ist"

Dabei würde die Kommunen illegal aufgestellte Container gern einziehen – doch das verhindert in Deutschland das Straßenrecht. Zunächst muss der Eigentümer offiziell aufgefordert werden, die Box selbst zu entfernen. Oft aber sind die Aufsteller nur schwer oder gar nicht zu erreichen. Falls doch, wird der Container womöglich nur ein paar Meter verrückt – und die Prozedur beginnt von vorn. Stellt ein Unternehmen seine Sammelstellen auf Privatgrundstücken ab, entzieht sich das der Kontrolle durch das Ordnungsamt – und somit den Strafen. Daher finden sich viele Container etwa auf Grünstreifen zwischen Wohnanlagen, wo niemand weiß, ob ein Nachbar den Container genehmigt hat. Oder tiefen Bürgersteigen, auf denen Anwohnern nicht klar ist, wo öffentlicher Grund endet und privater beginnt.

„Es gibt keinen Ort in Deutschland, der nicht mit illegalen Containern zugepflastert ist“, sagt Andreas Voget, Geschäftsführer des Vereins „Fairwertung“, dem Dachverband gemeinnütziger Altkleidersammlungen in Deutschland. Nach einer Schätzung landen mindestens 20 Prozent der Altkleider in illegalen Containern. Und: Immer häufiger versteckten sich hinter vermeintlich karitativen Sammlungen gewerbliche Firmen, wie etwa der dubiosen Kindersuchhilfe von Ercan Recycling. Mit fantasievollen Namen und karitativ anmutenden Symbolen würden Verbraucher in die Irre geführt. Von Wohltätigkeit keine Spur. Das sei Betrug, urteilt Voget.

Nach Angaben von „Fairwertung“ bringt eine Tonne Altkleidung zurzeit bis zu 450 Euro. Die Ware wird von Textilunternehmen aufgekauft, sortiert und nach Osteuropa, Afrika und Asien verschifft. Dort landet die Mode zum Wiederverkauf auf Kleiderbasaren.

Seit 2010 hat sich der Preis von Altkleidern verdoppelt. Heimische Sortierwerke zahlten im vergangenen Herbst zeitweise bis zu 550 Euro pro Tonne Sammelware. Der Markt ist groß: Die spendenfreudigen Deutschen rangieren nach Schätzungen jährlich 750000 Tonnen Kleidung und Schuhe aus. Wie lukrativ das Geschäft ist, hat kürzlich das Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen in einem Verfahren berechnet: Etwa 5000 Euro Gewinn bringt ein Container pro Jahr.

Spender verlieren Vertrauen

Die Gründe für die Preisexplosion sind vielfältig: Die Nachfrage nach Secondhandware ist vor allem in Afrika und Osteuropa stabil. Dorthin geht fast alles, was sich noch tragen lässt. Der unbrauchbare Rest, etwa die Hälfte der Sammelmenge, wird zu Putzlappen oder Dämmstoff verarbeitet, zurzeit ebenfalls begehrte Waren. Wegen der Finanzkrise trennen sich vor allem in den südeuropäischen Ländern die Menschen nur zögerlich von getragenen Klamotten – und kaufen selbst häufiger in Secondhandläden ein.

Vielen ist nicht bewusst, dass auch gemeinnützige Organisationen wie das Deutsche Rote Kreuz (DRK) den Großteil ihrer Kleiderspenden an dritte Unternehmen verkaufen. Jedoch investieren sie die so erzielten Erlöse in die Umsetzung gemeinnütziger Projekte. Über hundert solcher Organisationen haben sich „Fairwertung“ angeschlossen, die auf eine kontrollierte Weiterverarbeitung der Kleiderspenden achtet. Auch das DRK informiert seit 2013 mit Aufklebern an den Containern über die Verwendung der Kleiderspenden. Manche Sammler imitieren auf ihren Containern die Logos gemeinnütziger Organisationen. Andere versehen sie mit ebenso falschen wie dreisten Aufklebern, etwa: „Dieser Container ist genehmigt. Widerrechtlich dazugestellte Container werden sofort kostenpflichtig eingezogen!“

„Durch die illegalen Aufsteller verzeichnen wir immense Einbußen“, erklärt Thomas Wolff vom hessischen Landesverband des Deutschen Roten Kreuzes. „Darüber hinaus gehen uns natürlich auch Stellplätze verloren.“ Wie in Marburg, wo kein Altkleider-Container der Organisation mehr steht. Grund: Als im Herbst 2013 die Stadt rund 50 Stellplätze zur Aufstellung von Kleidercontainern ausgeschrieben hat, gab das DRK kein Angebot ab. „Aufgrund des Mindestgebotes haben wir uns an der Ausschreibung bewusst nicht beteiligt“, sagt Christian Betz, DRK-Kreisgeschäftsführer Marburg-Biedenkopf. Eine Einwurfklappe im Hof der DRK-Geschäftsstelle in der Deutschhausstraße 21 ist die letzte verbliebene karitative Sammelstation. 25 Tonnen Bekleidung werden in Marburg DRK-Angaben zufolge jährlich abgegeben. Etwa ein Drittel der Bekleidung wird an ein Verwertungsunternehmen verkauft. Daraus werden neue Waren hergestellt. „Und die erzielten Einnahmen kommen unseren sozialen Projekten zugute“, sagt Betz.

Finanzierung kommunaler Projekte

Die kommerzielle Konkurrenz raubt den sozialen Einrichtungen viele Spender. „Uns wird Spielraum genommen. Gerade im Hinblick auf die vielen, durch Kleidersammlung finanzierten und somit erst ermöglichten sozialen Projekte“, sagt Betz.

Die Kommunen haben den Altkleider-Hype zusätzlich befeuert. Städte wie Köln, Karlsruhe oder Hamburg sehen in dem Markt eine neue Einnahmequelle. Grundlage hierfür bildet eine Neufassung des Kreislaufwirtschaftsgesetzes (KrWG), die seit Mitte 2012 in Kraft ist. Dieses erlaubt den Aufbau kommunaler Sammelsysteme im Sinne eines öffentlichen Interesses. In der Tat sehen viele Städte im Aufstellen eigener Altkleidercontainer einen Weg, illegale Aufsteller zu verdrängen und gleichzeitig kommunale Projekte zu finanzieren. Die Stadt Marburg will nach eigenen Angaben nicht in das Geschäft mit alten Klamotten einsteigen, um Geld in den Haushalt zu spülen.

von Björn Wisker

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